"Architekten sind gefährlich"

Interview
  • Designer und Architekt Piero Lissoni.
    foto: n. lanfranchi

    Designer und Architekt Piero Lissoni.

  • Der Eschenholz-Sessel "Deck" für Glas Italia aus dem Jahre 2011.
    foto: hersteller

    Der Eschenholz-Sessel "Deck" für Glas Italia aus dem Jahre 2011.

  • Ein Einblick in das Hotel Conservatorium in Amsterdam.
    foto: conservatorium hotel

    Ein Einblick in das Hotel Conservatorium in Amsterdam.

Der Architekt und Designer Piero Lissoni hat in Amsterdam ein ehemaliges Konservatorium aus dem 19. Jahrhundert in ein Hotel verwandelt

STANDARD: Sie haben ein großes Hotelprojekt in Amsterdam abgeschlossen. Sind Designer die besseren Architekten?

Piero Lissoni: Oh ja. Man muss bei der Arbeit allerdings wie ein Architekt denken. Ich habe Architektur studiert, deshalb fällt mir das also nicht schwer. Designer sind mit ihren Produktentwürfen näher an den Menschen und haben meist ein besseres Gefühl für das Zusammenspiel von Details und dem großen Ganzen.

STANDARD: Wanderer zwischen den Welten ...

Lissoni: Ich mag es, dazwischen zu sein. Es ist ein Credo für mein Leben - dazwischen zu bleiben. Daher ist es für mich ganz natürlich, in verschiedenen Feldern zu arbeiten. Schauen sie sich dieses Conservatorium Hotel mit dem großen Wintergarten an - das mag ich. Man ist nicht draußen, man ist aber auch nicht drinnen.

STANDARD: Irgendwann muss man sich aber festlegen.

Lissoni: Dazwischen zu stehen heißt nicht, wischiwaschi zu sein, sondern aus verschiedenen Positionen zu hinterfragen, ob das, was man tut, relevant ist. "Dazwischen" ist weder die Hölle, noch ist es der Himmel.

STANDARD: Apropos Hölle - Sie sagten mal über Ihr Büro, Ihre Architekten sitzen unten - näher an der Hölle. Warum haben Sie ein so schlechtes Bild von Architekten?

Lissoni: Weil wir gefährlich sind.

STANDARD: Wer ist "wir"?

Lissoni: Architekten - immerhin bin ich ja, wie gesagt, auch einer.

STANDARD: Und warum bitte sind Architekten gefährlich?

Lissoni: Weil sie oft nicht erkennen, dass Architektur evolutionär ist, nicht revolutionär. Es gibt zu oft den Versuch, Menschen in ein architektonisches Konzept zu zwingen, das nichts mit ihren Bedürfnissen zu tun hat.

STANDARD: Sie gestalten also auch nicht für die Ewigkeit?

Lissoni: Nein, ich gestalte für überschaubare Zeitläufe. 25 Jahre sind das Maximum. Ich denke nie an die Ewigkeit. Ewigkeit ist so bedrohlich und so dramatisch. Ich folge keiner Schule, keiner Haltung. Pyramiden oder Kolosseum - Kaiserreichfantasien oder faschistischen Glaubensbekenntnissen in Stein. Aber vielleicht bin ich etwas extrem in meiner Haltung ... Ich gestalte für die Gegenwart. Wenn man Glück hat, werden Entwürfe Teil der Moderne. Moderne ist der Schritt nach zeitgenössisch. Und wenn man sehr viel Glück hat und sehr, sehr gut ist, werden Sachen ikonisch. Aber mir reicht es, zeitgenössisch zu sein, mir reicht es, bei dem, was ich mache, im Jetzt zu sein. Ich will nicht rastlos nach den Lösungen für zukünftige Generationen suchen. Ich will das Wissen, das ich habe, für Lösungen von heute einsetzen.

STANDARD: Ist es nicht schizophren, in einem Bereich zu arbeiten, den Sie so kritisch sehen?

Lissoni: Ja. Man muss schizophren sein, um so zu arbeiten. Auf der einen Seite muss man Realist sein, auf der anderen Visionär. Kann das, was ich mir vorstelle, so produziert werden, oder ist es einfach ein Hirngespinst? Das sind Fragen, die man sich täglich stellen muss. Man muss unglaublich präzise sein und auf der anderen Seite ein kompletter Spinner, um die Grenzen des Machbaren auszuloten.

STANDARD: Sie haben die Vokabel "Faschismus" im Kontext mit Design gebraucht. Was haben Sie genau gemeint?

