"Ernährungspyramide ist nicht sexy"

  • Für viele Menschen ein Argument: Gesund ernähren kann sich nur, wer die entsprechenden finanziellen Mittel dazu besitzt.
    foto: apa/jens meyer

    Für viele Menschen ein Argument: Gesund ernähren kann sich nur, wer die entsprechenden finanziellen Mittel dazu besitzt.

Gesunde Ernährung muss nicht teuer sein - Experten diskutieren in Wien über Freiheit und Selbstbestimmung des Essens

Wien - Wenn es ums Essen geht, wollen sich die Österreicher nicht gerne auf ihre Teller schauen lassen. Doch der persönliche Ernährungs- und Lebensstil wird zum Politikum, wenn daraus Übergewicht oder Adipositas resultiert. In Österreich sind zwei von fünf Erwachsenen sowie jedes fünfte Kind übergewichtig, so das "forum.ernährung heute", ein Verein zur Förderung von Ernährungsinformation. Jeder zweite Österreicher gibt an, schon einmal eine Diät gemacht zu haben.

Immerhin machen sich laut GFK-Austria Gesundheitsstudie aus dem Jahr 2011 zumindest 85 Prozent manchmal Gedanken um ihre Gesundheit - 30 Prozent sogar oft bzw. sehr oft. Und die Ernährungspyramide gibt auch eine grobe Richtlinie. Warum halten sich die Menschen nicht einfach an diese Pyramide? "Weil sie nicht sexy aufbereitet ist und nicht für jeden persönlich zugeschneidert ist", sagte die Ernährungswissenschafterin Marlies Gruber vom "forum.ernährung heute", das heute in Wien ein Symposium zu diesem Thema veranstaltet.

Ist Essen privat oder trifft es die Gesellschaft?

Die Zahl der übergewichtigen und adipösen Menschen hat in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen - auch in Österreich, wie der Ernährungsbericht zeigt. In Europa werden laut WHO ernährungsbedingte Leiden wie Herzkreislauferkrankungen, Diabetes und bestimmte Krebsarten für die Hauptkrankheitslast (77 Prozent) verantwortlich gemacht und stellen mit 86 Prozent die Haupttodesursachen dar.

Eine Tatsache, die längst nicht mehr einen einzelnen betrifft. "Es gibt eine latente Diskriminierung und Stigmatisierung von Dicken, weil sie der Gesellschaft etwas kosten", meinte Gruber. "Da stellt man sich die Frage: Ist Essen privat oder trifft es die Gesellschaft?"

Das Symposium beleuchtete am Donnerstag den gesellschaftlichen Diskurs zum persönlichen Ernährungsverhalten. Die Vortragenden spannten einen Bogen von der Gesundheitsgesellschaft und der gesundheitsfördernden Gesamtpolitik über die Klärung der Begriffe Privatheit, Autonomie und Eigenverantwortung hin zu politischen Instrumenten der Verhaltenssteuerung sowie deren Potenzial, die Privatheit des Individuums zu respektieren.

Kulinarische Erlebnisbildung

Wo sollte man ansetzen, um das in Österreich weit verbreitete Übergewicht zu reduzieren: über den Staat, in den Kindergärten, in den Schulen, in Lebensmittelgeschäften oder durch die Fettsteuer? "Die Effekte verlaufen sich", meinte Gruber. "Man muss auch überlegen, wie sich das Verhalten eines einzelnen verändert, wenn etwa die Preise eines umstrittenen Lebensmittels erhöht werden", gab die Ernährungswissenschafterin zu bedenken. "Ist der Preis für Butter höher, wird vielleicht weniger Brot gegessen. Erhöht man den Preis für Milchprodukte wie Topfen und Joghurt, essen die Leute weniger Obst."

Ein weiteres Problem: Die kulinarische Erlebnisbildung, die eigentlich durch das Zuhause geprägt werden soll, wird nicht mehr vermittelt. "Die meisten Menschen wissen nicht mehr, was in Lebensmitteln drinnen ist und woher sie kommen." Schon enthalten Produktbezeichnungen zu viele Informationen. "Man sieht, dass es den Konsumenten schon jetzt zu viel ist", sagte Gruber.

"Lungenbraten versus Bratwürstel" - gesunde Ernährung muss gar nicht teuer sein, meinte Gruber. "Wenn man Obst und Gemüse einbaut und das mit vielen Grundzutaten kombiniert, ist Essen nicht teurer, sondern sogar billiger. Dann hätten auch wieder mehr Hülsenfrüchte Platz, die bereits in Vergessenheit geraten sind und erst seit kurzem wieder Trend werden." Rote Linsensuppe mit Koriander statt Linsen mit Knödel. Auch alte Beilagen wie Bulgur, Couscous oder Pastinaken finden langsam wieder den Weg in die heimischen Töpfe. (APA, 14.6.2012)

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