Prähistorische Warmzeit nur bedingt mit der Gegenwart vergleichbar

16. Juni 2012, 18:00

Wärmer wurde es damals wie heute - doch gab es einen wichtigen Unterschied, wie deutsche Forscher herausfanden

Kiel - Zwischen den Riß- und der Würmeiszeit lag die sogenannte Eem-Warmzeit, benannt nach einem Fluss in den Niederlanden: Sie begann vor gut 125.000 Jahren und bescherte Europa für knapp 11.000 Jahre ein deutlich wärmeres Klima - bis zu mehrere Grad über den heutigen Durchschnittstemperaturen. Heute wird diese letzte große Warmzeit vor der Gegenwart oft als Vergleich für aktuelle Klimaentwicklungen herangezogen. Das ist aber nur bedingt möglich, wie das Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel berichtet.

Der Vergleich

Die damalige Realität liest sich teilweise wie ein Schreckensszenario heutiger Zukunftsprognosen: Große Teile des Grönlandeises schmolzen ab, der Meeresspiegel lag deutlich höher als heute. "Deshalb eignet sich das Eem scheinbar so gut als Grundlage für Prognosen zum aktuellen Klimawandel", sagt der Kieler Forscher Henning Bauch. In einer Studie, die in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" erschienen ist, zeigen Bauch und Kollegen jedoch, dass sich die Eem-Warmzeit in einem entscheidenden Punkt von den heutigen Verhältnissen unterschied: der Entwicklung im Arktischen Ozean.

In der jetzigen Warmzeit transportieren Meeres- und atmosphärische Strömungen große Mengen an Wärme in die hohen nördlichen Breiten; am bekanntesten sind die Ausläufer des Golfstroms. Sie sorgen nicht nur für angenehme Temperaturen in Nordeuropa, sondern reichen weit bis in die Arktis hinein. Studien der vergangenen Jahre haben ergeben, dass der Wärmetransport Richtung Arktis in jüngster Zeit sogar zugenommen hat, während die Meereisbedeckung im arktischen Sommer immer weiter zurückgeht. Die Forschung ging lange davon aus, dass sich diese Prozesse ähnlich auch vor 125.000 Jahren abgespielten. Demnach müsste die Arktis im Eem während der Sommer komplett eisfrei gewesen sein.

Der Sache auf den Grund gegangen

Die Gruppe um Bauch untersuchte nun Sedimentkerne aus dem Meeresboden, in denen Informationen über die Klimageschichte der vergangenen 500.000 Jahre gespeichert sind. Sie stammen aus dem Atlantik westlich von Irland und aus dem zentralen Nordmeer östlich der Insel Jan Mayen. In diesen Sedimentkernen sind unter anderem die Kalkschalen abgestorbener Foraminiferen, im Meer lebender Einzeller, enthalten.

Die Proben aus dem Atlantik lieferten die Eem-typischen Signale für Temperaturen, die über den heutigen lagen. Die Proben aus dem Nordmeer zeigten aber ein ganz anderes Bild. "Dort fanden sich in den Eem-Schichten vor allem Kälte anzeigende Foraminiferen-Arten. Die Isotopenuntersuchungen der Schalen, in Kombination mit vorherigen Studien der Arbeitsgruppe, deuten auf große Kontraste zwischen den Oberflächen dieser beiden Meeresgebiete", sagt Bauch. "offensichtlich war also der atlantische Wärmetransport in die hohen nördlichen Breiten während des Eem viel schwächer ausgeprägt als heute." 

Der Unterschied

Seine Erklärung: "Die dem Eem vorangegangene Saale-Eiszeit (im Alpenraum Riß-Eiszeit genannt, Anm.) war in Nordeuropa von viel größerer Ausdehnung als die Weichsel-Eiszeit (Würm-Eiszeit) vor unserer heutigen Warmzeit. Deshalb floss wohl beim Abtauen des Eisschildes über einen längeren Zeitraum viel mehr Süßwasser ins Nordmeer. Das hatte drei Folgen: Die nördliche Meeresströmung war abgeschwächt und im Winter konnte sich aufgrund des geringeren Salzgehaltes ausgedehnter Meereis bilden. Im Nordatlantik führte diese Abschwächung gleichzeitig zu einer 'Überhitzung', da die Wärmezuführung von Süden weiter funktionierte".

