Geheimdienst und Gefühle

25. Juni 2003, 09:34
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Der Verrat des Vaters: Péter Esterházys selbstquälerische Nachschrift zu "Harmonia Caelestis"

Was ich sah, konnte ich nicht glauben", schreibt er bereits auf Seite 14. "Ich legte schnell die Hand auf den Tisch, weil sie zu zittern begann. Was soll ich jetzt machen. Als ob ich träumen würde. Gleich werde ich ohnmächtig, und alles ist vorbei." Auf den dann folgenden 350 Seiten setzt sich Péter Esterházy mit der ihm spät bekannt gewordenen, aber äußerst quälenden Tatsache auseinander, dass sein Vater Mátyás Esterházy im ungarischen Einparteienstaat von 1957 - 1979 als geheimer Informant der politischen Polizei Dienste leistete. Dem gleichen, mittlerweile verstorbenen Vater hat aber der Sohn gerade erst den vor zwei Jahren herausgekommenen großen Roman Harmonia Caelestis gewidmet, in dem die heroische Vaterfigur in unzähligen schillernden Gestalten erscheint.

Esterházy selbst hat einst ein Gesuch gestellt, um Einsicht in Archivmaterial zu bekommen, in Akten, die vom kommunistischen Staat über seine Familie angelegt worden waren. Die Dokumente, vier umfangreiche Dossiers, die die Agententätigkeit seines Vaters belegen, erhielt er unmittelbar nach der Vollendung von Harmonia Caelestis. Esterházy selbst erzählt diese Vorgeschichte in der Einleitung der Verbesserten Ausgabe - dem Buch, in dem er nun die erschütternde Geschichte vom persönlichen Leiden am Verrat des Vaters erzählt. Der Text des Buches ist zweifarbig gedruckt: Rot wiedergegeben sind die Auszüge aus den Spitzelberichten des Vaters und den Anmerkungen seiner Führungsoffiziere, Esterházys Kommentare dazu erscheinen schwarz. Rot hervorgehoben sind auch die Sätze aus Harmonia Caelestis, mit denen der Autor nun das so plötzlich verdunkelte Bild des Vaters konfrontiert.

Um die Geschichte vollständig abzuschließen, hat sich Esterházy im Budapest von heute - also Jahrzehnte später - auch auf die Suche nach den Schauplätzen des Verrats gemacht: Er hat die Agententreffs gesucht, diese obskuren, großteils nicht mehr vorhandenen Kaffeehäuser und Lokale, in denen der Vater seine Berichte abgeliefert und die Geheimpolizei von seinen Bespitzelungen im Detail informiert hat. Zwar entsprachen sie oft nicht den Erwartungen der auf ihn angesetzten Geheimdienstler: zu unpolitisch, zu ungenau, wertlos, nichtssagend. Aber, so Esterházy in einem Interview, allein durch die Tatsache, dass er kollaboriert habe, sei er schuldig. "Wie konnte er bloß vormittags in diesen Espressobars herumsitzen, in die sie ihn gejagt haben?" fragt sich der verzweifelte Sohn. In den Agentenberichten verrät der Vater Menschen aus seiner nächsten Umgebung. Er bespitzelte Freunde und sogar die eigene Familie. Die tagebuchähnlichen Kommentare des Sohnes sind vernichtend - und sie suchen verzweifelt nach dem "Warum", nach dem Schatten einer Erklärung oder dem Anflug eines Motivs.

Trotz aller privaten Pein hat Esterházy nicht versucht, das realistische Porträt eines Menschen zu zeichnen. Es hat den vielen aus Harmonia Caelestis bekannten Vaterfiguren eine weitere, allerdings sehr düstere, hinzu gefügt - den "Spitzel-Vater". Die Absicht ist klar: Er will zwar, dass man sich an die Schlechtigkeit seines Vaters erinnert, aber er wollte auch erreichen, dass sich die Ungarn mehr denn je bewusst machen, was sie heute sind und haben und was sie in den vergangenen Jahrzehnten erleben und durchleiden mussten. "Es gibt Momente in der Geschichte, die für einen Menschen zuviel sind. Und wenn es zu viel wird, bricht es aus", meinte der Autor auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse und lässt mit diesem Satz zum ersten und letzten Mal so etwas wie Verständnis für seinen Vater durchscheinen. Aber er fügte hinzu: "Mein Vater hat zwar mit Sicherheit gelitten, aber sein Leiden löste auch wiederum neues Leiden aus."

Kein Wunder, dass die Verbesserte Ausgabe in Ungarn wie ein Schock wirkte. Die Zeitungen berichteten einerseits über die politische Relevanz des Buches - ein Aristokrat als Spitzel. Andererseits aber auch über den bravourösen literarischen Hochseilakt, der Esterházy gelungen ist: Er hat nicht nur eine rein ungarische Tragödie, ein ausschließlich ungarisches Schicksal geschildert. Die Geschichten von Verrat und Bespitzelung, von Erpressung und Demütigung gehen uns alle an. Das erlittene Schicksal mit all seinen Facetten zu beschreiben und zu durchleuchten, um anschließend zurückzutreten und es objektiv in die Historie des eigenen Landes eingebettet und als Teil der Geschichte des Alten Europas zu sehen: dazu gehört Mut und die Meisterschaft eines grandiosen Autors. Schließlich hat Esterházy den Fall gleich dreifach als Tragödie (das Wort benutzt er wiederholt) und als Krise erlebt: als Sohn, dem das Bild eines Vaters, der feste Werte vertrat, verloren gegangen ist; als der Verfasser von Harmonia Caelestis, der Ode auf ein mit der Landesgeschichte verflochtenes Geschlecht, dessen Vaterfiguren selbst im größten Unglück noch Haltung bewahrten; und als der Schriftsteller, als der er bekannt ist und der sich fragt, ob er Harmonia Caelestis jetzt zurücknehmen müsse.

Mit dem Verrat des Vaters hat das Unglück Esterházy ereilt - und er bewahrt Haltung. Sein Dokumentar-Roman Verbesserte Ausgabe ist dafür der beste Beleg. Vielleicht, und das wäre ihm zu wünschen, wird Esterházy einst in der Rückschau als eine der großen Vaterfiguren eines neuen Ungarn gelten. Inzwischen allerdings zieht er in seinem Buch ein bitteres Fazit: "Das Leben meines Vaters", so Esterházy, "ist ein unmittelbarer und abstoßender Beweis für die Freiheit des Menschen." (DER STANDARD, Printausgabe vom 21./22.6.2003)

Von Günther Fischer

Péter Esterházy
"Verbesserte Ausgabe". Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki. Berlin Verlag, Berlin 2003

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