Börsianer warten auf das Unwetter

23. Juni 2003, 12:37
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Eine Börsenschwalbe im Frühling macht noch keinen Aktien-Sommer - Gastkommentar von Michael Margules

Nicht nur die Wetterlage bescherte uns zuletzt einen heißen Sommer, sondern auch an den internationalen Kapitalmärkten stiegen die Temperaturen stetig, mit Kursansteigen wie beispielsweise in Deutschland von nahezu 50 Prozent seit dem Einsetzen der kriegerischen Auseinandersetzung im Irak.

Doch wie so oft im Sommer kommt es bei zunehmender Hitze zu Unwettern, ein Faktum, daß auch für wiederum gedrückte Stimmung unter Börsianern sorgen könnte.

„Quo vadis, Aktie?“

Aus Sicht der Börsen-Bullen sind es vor allem zwei Entwicklungen, die für eine Fortsetzung der Hausse sprechen. Zum einen weisen sie auf das hohe Bewertungsniveau bei den Anleihen hin, das Aktien vergleichsweise attraktiv erscheinen lasse. So befindet sich beispielsweise die Rendite von zehnjährigen Treasury-Bonds mit nur wenig mehr als 3 Prozent auf einem 45-Jahres-Tief. Die sogenannten Junk-Bonds innerhalb des gesuchten High-Yield-Segments kommen im Durchschnitt auf eine Rendite von nur noch 9 Prozent, nachdem es im Herbst des vergangenen Jahres noch über 13 Prozent waren. Zum anderen stehen große Summen in niedrigverzinslichen Anlageformen bereit, die nur darauf warten, zurück in den Markt zu fliessen. Derzeit liegen gemäß jüngster Statistik in Sparkonten, Geldmarkt- Fonds und ähnlichen Anlagen mehr als 5 Billionen US-Dollar, eine nicht nur absolut rekordhohe Summe.

„Wenn es nach der Logik geht –

Was die umfangreichen Finanzreserven insbesondere der Privatinvestoren betrifft, die derzeit in niedrig verzinsten Anlageformen geparkt sind, so läßt sich feststellen, daß diese dort inzwischen seit fast drei Jahren geparkt sind. Es erscheint nicht ganz einsichtig, weshalb sie gerade jetzt in großem Umfang zurückfließen sollten, wo sich bisher sämtliche Aufwärtsbewegungen als wenig vertrauenswürdig erwiesen haben. Umfragen unter Privatanlegern unterstreichen zudem, daß sich die Einstellung der Privatinvestoren offenbar grundlegend verändert hat. Eine Rückkehr zur „Zockermentalität“ der späten neunziger Jahre, die eine Hysterie vor allem in den Technologiewerten nie gesehenen Ausmaßes bescherte, ist nicht in Sicht, und das, darüber herrscht ausnahmsweise allerorts Übereinstimmung, ist auch gut so.

...nach unten!“

Zweifel im Hinblick auf die Stichhaltigkeit der Argumente und damit bezüglich der Aussichten auf eine Fortsetzung der Hausse verbreiten auch die fundamentalen Daten. Gemäß der jüngsten Umfrage des bedeutenden Wall Street-Investmenthauses Merrill Lynch unter Fondsmanagern sind mehr als drei Viertel der befragten US-Fonds-Manager davon überzeugt, daß die Aktien in ihrer Region fair bewertet oder überbewertet sind. Darüber hinaus haben gerade Fonds in punkto Liquidität, im Gegensatz zum überliquiden privaten Sektor, kaum noch Spielraum für zusätzliche Investments. Nach Angaben von Merrill Lynch befindet sich der Cash-Anteil in den Portfolios institutioneller Fondsmanager mit knapp unter 4 Prozent auf dem niedrigsten Stand der vergangenen zwei Jahre. Fairerweise muß dazu allerdings auch festgehalten werden, daß die Aufwärtsbewegung der unmittelbaren Vergangenheit zu Gewinnmitnahmen führen wird, und damit wiederum die Cash-Bestände von Fonds(Managern) erhöht.

Vorsicht vor den Bärenrallys...

Schon lange nicht mehr waren die Hoffnungen auf ein Ende des jahrelangen Kursverfalls so ausgeprägt. Nicht nur die Charttechnik untermauert die These einer Umkehr, ebenso hat die psychologische Stimmung umgeschlagen. Anleger warten nicht mehr auf das nächste Desaster, sondern hoffen auf die nächste gute Nachricht. Somit scheint das formale Ende der Baisse nahe. Doch die angesichts der jüngsten Kurssteigerung ohnehin gar nicht so ausgeprägte Ruhe ist und bleibt trügerisch, die Voraussetzungen für einen erneuten Kursverfall vorhanden: Hohe Arbeitslosenzahlen, enorme Schuldenlasten der Unternehmen und Haushalte sowie das hohe Leistungsbilanzdefizit in den USA sind genauso ein Problem wie noch vor einigen Wochen, gepaart mit enttäuschenden Konjunkturdaten in Europa. Fazit: die Märkte waren im März sicherlich überverkauft, aktuell scheinen sie der tatsächlichen Entwicklung der Wirtschaft mittlerweile wiederum (zu) weit vorausgeeilt zu sein!

Nachlese

--> Indexieren passé, Investieren olé
--> Der Dollar fällt und fällt und fällt ...
--> Vorsicht, Crash-Gefahr
--> Wieviel Seiten hat die Medaille?
--> Wo geht's hier zum Wachstum?
--> "Sell in May and go away ..."
--> Börsen vor der Trendwende
--> Drei Jahre Baisse reichen
--> Einer wird gewinnen
--> Schweigen in der Folterkammer
--> Politik beeinflußt die Börsen wenig
--> Die Baisse kann bis 2018 andauern...
--> 1:0 für Anleihen
--> Arme Rentner
--> Kanonendonner oder Kursfeuerwerk?
--> Gratis-Kredit für den Chef
--> Aktien-Lotto
--> Quo vadis, Greenback?
--> 100 minus Lebensalter = Börsenerfolg
--> Haben „Bob the builder“ und US-Präsident Bush etwas gemein?
--> Aktien oder Anleihen: The winner is ...
--> Dow Jones in Richtung 120.000
--> "Baissemarkt bis 2018"
--> Eine schöne Bescherung
--> Von Analys(t)en und Abhängigkeiten
--> Börsen vor "Happy Wende"
--> Wenn der Zauber nicht wirkt
--> Contrariens unter der Lupe
--> Börsencrash revisited
--> Jim Rogers küsst wieder in Wien
--> Bush, Greenspan, Bin Laden ...
--> Zum Verkaufen zu spät, zum Kaufen zu früh
--> Japan ist einen Börsenblick wert
--> Wie sicher sind Versicherungsaktien?
--> Droht ein neuer Ölpreisschock?

Michael Margules lebt als freier Journalist in Wien. Sein Gastkommentar "Börsenblick" erscheint wöchentlich - jeden Montag - auf derStandard.at. Anlageempfehlungen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.
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