Einerseits gibt die Studie also neue Hinweise zur Rekonstruktion des Klimas während der Eem-Warmzeit. Andererseits hat sie auch Folgen für die aktuelle Klimaforschung: "Offensichtlich liefen entscheidende Prozesse wie der Wärmetransport nach Norden im Eem anders ab. Das müssen Modelle berücksichtigen, wenn sie die zukünftige Klimaentwicklung, gerade auch für die Arktis, auf Grundlage des Eems prognostizieren wollen", sagt Bauch. (red, derStandard.at, 16.6.2012)

Share if you care
11 Postings
Mit der jetzigen Zeit ist tatsächlich kaum etwas vergleichbar

Auf die Sprachregelung der Ökotaliban wäre selbst ein Orwell neidig gewesen:

http://joannenova.com.au/2012/06/t... it-better/

Das ist eine normale Definition für danach folgende Aussagen

Im selben Absatz werden nicht vom Menschen angeregte Änderungen ausdrücklich angenommen ("[...]which is in addition to natural climate variability observed over comparable time periods"). Diese klare Unterscheidung sollte wohl in Ihrem (und unser aller) Sinne sein, um die Ursachenforschung in nicht menschliche (nicht beeinflußbare) und menschliche (möglicher Weise beeinflußbare) Einflüsse zu unterteilen. Fast jede wissenschaftliche Publikation beinhaltet irgendwelche Definitionen, die sich auf die diese Publikation bezieht und von anderen Publikationen unterscheiden - ohne tendenziöse Absicht. Nur wenn Politik und Wirtschaftsinteressen die Widersprüche früher, im Fluß befindliche Forschung instrumentalisieren, dann wird es hässlich.

prognostizieren ok - aber forscher, die sich anmaßen, die geophysik zu erforschen - mit dem ziel das weltklima steuern zu können, kommen mir vor wie der moderne prometheus

das ist ein missverständnis. es wird gewarnt, weil die in gang kommenden prozesse eben nicht gesteuert werden können, sondern auf lange zeit unwiderruflich wirksam sein werden.

also kein waermetransport in den norden, warum war dann groenland fast eisfrei und der meeresspiegel viel hoeher?

Grönländische Bohrkernproben haben ergeben, dass während der Eem-Warmzeit im Süden Grönländs nur wenig Eisverlust war und im Norden und Westen das Eis stabil blieb. Und das trotz um 5 Grad erhöhter Temperatur im Vergleich. Spannend ist übrigens für die Eisschmelze nicht unbedingt die Durchschnittstemperatur sondern die Sommertemperaturen. Es darf also im Winter gerne wärmer werden, bleibt der Sommer aber kühl, gibts trotzdem keine nennenswerte Eisschmelze. Während der Eem war Grönland nie eisfrei, nicht mal ansatzweise und das im Meer jeden Winter entstehende Packeis hat ja bekanntermaßen keinen Einfluß auf die Höhe des Meeresspiegels.

hier geht es um den wärmetransport in den meeren.

durch das süßwasser wurde eine starke erwärmung der antarktis, genauer des arktischen meeres verhindert. grönland konnte dagegen abschmelzen.

der meeresspiegel stieg genau durch diese abschmelzung von grönland, das eis des antarktisches meeres kann ja nicht den meeresspiegel erhöhen.

Wie sie da jetzt mehrmals Arktis mit Antarktis verwechseln...

...ist sagenhaft.

danke! aber dass ich um 2:27 sowohl antarktis und arktis richtig schreiben konnte, erstaunt mich mehr... ;-)

sie denken höchstwahrscheinlich an die falsche warmzeit. nach der würm gabs auch noch einige(verhältnissmäig kurze). sie denken wahrscheinlich an die im hochmittelalter, grünland,erste besiedelung nordischer seefahrer, usw usf.
hat aber mit dem artikel nix zu tun.

Nein!

Diese Überschrift wirft mein Weltbild derart über den Haufen, dass ich gar nicht wage, weiterzulesen! Sollte auch Fred Feuerstein eine dreiste Erfindung sein?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.