Vorteile eines griechischen Euro-Austritts

Gastkommentar14. Juni 2012, 09:15
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Angeblich liegen die Notfallpläne für einen Ausstieg Griechenlands bereits in der Schublade. Für Europa könnte er ein wichtiges Signal für mehr Verantwortung und Besonnenheit sein

Griechenland hat in vielerlei Hinsicht vom Euro profitiert. Durch die implizite Beistandsgarantie genoss es niedrigere Zinsen, was Spielraum für weitere Verschuldung bot. Zudem konnte Griechenland dank Euro seine realen Staatsausgaben enorm steigern, seinen Wohlfahrtsstaat ausbauen und Strukturreformen verschleppen, sodass die Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft immer weiter sank.

Ausstieg ein heilsamer Weckruf

Das Staatsdefizit wurde durch die Ausgabe von Anleihen finanziert, die zum Großteil vom Bankensystem gekauft wurden. Diese Anleihen konnten dann als Sicherheit für neue Kredite bei der EZB hinterlegt werden. Dank der neuen Kredite konnten die Banken neues Geld schöpfen, sodass Geldmenge und Preise stiegen; und zwar nicht nur in Griechenland, sondern in der gesamten Euro-Zone. Mithin konnte ein Teil der Kosten des griechischen Staatsdefizits über die EZB-Notenpresse und höhere Preise auf Euro-Ausländer externalisiert werden. (Die Möglichkeit, Staatsdefizite indirekt über das Euro-System zu monetisieren, habe ich als die Tragödie des Euro bezeichnet.)

Die Staatsausgaben senken nicht nur die griechische Wettbewerbsfähigkeit, sondern erlauben, dass Griechenland mehr importiert (konsumiert) als es exportiert (produziert) - Euro-Umverteilung sei Dank! Nach einem Grexit wäre das nicht mehr möglich, denn das Drucken neuer Drachmen kann die Importe nicht bezahlen. Die Währung wertet entsprechend ab.

Bei einem Grexit werden wohl Strukturreformen und staatliche Sparmaßnahmen ausbleiben. Jedoch braucht es für nachhaltiges Wachstum eine Beschneidung des Staatsgeschwürs und eine Befreiung verkrusteter Strukturen. So wird sich wahrscheinlich trotz zu erwartender Abwertung die fehlende griechische Wettbewerbsfähigkeit verfestigen oder sogar noch verstärken. Ohne die Euro-Umverteilung und Rettungssubventionen fällt der griechische Lebensstandard drastisch.

Für die Euro-Zone wäre ein Grexit ein heilsamer Weckruf. Er würde rechtliche Grundlagen und administrative Prozedere für einen Ausstieg aus der Gemeinschaftswährung schaffen. Erstmalig würde zugestanden, dass die Gemeinschaftswährung keine Einbahnstraße ist. Investoren würden befürchten, dass auch andere Regierungen, die sich gegen Reformen und Maßhalten bei Staatsausgaben sträuben, nicht mehr von Steuerzahlern anderer Länder gerettet werden. Die Zinsen auf Staatsanleihen würden auf realistischere Niveaus schnellen und der Moral Hazard, der durch die Rettung unverantwortlicher Regierungen entstanden ist, eingedämmt.

Schluss mit dem dirigistischen Zentralstaat

Ein Grexit würde auch die Grundlagen für einen Austritt von Ländern schaffen, die Zahlmeister der Euro-Zone sind. Bürger von Staaten wie Deutschland, Finnland oder den Niederlanden sehen sich für immer größere Summen haften, sei es über Rettungsfonds oder indirekt über die EZB, ohne dieser Entwicklung Einhalt gebieten zu können. Sobald der Grexit den Präzedenzfall liefert, könnte eine solche Option gezogen oder als Argument für fiskalische Besonnenheit und Reformen in der Peripherie genutzt werden. Der Druck zu eigenverantwortlichem Handeln, fiskalischer Disziplin und Strukturreformen würde sich erhöhen und damit die Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstandsproduktion beflügeln. Vielleicht kann dann doch noch der Tendenz zu einem stagnierenden Europa der staatlichen Gleichmacherei und Umverteilung mit einem dirigistischen Zentralstaat Einhalt geboten werden. (Philipp Bagus, derStandard.at, 14.6.2012)

Autor

Philipp Bagus, The European, ist Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid.

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