Sree Sreenivasan: "Nenne Social Media gerne 'E-Mail ohne Schuldgefühle'"

Interview | Tatjana Rauth
14. Juni 2012, 16:22
  • Sree Sreenivasan denkt über jeden Tweet drei bis sechs Minuten nach, bevor er ihn ins World Wide Web schickt.
    foto: deidre schoo

    Sree Sreenivasan denkt über jeden Tweet drei bis sechs Minuten nach, bevor er ihn ins World Wide Web schickt.

Der Journalismus-Professor über Gerichtsprozesse um Twitter-Follower, Un-Friending und scheinbare Transparenz

Der in New York ansässige Journalismus-Professor Sree Sreenivasan zählt zu den einflussreichsten Social-Media-Kennern der Welt und sprach mit derStandard.at über Narzissmus, amerikanische Newsrooms und die Auswirkungen von Social Media in seiner Heimat Indien. Am Montag hält er im Rahmen der Hedy-Lamarr-Lectures einen Vortrag in Wien.

derStandard.at: Social Media wird oft mit narzisstischen Neigungen in Verbindung gebracht. Sie hingegen sprechen von einer neuen Großzügigkeit und der Kraft, die Gesellschaft zu verbessern.

Sreenivasan: Die meisten Kritiker von Social Media sind selbst keine regemäßigen User. Profis nutzen die Kanäle nicht, um über andere zu lästern oder ihr Mittagessen zu posten, sondern um ihre Umgebung mit nützlichen und hilfreichen Informationen zu versorgen. Das wird auch durch die neue Großzügigkeit deutlich, die alle Kommunikationskanäle nutzt, um Wertschätzung zu zeigen. Wir denken immer mehr über unsere Zuhörerschaft nach und verbinden uns mit ihr, das Zeigen von Wertschätzung ist ein Teil davon.

derStandard.at: Wie oft sollten sich affine Berufsgruppen über neue digitale Entwicklungen informieren?

Sreenivasan: Einmal in der Woche reicht völlig aus. Die wichtigen Nachrichten finden ihren Weg an die Oberfläche. Ich nenne Social Media gerne "E-Mail ohne Schuldgefühle". Man tut, was man kann, und jongliert mit der Zeit.

derStandard.at: Sie bekommen regelmäßig Einblick in amerikanische Newsrooms. Wie wird Social Media dort weiterentwickelt?

Sreenivasan: In amerikanischen Newsrooms wird derzeit die Diskussion geführt, wem die Follower gehören, wenn ein Mitarbeiter das Unternehmen verlässt. Gerade hat es ein ähnlich gearteter Fall der Firma phonedog.com bis vor Gericht geschafft. Die nächste Generation wird bereits verstehen, dass in einer digitalen Welt Branding entscheidend ist. Am besten ist, man baut einen Account für den Newsroom und einen für sich selbst auf.

derStandard.at: Reicht es, wenn Journalisten ihre Social-Media-Accounts mit dem Etikett "Persönliche Meinung" versehen?

Sreenivasan: Das glaube ich nicht. Ein gutes Vorbild ist der "New York Times"-Journalist David Carr. Er überprüft jeden Tweet vor der Freigabe aus den Augen seines Chefs und dessen Chefs. Man muss sehr vorsichtig sein. Auch ich überprüfe jeden Tweet drei bis sechs Minuten, bevor er online geht.

derStandard.at: Was steckt hinter Ihrem Prinzip "Be an early tester and a late adopter of technology"?

Sreenivasan: Viele Menschen haben plötzlich das Gefühl, sich an Social Media beteiligen zu müssen. Ich sage ihnen immer, sie sollen sich nicht um ihren vermeintlich späten Einstieg sorgen, weil wir alle gerade erst anfangen. Social Media heute ist vergleichbar mit dem Internet 1996. Es gibt also noch jede Menge Möglichkeiten für uns, zu lernen und teilzunehmen. Es gibt keinen Grund, immer der erste Nutzer neuer Entwicklungen sein zu müssen. Erst wenn etwas leicht in den Lebens- und Arbeitsfluss zu integrieren ist, ist man dafür bereit. Man sollte sich keine Sorgen machen, es ist schließlich kein Wettbewerb.

derStandard.at: Un-Friending ist in einer Welt der Multiplikation von Freunden und Followern eine Art Tabu. Ist es wichtig, Social-Media-Accounts gelegentlich einer Effizienzprüfung zu unterziehen?

