Uni Graz forscht über den Umgang von Lehrern mit Widersprüchen

13. Juni 2012, 14:57

Pädagogen, Studenten und Erziehungswissenschafter erforschen sich in Projekt selbst

Graz - Junge Pädagogen stehen in einem belastenden Spannungsfeld: Zum einen werden sie oft von älteren Kolleginnen und Kollegen als noch unerfahrene Anfänger abgestempelt. Zum anderen wollen sie große Verantwortung übernehmen und von Schülern ernst genommen werden. Das Projekt "Facing the differences" an der Uni Graz in Kooperation mit der Wiener Akademie der Bildenden Künste zeigt Widersprüche und Konfliktpotenziale des pädagogisch-professionellen Selbstverständnisses, das sich aus unterschiedlichen Quellen speist, auf.

Globalisierung verändert

Sozio-kulturelle Veränderungen in einer vielfältigen Gesellschaft und der damit verbundene Wandel von Lebenssituationen stellen neue Anforderungen an die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern. "Es gibt insbesondere in unserer von Globalisierungsprozessen gekennzeichneten Gesellschaft keine einheitlichen Unterrichtsgruppen oder Klassen", betont Agnieszka Czejkowska, Professorin für Lehrerbildung und Schulforschung an der Uni Graz.

Umgang mit Differenzen

Während pädagogische Situationen in Realität von unterschiedlichen Personen in einer globalisierten Gesellschaft bestimmt werden, gehen traditionelle Ausbildungskonzepte jedoch immer noch von stabilen Identitäten wie Geschlecht, Nationalität und soziale Herkunft aus. Das war Ausgangspunkt für Czejkowska, den Umgang mit Unterschieden und widersprüchlichen Anforderungen bei angehenden Kindergartenpädagogen, Kunstlehrern und Kulturvermittlern zu beobachten.

Das Bild, das Lehrer von sich selbst haben, geht immer über die Unterscheidung mit dem Anderen einher: Neben Geschlecht, sexueller Orientierung, Sprache, Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit und Alter sind es pädagogisch-institutionelle Unterscheidungen, die sich in den jeweiligen Aufgaben und ihrer sozialen Rolle (Lehrer, Schüler, Praktikanten, Anfänger) verfestigen. Unterschiede, die über Fragen der Interkulturalität hinausgehen - ließen sich nicht ausblenden, so Czejkowska.

"Forschendes Klassenzimmer"

Im Fokus steht das Erkennen der vielfältigen Differenzen und Widersprüchlichkeiten, vor allem aber die Frage, wie sie entstehen und welche Selbst- und Fremdkonstrukte in bestimmten Situationen relevant gemacht werden bzw. welche Konsequenzen das für die am Bildungsprozess beteiligten Personen hat. Dazu bringt das noch bis Mitte des Jahres laufende Projekt alle am System beteiligten - Schüler, Lehrer, Pädagogikstudierende sowie Wissenschafter - in einem "forschenden Klassenzimmer" zusammen, um sich und ihr Tun quasi selbst zu untersuchen: Das Forschungsmaterial wird aus den eigenen Biografie und Erfahrungen mit ihrem pädagogischen Wirken in Kindergarten, Schule und Universität generiert.

Im Mittelpunkt stehen das Lernen bzw. Lehren an sich. Ziel ist es, neue Lehr- und Lern-Arrangements in der Ausbildung von Pädagogen entwickeln. "Wir wollen ihnen auch vermitteln, dass sie mit ihrer Verantwortung nicht allein sind", so die Professorin. Unterstützt wird das Forschungsprojekt durch das Wissenschaftsministerium im Rahmen des Programms "Sparkling Science". (APA, 13.6.2012)

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19 Postings
Der Unterrichtsvollzug sollte ausgedient haben

Höchste Zeit, dass die Pädagogik mal nicht immer nur die Kinder reflektiert sondern sich selbst! In der Schule wirkt jeder Mensch auf jeden. In der Ich-kann-Schule würde das sogar bemerkt. Dann mache ich das Kind nicht mehr zum Objekt der Pädagogik, indem ich es in diue Mitte stelle, sondern ich schaue, wo es und alle anderen tatsächlöich stehen. Dann kann ich allen auch einmal tatsächlich begegnen: da, wo sie wirklich sind. Dann wird es interessant.

a never ending project

Umgang von Lehrern mit Widersprüchen

'
In Kärnten:

Widerspruch? A g'sunde Tetschn und a Rua is'!

