Wir schreiben das Jahr 2032 - es gipfelt alle 20 Jahre wieder ...

13. Juni 2012, 17:35
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Ein Blick zurück aus der Zukunft

Wir schreiben das Jahr 2032. Alle Zeitungen berichten über die Nachfolgekonferenz von Rio+20, die vor 20 Jahren im Jahr 2012 stattfand. Eine internationale Karawane von mehr als 50.000 Menschen - Staats- und Regierungschefs, Minister, NGO-Vertreter, Journalisten, Aktivisten aller Schattierungen - kamen damals zum Erdgipfel der Hoffnung. 2012 war das Jahr, in dem die Welt unter einer globalen Wirtschaftskrise litt, die einige Jahre zuvor durch den Zusammenbruch einiger Banken ausgelöst wurde. Staaten wie Irland, Griechenland, Spanien und Portugal gingen damals pleite. Der Euro verlor an Wert, die EU steckte in einer tiefen Krise. Die Schattenseiten einer globalisierten Wirtschaft kamen ans Tageslicht. Freie Märkte, die einige wenige Milliardäre hervorbrachten und Milliarden in Armut stürzten, führten Krieg gegen den gesamten Planeten und seine Lebenswelt. Sie wurden unterstützt von den Politikern der Industrieländer, die Milliardensubventionen in das Karussell der Zerstörung fließen ließen.

Eigentlich sollte die Globalisierung die Armut im Süden bekämpfen und den Lebensstandard der armen Länder heben. Das gelang zwar zum Teil in einigen Ländern wie Indien, aber um welchen Preis! "Die Arme der globalisierten Wirtschaft waren so lang geworden, dass die Konzerne nicht mehr sehen konnten, was die Hände anstellten" (und zerstörten), wie die Analystin Helena Norberg-Hodge die Lage damals ausdrückte. Ein entfesseltes industrielles System, das im Blindflug über den Planeten zieht und bei jedem Unfall noch immer den Götzen Wirtschaftswachstum anbetete. Eine Lösung war nicht in Sichtweite. Nur ein paar Umweltorganisationen und Wissenschaftler hatten Lösungen anzubieten - aber die waren den Staaten und der Wirtschaft viel zu teuer.

In 20-Jahres-Schritten durch die Zeit

1972 fand die erste Weltumweltkonferenz in Stockholm statt. Damals war das Thema Umwelt ein Orchideenfach für einige belächelte Ökos, die angeblich lieber in den Bäumen als in modernen Städten leben wollten. Der erste Bericht an den Club of Rome sprach von der Endlichkeit der Ressourcen unseres Planeten. Der Klimawandel war noch ein Hirngespinst einiger verrückter Klimatologen. Erst in den Jahren danach kam es zu einer Veränderung des Denkens. Die Umwelt- und Anti-Atom-Bewegung und andere neue Kräfte der Zivilgesellschaft formierten sich, grüne Parteien entstanden und die etablierten Parteien wurden grüner. Das Waldsterben und die Zerstörung der Ozonschicht waren reale Bedrohungen, wo dringender Handlungsbedarf bestand. Und so floss langsam ein neues Umweltbewusstsein in die Politik und zahlreiche Gesetze wurden erlassen - teilweise mit Erfolg, teilweise um die wirklichen Probleme zu überdecken. Mit der Öffnung Osteuropas floss das neue Öko-Denken auch langsam in die Länder des ehemaligen kommunistischen Comecon.

1992 kumulierten die neuen Bewegungen der Zivilgesellschaft im ersten großen Erdgipfel von Rio. Die Welt erwartete sich die Lösung aller Probleme des Planeten von den 10.000 Teilnehmern. Alles wurde miteinander vernetzt: Umwelt, Entwicklung, Ernährung, Wasser, Armut und Reichtum. Heraus kam zwar eine Welle neuer internationaler Abkommen - die Klimarahmenkonvention mit dem Kyoto-Protokoll, die Agenda 21, die Artenvielfaltskonvention und andere. 1992 war bereits bekannt, dass unser Planet einen vom Menschen hausgemachten Klimawandel erlebte. Nur die Ausmaße dieser Bedrohung konnten noch nicht bewiesen werden. Hätte die Menschheit damals die Zeichen richtig erkannt, gedeutet und entsprechend gehandelt, hätte es 20 Jahre später, 2012, vielleicht keinen zweiten Erdgipfel mehr gebraucht.