Lissoni: Ich bin kein Mussolini, der Menschen dazu zwingt, mir zu folgen oder etwas zu tun, das ihnen nicht entspricht. Mein persönlicher Faschismus beginnt, wenn ich Entscheidungen treffen muss. Und der Entwicklungsprozess bei Produkten oder Projekten führt irgendwann dazu, dass einer sagt, was gemacht wird. Ich benutze diesen harten Vergleich, weil ich mich immer wieder dafür sensibilisieren will, dass darin auch eine große Gefahr liegt.

STANDARD: Zu welchen Zugeständnissen sind Sie bereit, wenn es darum geht, einen Entwurf zu ändern?

Lissoni: Das ist ein Prozess, der auf vielen Gesprächen und Diskussionen beruht. Ich wache mit einer perfekten, wunderbaren Idee auf, und dann muss ich mich der Realität stellen. Kunden, Ingenieure, Techniker ... Es sind Spezialisten, die aus einem ganz bestimmten Fokus meine Idee überprüfen. Dann kommen die Diskussionen. Das hört sich für manche schrecklich an, für mich ist es eine Bereicherung und sehr inspirierend.

STANDARD: Wie sehr beeinflusst Geld Visionen?

Lissoni: Zu mehr als 50 Prozent - ohne Geld keine realisierbare Vision. Das ist nicht frustrierend, sondern ein Limit. Mich reizt grenzenlose Freiheit nicht, ich mag die Idee von Limits. Mein Körper ist ein Limit. Ich wäre gerne Hermann Maier und würde gerne fantastisch Ski fahren, leider bin ich auf der Piste nur Piero Lissoni. Ich war Bergsteiger, als ich jünger war. Wer da die Limits nicht akzeptiert, läuft Gefahr, sich umzubringen.

Ich weiß, ich bin kein Pritzker-Preisträger. Ich weiß, ich bin Architekt, und ich bin Designer. Das Feedback auf meine Arbeit ist: Ich bin gut. Das reicht mir. Ich denke immateriell - das ist das Gegenteil von Realismus. Ich muss allerdings auch in der Lage sein, einen Reality-Check zu überstehen, und ein Punkt ist die Finanzierbarkeit.

STANDARD: Betten, Uhren, Koffer, Küchen, Yachten - Sie gestalten bis zum kompletten Hotel hin so ziemlich alles. Über 400 Produkte von mehr als 20 Herstellern. Wie kommen Sie immer wieder zu neuen Ideen?

Lissoni: Für mich bedeutet der Prozess, mich selbst überraschen zu können. Ich bin erstaunt, wenn ich etwas entwerfe. Es sind ja nicht irgendwelche blöden Zeichnungen, die ich mache. Ich gehe in den Entwürfen spazieren - um es etwas poetisch auszudrücken. So ein Spaziergang heißt, eine Distanz aufzugeben und sich auf den Weg zu machen. Immer wieder auf Überraschungen gefasst zu sein und immer wieder die Frage zu stellen: Ist das die richtige Richtung, um an das Ziel zu kommen?

STANDARD: Ihre Badewanne für Boffi, Ihr Lounge-Chair für Living Divani sind nur zwei Beispiele, die zu Design-Ikonen wurden. Ein gutes Gefühl?

Lissoni: Wenn ich etwas gestalte, denke ich nie über "Ikonen" nach. Das wäre unerträglich arrogant. Wenn Sie der Besitzer einer Firma sind, fragen Sie nach einem Entwurf für Ihre Fabrik, für Ihren Markt. Als Charles und Ray Eams ihre Aluminiumgruppe gestaltet haben, taten sie das mit dem Maximum an Wissen über die damalige Technologie. Mit neuen Formen. Es waren Formen, die der Zeit entsprachen. Zu Ikonen wurden sie 60 Jahre später. Das geht nur in der Rückschau.

STANDARD: Designer sind auf dem Weg, Pop-Star-Status zu erreichen. Möbel haben Namen, und der Designer, der sie kreiert hat, wird zur Visitenkarte für guten Geschmack ...

Lissoni: ... und alles, was er macht, wird zur Ikone. Das entspricht mir nicht. Ich mache einen Job. Ich bin ein Arbeiter. Dabei ist es egal, ob es eine intellektuelle Arbeit ist oder eine mit beiden Händen. Wenn ich von Kollegen höre: "Wir sind die Zukunft" - dann wird mir schlecht. Sottsass, Castiglioni und Zanuso waren meine Meister an der Universität. Für sie war es völlig selbstverständlich, bescheiden zu sein und zu bleiben. (Andreas Tölke, Rondo, DER STANDARD, 15.06.2012)

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