"Chihiros Reise ins Zauberland": Verwunschene Welt im "Freizeitpark"

23. Juli 2004, 10:35
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Sehenswert: Das hintergründige japanische Animationsmärchen "Chihiros Reise ins Zauberland" von Hayao Miyazaki

Wien – Globalisierung hin, offener Weltmarkt her: Wie schwer es tatsächlich ist, Produktionen zu vermarkten, die den westlichen Konventionen nur begrenzt entsprechen – das sah man vor zwei Jahren an den fast leeren Kinos, in denen hierzulande Hayao Miyazakis wunderbarer Trickfilm Prinzessin Mononoke lief: Eine Saga rund um unterdrückte Naturmächte und Traditionen, reinstes Kino in betörenden Farben und faszinierenden Helden, das aber schon aufgrund einer unüblichen Animationslänge von über zwei Stunden Schwierigkeiten hatte, jenes Publikum zu finden, das dieser Film zweifellos verdiente.

Dabei hatte sich sogar die Disney-Firma Buena Vista um den Vertrieb verdient gemacht. Zweifelsohne auch, weil Miyazaki (der übrigens vor mehreren Jahren die TV-Serie Heidi verantwortete) gerne als "japanischer Walt Disney" gehandelt wird – was diesem Großmeister und seiner sehr speziellen Handschrift jedoch nur begrenzt, bestenfalls durch seinen Kultstatus in Fernost, gerecht wird.

Chihiros Reise ins Zauberland, sein neuestes Meisterwerk, hat nun zumindest zwei weitere Asse für erhöhte Attraktivität für westliche Zuseher vorzuweisen: Bei der diesjährigen Berlinale erhielt der Film den Goldenen Bären. Es folgte im März der Oscar für den besten Animationsfilm – völlig zu Recht. Allein schon die immer wieder begeisternde Hintergrundgestaltung, für die Miyazaki als Meister der Gestaltung von Landschaften und Innenräumen oft gepriesen wird, sucht im gegenwärtigen Kino ihresgleichen.

Hintergründig bis vertrackt ist auch die einer Verkettung traumhafter Assoziationen folgende Handlung, die einerseits erneut Miyazakis Lieblingsthemen variiert: die Entfremdung des modernen Japan gegenüber seinen religiösen und philosophischen Traditionen; gleichzeitig die Zerstörung von Natur, solange bis die in ihr herrschenden Götter (von denen selten auszumachen ist, ob sie eindeutig gut oder böse sind) wortwörtlich Müll speien. Andererseits bedient sich der Regisseur freier denn je bei internationalen Mythen und Märchen.

Odysseus und seine Gefährten, die von der Zauberin Kirke in Schweine verwandelt werden, klingen im Hauptmotiv einer nicht enden wollenden Irrfahrt ebenso an wie Lewis Carrolls Alice im Wunderland oder Michael Endes Unendliche Geschichte: Ein Mädchen verirrt sich an einem verfallenen kultischen Ort, den seine Eltern ironischerweise mit einem in der Wirtschaftskrise aufgelösten Freizeitpark verwechseln, in einer Herberge für magische Geschöpfe.

Miyazaki vergisst dabei in aller Opulenz und Melodramatik, die er zu entfalten weiß, nie die Schlichtheit, aus der sich der Mythos oft speist: Selten sah man eine größere Ansammlung von oft bis an den Rand des Trashs karikierten Wesen. Einzigartig: ein Hamster und ein Mückenvogel, die immer wieder chaotisiert durchs Geschehen rasen.

Irgendwo stand kürzlich zu lesen, dieser Film sei "nichts für Kids". Wieso? Gerade hier ist sie, die Alternative zu Dragonball und Co.
(DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2003)

Von Claus Philipp

Links

chihirosreise.de

spiritedaway.com

    <p>David Sowka hat Verständnis für <a href="/1244460640935" target="_self">Journalisten, die Twitter-Meldungen ungeprüft übernehmen</a>.</p>
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