Und so kam es 2012 zu einer neuen Auflage des Erdgipfels - wieder in Rio de Janeiro. Der WWF warnte in diesem Jahr in seinem Living Planet Report, dass die Artenvielfalt seit der ersten Umweltkonferenz 1972 um 30 Prozent zurück gegangen war. Gleichzeitig stieg unser Anspruch an die Rohstoffe des Planeten so immens, dass wir schon eineinhalb Planeten zu viel brauchten. "Wie machen wir die Wirtschaft so grün, dass sie den Planeten nicht weiter zerstört?" - das war das Motto damals. Der WWF forderte eine ökologische Vollkostenrechnung für ganze Volkswirtschaften und multinationale Konzerne. Milliardensubventionen für fossile Energie, Land- und Forstwirtschaft sowie für nicht nachhaltige Fischerei sollten auslaufen. Neue nachhaltige Entwicklungsziele für die Zeit nach 2015 standen auf dem Programm des Gipfels.

50.000 Teilnehmer diskutierten in Hunderten von Teilkonferenzen, wie 2030 genügend Wasser, Nahrung und Energie für alle Menschen bereit gestellt werden könnte, ohne dass die Ressourcen des Planeten bis zum Letzten verbraucht werden. Auch wurde das UNO-Umweltprogramm UNEP zu einer eigenen Organisation (UNEO) umgeformt, neue internationale Räte für nachhaltige Entwicklung wurden eingerichtet. Der völkerrechtlich bisher rechtsfreie Raum der Hohen See wurde zaghaft in ersten Abkommen angedacht, die damals in Aussicht gestellt wurden. Aber im Wesentlichen blieb der zweite Erdgipfel von Rio ohne wirklich durchschlagende Erfolge.

... bis 2032

Heute im Jahr 2032 können wir nur lächeln über diese zaghaften Gehversuche unseren Planeten zu retten. Der Erdgipfel 2012 war zwar ein Hoffnungsschimmer - aber eben nur ein Schimmer. Ach hätten wir doch damals gewusst, was in den nächsten 20 Jahren auf uns zukommt. Aber haben wir es nicht eigentlich schon gewusst, was wirklich kommen wird? Heute ist das Erdöl längst so teuer geworden, dass die meisten Volkswirtschaften zusammengebrochen sind, weil kein globalisierter Handel ohne Öl machbar ist. Die Entwicklung Erneuerbarer Energien ging zu langsam, weil die Subventionen in die falsche Richtung gesteuert wurden. Die meisten politischen und wirtschaftlichen Blöcke sind zerfallen. Der Schatten der Armut hat längst Europa und die USA erfasst. Kaum ein Land, in dem nicht Bürgerkrieg herrscht.

Die Menschen mussten sich wieder auf die lokale Landwirtschaft besinnen, um zu überleben, und trotzen den neuen klimatischen Bedingungen. Südeuropa wurde immer mehr zur Wüste, die Inselstaaten im Pazifik sind überschwemmt. Die Gletscher sind zum Großteil abgeschmolzen, der Amazonasregenwald auf ein Minimum reduziert. Weltweit hat der Klimawandel die Niederschlagsverhältnisse auf den Kopf gestellt. Die Folgen der Erderwärmung haben Ströme von Millionen Flüchtlingen quer durch die Welt gejagt. Und viele, die 2012 schon auf der Welt waren, sehnen sich nach der Zeit vor 20 Jahren, in der es noch eine Chance gab für das Überleben der Menschheit, eine Chance auf nachhaltige Entwicklung, auf umfassenden Natur- und Umweltschutz, auf eine Anpassung und Minderung des Klimawandels, eine Chance auf wirkliche globale Lösungen ...

HALLO, BITTE AUFWACHEN! Wer bis hierher gelesen hat, dürfte wohl während der ersten Zeilen dieses Blogs eingeschlafen sein und von einer schlimmen Zukunft albgeträumt haben. Aber das ist ja auch kein Wunder, denn Umweltorganisationen wie der WWF können mit ihren apokalyptischen Visionen manchmal ganz schön einschläfernd sein. Selbstverständlich wurde der Erdgipfel von Rio 2012 ein durchschlagender Erfolg für den Planeten Erde. Und so brachen in den darauf folgenden 20 Jahren grüngoldene Zeiten an, von denen die Menschen noch im Jahr 2052 träumen werden ...


Franko Petri vom WWF Österreich berichtet vom UN-Gipfel über nachhaltige Entwicklung in Rio de Janeiro.

  • Um großmaßstäbliche Abholzungen zu sehen, muss Franko Petri leider nicht erst in die Zeitmaschine steigen.
    foto: wwf/anton vorauer

    Um großmaßstäbliche Abholzungen zu sehen, muss Franko Petri leider nicht erst in die Zeitmaschine steigen.

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