Marina

2. Juni 2003, 18:00
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Zehn Minuten später ist der braune Rand dann weg. Weil der Wind eine fixe Aufwach- und Blasebeginnzeit hat...

Wer vorher in Richtung Zentrum schaut, ist ohnehin selber schuld. Und außerdem macht das Café erst viel später auf. Da ist der Rand dann schon weggeblasen und die Ruhe der Enten auf dem und um den Willkommenssteg ­- das Betreten ist ausschließlich den Besatzungen von hier verhefteten Booten erlaubt - Vergangenheit.

Der braune Rand hängt über der Stadt. Er ist der Dreck in der Dunstglocke, die sich wie eine Kuppel hinter den Türmen am anderen Donauufer in die Höhe zieht, sich westlich spannt und dann mit dem Grün der Berge verschmilzt. Und es ist ein Glück, dass außer den Enten am Willkommenssteg um diese Zeit noch niemand am Treppelweg vor dem Café der Marina Wen sitzt und darauf wartet, dass der Wind aufwacht, die Schmutzglocke zerbläst und die Wolken donauabwärts schiebt. Bis der träge, breite Strom verspielt in der Sonne glitzert, die Türme am Horizont halbwahre Geschichten einer in die Zukunft blickenden Stadt verkünden und der Himmel so klar ist, dass man glaubt, das vergammelte Hotel am Kahlenberg wäre in Spuckweite.

Pathetische Fahnen

In der Früh ist man hier angenehm alleine. Mit Enten und Wind. Mit dem leisen Knattern einer Handvoll pathetischer Fahnen, die den Wochenend- und Freizeitmotorbootfahrern suggerieren wollen, dass Wien tatsächlich an der Donau liegt. Aber die Stadt ist in Wirklichkeit anderswo. Weiter stromaufwärts. Und außer dem durch die Bäume an der Donauuferstraße und das Wasser zu einem fast schläfrigen Surren heruntergefilterten Geräuschen der von hier aus unsichtbaren Straßen ist sie auch nicht zu hören.

Auch die Freizeitstadt ist ganz wo anders: Drüben, am anderen Donauufer. Dort, am unteren Ende der Donauinsel schaukeln ein paar Fischerboote mit noch hochgezogenen Netzen auf den Perlmuttwellen. Ein einziger Fischer - sitzt in weißem Feinrippleiberl und bunten Bermudas auf dem offenen Heck und blättert in der Zeitung. Dem Fluss schenkt er keinen Blick. Die kleine sandige wirkende Bucht ein Stück flussabwärts ist noch menschenleer. So wie meistens. Auch tagsüber. Denn den meisten Schwimmern und Sonnenbadern ist es hier schon viel zu weit stromabwärts - und wenn flätzen sie sich lieber ans stehende Gerinne auf der anderen Inselseite als an den fließenden Strom. Irgendwo da drüben muss aber doch schon jemand unterwegs sein. Der Wind trägt leises Hundegebell über den Fluss.

Schubverband

Vor der Marina mit ihren Teakholzsesseln, dem geradezu surreal perfekt getrimmten Rasen und den mustergültig geschotterten Wegen, zieht in der Früh ein einziger Läufer am Treppelweg vorbei. Keiner der Schau-Läufer wie man sie im Reichsbrückenviertel sieht. Vermutlich ein Gast des wenige hundert Meter - vorbei an der Motorboottankstelle und dem Hafen mit den teuren Spielzeugbooten - stromaufwärts liegenden Fünfsternhotels. Ruhig und mit konstantem Schritt, fast als orientiere er sich an der stoischen Kraft und Eleganz des Flusses, zieht der durchtrainierte dunkelhäutige Mann in Richtung Pagode und Kraftwerk vorbei. Der unsichtbare Hund am anderen Ufer bellt. Das Zwitschern eines Singvogels legt sich sanft mit dem Knattern der Fahnen an. Ein Schubverband stemmt sich die Donau aufwärts. Der Matrose auf dem Leichter (dem Lastkahn) winkt. Am Willkommenssteg ­- das Betreten ist ausschließlich den Besatzungen hier verhefteter Boote gestattet - lässt sich die Entenfamilie von den Wellen auf und ab schaukeln. Der braune Rand über dem Horizont ist verschwunden. Der Strom glitzert. Weiter oben, in der Stadt, beginnt der Tag.

Nachlese

--> Happels Herzblut --> Kaffeehausleiden, fortgesetzt
--> Blauklötze
--> Mariahilfer Straße, 7.02 Uhr
--> Roadrunner und Würstelmaus
--> Balkonien

--> Lifeballkarten
--> Kunstraub
--> In der Lagunenstraße
--> Banales Kreuzungsgeschehen
--> Der Mitesser

--> Gratis parken
--> Sternmarsch
--> Wie bei Oma
--> Indien
--> Ein Geschenk

--> Speckgürtel
--> Valentinsdebakel
--> Die Mulde
--> Die Tunnel unter der Stadt
--> Flugrattenpflege

--> Telefonieren für 0 Cent
--> Spaß mit den Nachbarn
--> Drei Zentimeter
--> Noch ein Zimmer
--> Eleanor Rigby

--> Quartierschreberei revisited
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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Panorama

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  • In der Früh ist man hier angenehm alleine. Mit Enten und Wind...
    foto: thomas rottenberg

    In der Früh ist man hier angenehm alleine. Mit Enten und Wind...

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