Und immer weiter auf der Suche nach generalisierten Lösungen für individuelle Probleme...
Ich vermisse in der ganzen Diskussion um die "neuen" Herausforderungen an Schulen den Ruf nach verpflichtender Supervision oder meinetwegen Intervision für die LehrerInnen.
Verpflichtende Supervision ist in so vielen anderen Berufen schon längst state of the art! Das derzeitige Supervisionsangebot im Schulbereich ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Intervision könnte hier zum Beispiel ohne zusätzliche Kosten einen riesengroßen Beitrag leisten, als maßgeschneiderte Fortbildung, Förderung der Kommunikation mit Kollegen, gegenseitige Unterstützung und Solidarisierung und dadurch Burnot- Prävention etc. etc...

kann man ja eh machen, aber unbezahlt für alle beteiligten irgendwann in einer 10er-pause...

Lässt sich der Grundgedanke auch auf die Lehrergewerkschaft übertragen?

Hoffentlich!

was hat die lehrergewerkschaft damit zu tun bitte?

in der lehrerausbildung

dürfte die globalisierung schon voll durchgeschlagen haben. personalmäßig zumindest.

Ach so!

Gedankliche Höhenflüge und Idealisierungen verpackt in einer mit Fachbegriffen getränkten Sprache - all das, was man zum Lösen von Konfliktsituationen in den heutigen Klassenzimmern braucht.

Warum ich da nicht früher d'rauf gekommen bin?

Nichts ist einfacher, als sich schwierig auszudrücken, und nichts ist schwieriger, als sich einfach auszudrücken. Karl Heinrich Waggerl.

...

Oder man versucht einfach im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung im Rahmen der Pädagogik einen neuen Forschungsansatz zu verfolgen.
In dem Artikel steht nirgends etwas von direktem Praxisbezug, sondern nur von Forschung über Unterrichtssituation. Ergo, kein Problemlösungsmittel, sondern ein Verfahren der Diagnostik.
Und wenn Sie sich von "komplizierten" Ausdrücken eingeschüchtert fühlen, würde ich Ihnen raten, nicht mehr die Zeitung zu lesen.

aber helios, gerade dann müsste man ja die zeitung lesen, um sich weiter zu bilden...zum glück hab wir aber ihr allwissen hier im forum!

Das Sich-selbst-Erforschen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse sollen aber doch letztlich das Arbeiten in der Praxis erleichtern, oder wozu sollen sie Ihrer Meinung gut sein?

Ich habe mir an einer Brennpunktschule zumindest keine großen Gedanken über meine "Lehreridentität" gemacht - wahrscheinlich weil es existenziellere Fragen/Probleme im Schullalltag gibt.

Hinsichtlich meiner intellektuellen Fähigkeiten brauchen Sie sich aber keine Sorgen machen, trotzdem danke! :-)

...

Genauso gut kann man fragen, wofür die Forschung am CERN gut sein soll. In der Praxis verwendbare Ergebnisse werden dort auch nicht erzielt. Ob für die Praxis relevante Daten am Ende zum Vorschein kommen, wird sich weisen. Das soll bei wissenschaftlicher Forschung aber nicht im Brennpunkt stehen, sondern rein der Versuch des Mehrgewinns. Auch wenn ich durchaus verstehe, wieso dies bei einem medial so prekären Sachverhalt wie Schulpädagogik außer Acht gelassen wird.

was die am CERN machen ist sowohl relevant als auch reproduzierbar ;-)

Sicher doch, die Suche nach dem Hix-Teilchen beschäftigt mich praktisch täglich!^^ ;-)

Die Frage nach Relevanz und Reproduktionsfähigkeit stellt sich aber immer im Kontext. Die Ergebnisse der im Artikel besprochenen Studie können im wissenschaftlichen Kontext auch verwendet werden. Und in diesem Kontext werden sie auch relevant sein, wahrscheinlich auch reproduzierbar. Belegt aber nicht ihre Argumente...

Das Problem ist mE,

dass die Pädagogik de facto als LehrerInnnen-Ausbildung gesehen und auch instiutionell dazu verwendet wird, sich aber zugleich von den Fragen der Unterrichtspraxis vielfach abgekoppelt hat (und entsprechend WSlich durchaus vertretbare und relevante Fragestellungen untersucht, die aber nicht sonderlich praxisrelevant sind) - da, bei dieser Schere, liegt der Hund begraben.

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