Sreenivasan: Man sollte regelmäßig seine Kontaktlisten überprüfen, weil es bei Social Media vor allem darauf ankommt, mit wem man Kontakt hat. Wenn man seinem Netzwerk gut zuhört, merkt man schnell, wer nur Zeit verschwendet. Natürlich gibt es dafür auch technische Hilfsmittel, wie etwa who.unfollowed.me für Twitter.

derStandard.at: Social Media wird oft vorgeworfen, das Leben zu transparent zu machen. Auf Ihrer Webseite erhält man sogar Einblick in Ihren persönlichen Kalender. Wie gehen Sie damit um?

Sreenivasan: Mein digitales Alter Ego erscheint nur transparent. Ich poste keine persönlichen Dinge, ich checke nicht bei Foursquare ein, wenn ich meine Kinder von der Schule abhole. Nicht jede Person sollte alles posten, denken Sie nur an Angestellte des Militärs und der Polizei oder an Lehrer und Ärzte. Transparenz hat einen Wert bis zu einem gewissen Punkt. Wir müssen vorsichtig damit umgehen und uns jede Aktion überlegen. Wenn wir Technologie strategischer verwenden, wird alles gut.

derStandard.at: Glauben Sie, dass auch Ihr Ursprungsland Indien die revolutionäre Kraft von Social Media für sich nutzen kann?

Sreenivasan: Die Probleme in Indien lauten Korruption, Verschmutzung und Armut. Tatsächlich hat die Bevölkerung begonnen, sich über soziale Medien zu organisieren, so geschehen auf der Website ipaidabribe.com. Dort halten Leute fest, wann sie Schmiergeld bezahlen mussten. Diese Initiative hat große Verwirrung und Komplikationen in der indischen Regierung ausgelöst. Social Media ist sehr gut darin, Leute wachzurütteln und sie auf Problemfelder aufmerksam zu machen. Das sollten wir im Auge behalten. (Tatjana Rauth, derStandard.at, 14.6.2012)

Sreenath Sreenivasan zählt zu den einflussreichsten Social-Media-Experten der USA. Seine Mitarbeiter-Workshops werden von wichtigen amerikanischen Medien wie dem "Wall Street Journal" und großen Unternehmen gebucht. Seit knapp 20 Jahren unterrichtet er digitalen Journalismus an der renommierten Columbia University in New York.

Info

Am 18. Juni, 18.15 Uhr, wird Sreenivasan im Rahmen der Hedy-Lamarr-Lectures zum Thema "Beyond Facebook Friends & Trivial Tweets" einen Vortrag halten.

Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Dr.-Ignaz-Seipel-Platz 2, 1010 Wien

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10 Postings

Tweets sind virtueller Dünnpfiff.

für social media

bin ich zu alt. es interessiert mich einfach nicht und ich sehe für mich keinen nutzen in der welt von twitter, facebook und co.

anstatt 150 fb-friends von denen ich die halben nicht mal persönlich kenne, pflege ich die handvoll freundschaften die ich habe. anstatt mir 140-zeichen-meldungen zu geben, lese ich zeitungen und bücher.

und ich habe deshalb weder schuldgefühle noch schlaflose nächte.

da lachen die hühner

"un-friending ist in einer welt der multiplikation von freunden und followern eine art tabu."
diesen satz muss man sich auf der zunge zergehen lassen. mahlzeit!
wie kann man freunde und verfolger multiplizieren?
ist das eine neue grundrechenart?
allein schon der begriff "un-friending": köstlich.
der fragensteller muss selber ein eifriger freundes- und verfolgersammler sein, anders kann ich mir eine solche frage gar nicht vorstellen oder hat er sie ironisch gemeint?

Am besten ist, man baut einen Account für ......

Wie kann man einen Account bauen??

Die richtige Übersetzung von "create an acccount" ist
"Account anlegen".

D.h. "Am besten ist, man legt einen Account an für ......"

Account läßt sich sicher auch noch übersetzen =;-)

übersetzungsproblem halt:
er sagte wahrscheinlich "build" und meinte damit aufbauen (für den firmenaccount) nicht nur anlegen.

Plauderquastl nr.2

warum sollte ich bei emails schuldgefühle haben???

Instrumente sind nutzungsabhängig

Social Media sind wie Medien generell Instrumente, die jeder ein bisschen anders nutzt als die anderen. Medien sind per se weder "gut" noch "schlecht" - sondern das was ich daraus mache. Ähnlich wie ein Messer: Damit kann ich eine Scheibe Brot schneiden oder einen Menschen töten.

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