Maß nehmen an einer "idealen Stadt"

26. Juni 2003, 12:45
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Das Prinzip der Kunstbiennale ist global. Es als unverwechselbares lokales Event dennoch geschickt zu implementieren schafft Luigi Settembrini mit der zweiten "Biennale Valencia"

Wenn sogar Sharajah, die islamische Stadt in den Vereinten Arabischen Emiraten, eine Kunstbiennale ausrichtet, wenn in Tirana oder Sydney, Sao Paulo oder Johannesburg im Zweijahrestakt der Miles-&-More-Club der internationalen Kunst-Auguren kurzfristig andockt, kann man von der Aktualität dieses Präsentationsmodells sprechen. Oder von Inflation. Die Biennale, nichts als ein von Venedig abgekupfertes, maßgeschneidertes Qualitätstourismus-Offert? Mitnichten. Doch jede muss sich profilieren - sollte sie zumindest.

Valencia, Spaniens mit rund einer Million Einwohner drittgrößte Stadt, hat nicht nur viele Kongresse und Orangen, sondern seit zwei Jahren auch eine - Biennale. Kurator Luigi Settembrini, der bei der Biennale Florenz mitgemischt hatte, verschreibt sich in dieser Stadt an der Costa Blanca einem Thema, nämlich der "idealen Stadt", der Vermischung unterschiedlichster Kultursparten sowie der Betonung auf etwas in situ Entstandenem.

Er ist stolz, dass nichts auf dieser seiner Biennale, die insgesamt rund vier Millionen Euro kostet, in irgendeiner schicken New Yorker Galerie längst genau so schon ausgestellt gewesen war. Und dass sich hier einer als "diktatorischer Zuseher" fühlt, scheint ausgeschlossen - ob des übersichtlichen wie heterogenen Angebots. Das Rad hat Settembrini dabei nicht neu erfunden, aber in Kombination mit einer lebendigen Stadt, die in den 80er-Jahren als Pillenwerfermetropole Schlagzeilen machte, erfreut das Programm mehr als allzu Kalkulierbares.

Vorzeigearchitektur

Valencia verfügt mit Santiago Calatravas spaciger "Stadt der Künste und Wissenschaften" noch dazu über futuristische Vorzeigearchitektur. Der Erweiterungsbau des zeitgenössischen Kunstmuseums IVAM soll von den japanischen Architekten Kazuyo Sejima + Ryue Nishizawa mit einer alles umspannenden, semitransparenten Stahlhautschachtel überdacht werden.

Anders als die Industriestadt Bilbao, die mit einem einzigen Prunkbau Touristen lockt, kann Valencia mit allerlei Schätzen aufwarten, ja sogar mit dem Heiligen Gral, der Originalversion selbstverständlich.

Im historischen Zentrum reißen leere Bauplätze Lücken, und die lässt Lóránd Hegyi temporär füllen. Solares heißen diese vernachlässigten Bauplätze im Spanischen, und so hat der ehemalige Wiener Museumsdirektor seine mit 37 internationalen Künstlern - u.a. Kabakov, Oppenheim, Pistoletto - gespickte Open-Air-Schau betitelt.

Auf staubigen Plätzen mit streunenden Katzen oder parkenden Autos steht etwa eine aus hohen, nach innen gerichteten Straßenlampen gefertigte Kuppel (Eugenio Cano) oder ein Fassadenzitat von Bertrand Lavier. Gloria Friedmanns Wandarbeit aus Blumenkübeln kommt daher als Mischung aus südlichem Friedhof und Idolverehrung, picksüß wie der Valencianische Schokotorte-mit-Schlagobers-Ersatz, die Horchata, Erdnussmandelmilch, die in Art-déco-Horchaterias literweise die Kehlen runterrinnt.

Doch was sind all diese Orte ohne Menschen? The Face - Mirror of Society: Hinter dem etwas pathetischen Titel verbirgt sich eine 10.000-Schwarz-Weiß-Fotos dauernde Beziehung des brasilianischen Fotografen Sebastiao Salgado zu den Menschen Valencias, wobei 100 Beispiele im Museum MUVIM so etwas wie eine Schnittmenge darstellen. Abseits von Multikulti-Klischees stellt er Protagonisten ins Rampenlicht, sei es die ganze Feuerwehrmannschaft, Orangenpflücker, Pferdezüchter oder auch Vertreter einer der größten Muslim-Gemeinden Spaniens. Letztere bei der Biennale eigens zu thematisieren fand Settembrini jedoch "viel zu modisch".

Dann lieber mit anderen Künsten liebäugeln, etwa dem Kino. In seine Bestandteile zerlegt es in einem fantastischen Palais der britische Regisseur Mike Figgis (Leaving Las Vegas). "Los Palacios" beherbergt nun das abgedunkelte "Museum der imperfekten Vergangenheit" mit abenteuerlichen Bild/Video-Spaziergängen ins Unterbewusste. Die Kunst-Geisterbahn wird allerdings etwas zu viel im "War Room", der allzu plakativ Puppen im vom zerdrückten Bierdosen gespickten Wohnzimmer Kriegs-CNN schauen lässt.

Mehr von spielerischem Entertainment als von reiner White-Cube-Kunst gibt es auch im Kloster el Carmen, wo Alsop & McLean hauptsächlich mit Studierenden des Royal College of Art eine Abteilung des richtigen Benehmens einrichten, mit riesigen Siesta-Sälen und eigenen Raucherhöhlen. Eine Karikatur des "Idealen".

Ernster geht es etwas außerhalb der Stadt zu, wo unter der Schirmherrschaft des Architekten Vicente Guallart wirklich so etwas wie eine ideale Stadt entworfen wird. 17 internationale Architekten/ Teams entwickelten Sociopolis, für geplante 50.000 Quadratmeter Fläche. Vorbild: Le Corbusier 1957. Nur diesmal, so Guallart, käme der Aspekt der neuen Technologien und der Natur dazu. Das Projekt soll tatsächlich realisiert werden, derzeit sucht man einen idealen Ort dafür. Ausstellungsort für Sociopolis-Pläne ist ein ehemaliges Kloster, ein Gefängnis in Franco-Diktaturzeiten, die nicht so lange her sind. Es sei wichtig für die Bevölkerung, so negativ besetzte Orte wieder umzudeuten, sagt Guallart. Und da kommt Kunst, sinnvoll eingesetzt, gerade recht.
(Doris Krumpl aus Valencia/DER STANDARD; Printausgabe, 24.06.2003)

Bis Ende September
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masdearte.com
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