Marin im STANDARD-Gespräch: Harmonisierung "für alle, aber zizerlweise"

23. Juni 2003, 23:46
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Der Pensionsexperte bezweifelt die Berechnungen der Beamtengewerkschaft

Wien ? 700 bis 800 Millionen Euro würde die Harmonisierung der Pensionssysteme in den ersten Jahren kosten, argumentiert Fritz Neugebauer, ÖVP-Abgeordneter und Chef der Beamtengewerkschaft. Der Pensionsexperte Bernd Marin widerspricht im STANDARD-Gespräch vehement: "Ich fürchte, es handelt sich hier um reine Milchmädchenrechnungen. Es gibt etwa keinen Grund, die Abfertigung für Beamte dreimal so hoch zu machen wie im privaten Sektor." Derzeit bekommen Beamte keine Abfertigung, aber Jubiläumsgelder.

Auch ein anderes immer wieder angeführtes Argument, warum die Harmonisierung teuer kommen werde, teilt Marin nicht: dass man Beamten höhere Einstiegsgehälter zahlen müsse. Marin: "Dieses Argument, dass Beamte wenig Aktivgehalt und dafür hohe Pensionen bekommen, gilt nur für die Leute, die vor den 70er-Jahren eingestiegen sind ? und die sind schon längst in der sicheren Pension. Alle jetzt Aktiven haben schon höhere Gehälter. Daher ist dieses Argument schlicht falsch."

Bleibt die Feststellung des Pensionsexperten, dass die Beamtenpensionen schlicht zu hoch sind: "Die Beamten haben das Recht auf eine höhere Durchschnittspension als die ASVG-Versicherten, weil sie mehr Akademiker und eine höhere Bildungsstruktur haben und weil sie mehr Beiträge zahlen. Daher ist eine höhere Pension gerechtfertigt ? etwa in der Größenordnung von 25 Prozent. Dass die durchschnittliche Beamtenpension aber um 250 Prozent über der durchschnittlichen ASVG-Pension liegt, das ist durch nichts gerechtfertigt. Das ist ungerecht und das macht das Beamtenpensionssystem teuer."

Im Gegenzug ist für Marin klar, dass eine Angleichung der Beamtenpensionen an die niedrigeren ASVG-Pensionen der Teil der Pensionsreform sei, der dem Staat viel Geld bringen würde: "Da sind Milliarden Euro pro Jahr zu holen." Vorausgesetzt, man mache eine mutige Harmonisierung: "Man darf es nicht nur für Neueintretende machen und man darf es nicht nur für unter 35-Jährige machen."

Nach Marins Vorstellungen könnte die Harmonisierung für alle gelten und das sofort: "Es muss alle treffen, aber zizerlweise." Konkret schlägt Marin vor, alle umzustellen ? auch Beamte, die nur zwei Jahre vor der Pension sind. Diese Beamten sollten dann die letzten zwei Jahre ASVG- Beiträge zahlen und eine ASVG-Pension für diese zwei Jahre bekommen ? für alle anderen Beitragsjahre eine Beamtenpension. Damit würde die Harmonisierung alle treffen ? je weiter weg von der Pension, desto stärker. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2003)

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