Provokation aus dem Paradies

25. Juni 2003, 21:09
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Vorarlbergs Architektur gastiert mit einer Ausstellung in Paris - und wird als "konstruktive Provokation" hymnisch gefeiert

Der Vorarlberger Architektur ist derzeit unter dem Titel "Une provocation constructive" eine Ausstellung in Paris gewidmet. Die Baukultur des westlichsten Bundeslandes wird in französischen Architekturmagazinen hymnisch gefeiert: Vorarlberg, das Architektur-Wunderland.


Das Paradies der Architektur gibt es. Es ist dort, wo selbst ganz gewöhnliche Menschen ihr Haus mit einem Architekten bauen, wo der Landeshauptmann, "ein alter Konservativer", neue Architektur fördert. Das Paradies ist kein Traum, es heißt Vorarlberg. In ähnlich überschwänglichen Sätzen beschreibt Emmanuel Caille in einem 25-seitigen Special des größten französischen Architekturmagazins d'A die Vorarlberger Baukultur.

Seit Mittwoch ist der Weg ins "Paradies" für die Pariser ein kurzer. Er führt ins Palais de la Porte Dorée, 1931 als Teil der Mega-Ausstellung über die französischen Kolonien errichtet und seither Heimstätte für Exotisches aus Kunst und Fauna. Ins monumentale Belle-Epoque-Palais hat das französische Architekturinstitut ifa für knapp drei Monate die Vorarlberger Kollegen geholt. Zur Ausstellung "Une provocation constructive".

Blick durchs Fenster

Durch zwölf Themenportale kann nun "Monsieur et Madame Tout le monde" eintreten ins Architekturland und schauen, wie der Vorarlberger Normalbürger baut, wohnt, lebt und arbeitet. Otto Kapfinger und Adolph Stiller entwarfen die zimmerwandgroßen Module aus Holz, Ignacio Martinez lieferte die großformatigen Bilder. Fenster und Schubladen laden die Besucher und Besucherinnen zur genauen Nachschau ein. Videos zeigen die Menschen hinter den Bildern.

"Wir wollten keine Hitparade der schönsten Bauten oder der zehn besten Architekten machen", sagt Otto Kapfinger, sondern Antwort geben auf die Frage, die Kuratorin Marie-Hélène Contal, Vizedirektorin des ifa nach Vorarlberg schickte: "Wie konnte dieses Phänomen entstehen?" Die Antwort, sind sich Architekten, Ausstellungsmacher, Landeshauptmann und Staatssekretär einig, ist einfach: "Die Vorarlberger Baukultur ist eine Folge demokratischer Auseinandersetzung, Resultat einer anfangs oppositionellen Bewegung."

Wie aus Opposition ein gesellschaftliches Phänomen wird, wollen Landeshauptmann Herbert Sausgruber und Staatssekretär Franz Morak künftig mit international besetzten Foren zeigen. Dort soll dann auch darüber nachgedacht werden, wie die schönen Einzelstücke einen gemeinsamen Rahmen bekommen könnten. Morak: "Wir müssen vom kostbaren Objekt zur Raumplanung kommen."

Und gibt's dazu "gescheite Projekte", könnte sich Morak auch für Subventionen aus Wien "erwärmen".

Kritik in Zeiten des Erfolges

Bregenz - Rechtzeitig zur ersten internationalen Ausstellung neuer Vorarlberger Baukunst in Paris wurde Otto Kapfingers Bestseller "Baukunst in Vorarlberg seit 1980" neu aufgelegt (Hatje Verlag). 260 Bauten geben "einen Überblick über eine 35-jährige Erfolgsgeschichte einer Architektur, die sich durch Qualität, Zuverlässigkeit und Konsequenz auszeichnet", wie Wolfgang Ritsch bei der Präsentation im Bregenzer Kunsthaus sagte.

Der Vorsitzende des Vorarlberger Architekturinstituts (vai) ließ Kritik antönen. Es fehle an Antworten auf städtebauliche Herausforderungen. An Ideen für eine "Weiterentwicklung des Lebensraumes".

Konstruktive Kritik erhofft sich vai-Direktor Markus Berchtold aus Frankreich: "Wir sollten die Zeit des (Selbst-)Lobes beenden und die Diskussion über die weitere Entwicklung eröffnen." Marie-Hélène Contal, Kuratorin der Schau, stellte Feedback in Aussicht: "In Paris werdet ihr in einer Laborsituation sein, aber nicht als Meister, sondern als Objekt." (jub)
(DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2003)

Jutta Berger aus Paris

Ausstellung:

"Une provocation constructive - Architecture contemporaine au Vorarlberg"
25.6 bis 14. 9.
Palais de la Porte Doree in Paris

Informationen:

Architekturinstitut Dornbirn Tel. 05572- 51169

Link

www.v-a-i.at

  • Artikelbild
    foto: vai/ignacio martinez
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