Singende Kommissare, schief laufende Ermittlung

13. Juni 2012, 18:04
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Ein Theaterkrimi, der sich über drei Länder erstreckt und auch jeweils in diesen aufgeführt wird: Simon Stephens' "Three Kingdoms" gastierte nun bei den Wiener Festwochen - ein wenig dringliches Unterfangen

Wien - Wer ankündigt, einen schönen Origami-Schwan zu falten, dann aber ein Blatt Papier in einer Hand einfach nur langsam zerknüllt, erzeugt keine gemütliche Stimmung. So subtil wie dieses Bild der willkürlichen Gewalt waren in Sebastian Nüblings "Three Kingdoms"-Inszenierung bei den Wiener Festwochen nicht viele Momente. Dabei hat der Regisseur dem staubtrockenen Ermittlerkrimi von Simon Stephens wichtige Belebungsspritzen verabreicht.

Zum Beispiel nimmt der deutsche Kommissar Steffen Dresner zur besseren Völkerverständigung mit den zwei Kollegen von Scotland Yard die Musik zu Hilfe und erklärt verstört singend seine unerklärliche Liebe zum Beatles-Lied "Rocky Raccoon". Pikanterweise kommt das Gegenteil der Botschaft an. Oder: Der versierte Handwerker Nübling macht irgendwann die Schieflage der Ermittlungsarbeit plastisch und erfindet choreografisch-akrobatische Manöver, die so tun, als würde der Raum kippen, sodass die Körper der Männer von links nach rechts fliegen. Von solchen Bühnenfreiheiten kann jeder "Tatort" nur träumen.

Das Kriminalstück weist über die Handlungsräume fernsehüblicher Verbrecherfilme aber nicht hinaus: Am Themse-Ufer wird eine Sporttasche angespült; in ihr liegt der Kopf einer Prostituierten. Was dann folgt, ist ein Querschnitt durch die Hinterzimmer des internationalen Verbrechens. Frauen, die in Hartschalenkoffern über Flughäfen gezogen werden, beim Pornodreh mit Besenstiel hantieren oder die ihren vom Boxkampf müden Patrones Gurkenstückchen am Silbertablett nachtragen.

Man muss die Qualität dieser Koproduktion von Lyric Hammersmith Theatre London, den Münchner Kammerspielen und dem Teater NO99 Tallinn in kleinen Details suchen. Am Ende des Gastspiels im Theater an der Wien blieb jedoch ein affirmiertes Mann-Frau-Gefälle übrig, das selbst von Kurzserien wie "Im Angesicht des Verbrechens" von Dominik Graf bereits durchbrochen worden ist. Frauen kommen in dieser Welt nur als Putzfrau oder Hure vor. Wie öd.

Das aus den drei Ländern zusammengeführte und somit dreisprachige Ensemble ist gut aufeinander eingespielt - unterschiedliche Spielstile sind sogar erkennbar erhalten geblieben. Ein Theater mit diesem ausgesuchten Thema hätte sich durchaus um weniger handelsübliche Optik bemühen müssen. Machos in Hugo-Boss-Anzügen, Pathologen in schwarzen Schlachtschurzen oder Leichen, die zugetackert werden, erinnern zu sehr an die Fortsetzung des Fernsehprogramms.

Auch jenseits des Kriminalfalls, als transnationales, europäisch markiertes Roadmovie greift "Three Kingdoms" zu kurz, ein wenig erheitert aber die Landeskunde: Saunieren als estnische, Rauchen als deutsche Spezialität. Durch die vielen kraftmeiernden Verhörepisoden schwebt aber ein rätselhafter Sänger - The White Bird -, ein Pate, anwesend und abwesend zugleich. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 14.6.2012)

Bis 15. 6.

  • Theater im Reisefieber: In Simon Stephens' "Three Kingdoms" ermittelt ein Detective quer durch Europa.
    foto: arno declair

    Theater im Reisefieber: In Simon Stephens' "Three Kingdoms" ermittelt ein Detective quer durch Europa.

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