Flensburg, die Stadt der Sünder

23. Juni 2003, 19:01
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Seit 1974 werden in Deutschland - mit Erfolg - Punkte verteilt

"Das kostet Sie jetzt 50 Euro und bringt Ihnen drei Punkte in Flensburg", hören deutsche Automobilisten, die mit 130 Stundenkilometern über eine Bundesstraße brettern und erwischt werden. Seit 1974 gibt es die Verkehrssünderkartei in der norddeutschen Stadt, die Erfahrungen sind durchwegs positiv.

Grund für die Einführung war die Ungleichheit bei den Strafen in den einzelnen Bundesländern. Die Regierung schuf daher ein einheitliches System, berichtet Angela Bartholmae, Pressesprecherin der Flensburger Behörde. 180 Mitarbeiter halten die Punktekarteien auf dem neuesten Stand.

Falschparken nicht dabei

Rund 200 verschiedene Ordnungswidrigkeiten und Straftaten bringen zwischen einem und sieben Punkten ein. Erfasst werden allerdings nur Strafen ab 40 Euro - Falschparken ist daher nicht dabei. "Das System ist nicht dazu da zu schikanieren, sondern um Menschen, die für sich und andere eine Gefahr darstellen, aus dem motorisierten Straßenverkehr zu entfernen", erläutert Bartholmae.

6,72 der rund 49 Millionen deutschen Führerscheinbesitzer sind derzeit registriert, 82,8 Prozent der Verkehrssünder sind männlich. Mit mehr als der Hälfte aller Delikte ist die Geschwindigkeitsübertretung der Hauptgrund für Punkte. An zweiter Stelle folgt bei den Männern die Alkoholisierung. Frauen zeigen dafür deutliche Defizite bei den Vorrangregeln: Fast 20 Prozent der vorgemerkten Damen haben solches zu verantworten.

Null ist möglich

Interessant auch die Punkteverteilung: 70,7 Prozent der Registrierten haben zwischen null und drei Punkte auf ihrem Konto. Null sind deshalb möglich, da man durch freiwillige Schulungen zwar Punkte abbauen kann, trotzdem noch eine gewisse Zeit gespeichert bleibt.

Das Internet schafft den Flensburgern übrigens Probleme. Mittlerweile bieten unbescholtene Fahrer den Gefährdeten gegen Geld an, Strafpunkte zu übernehmen. Möglich ist dies etwa, wenn die Radarbox blitzt und nur das Kennzeichen, aber kein Lenker zu erkennen ist. Rund 40 Anzeigen wurden von der Verkehrsbehörde mittlerweile wegen dieser Manipulationen bereits erstattet.

Es wirkt

Das System scheint dennoch zu wirken. Nahm die Zahl der Verunglückten im Straßenverkehr vor 1974 noch um jährlich 2,5 Prozent zu, sank dieser Wert seit der Etablierung der Flensburger Kartei um jährlich ein Prozent, berichtet das österreichische Kuratorium für Verkehrssicherheit. Zwar verbesserte sich auch die (sicherheits-)technische Ausstattung der Autos, gleichzeitig nahm aber auch die Verkehrsdichte auf den Straßen stetig zu. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2003)

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kba.de

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