Lassnig im Zigarrenclub

12. Juni 2012, 17:58
1 Posting

Die Albertina präsentiert Gegenwart und klassische Moderne, Sammlung und Dauerleihgaben

Wien - Das mit dem Erfolg, den Männern und den Zigarren ist freilich ein Riesenklischee. Und überhaupt: Wer raucht heutzutage noch? Trotzdem, Lassnig im Zigarrenclub ist ein wunderbares Bild für die Ausstellung Albertina Contemporary. Gerhard Richter bis Maria Lassnig, die 120 gute alte Bekannte aus der mit Dauerleihgaben gespickten Gegenwartssammlung präsentiert.

"Longo Lassnig Lüpertz" oder "Kiefer Kentridge Katz" hätte man nach bekanntem Schema (siehe Kirchner Heckel Nolde. Die Sammlung Werner) auch titeln können. Denn außer der Grande Dame der österreichischen Malerei, Maria Lassnig, und der mit vier Blättern vertretenen Südafrikanerin Marlene Dumas stört die arrivierte Herrenrunde im Tiefgeschoß der Albertina nichts. Eine leicht angegraute Zeitgenossenschaft, deren jüngste Vertreter William Kentridge und Raymond Pettibon auch schon die 55 überschritten haben.

Solche Zahlenspiele mögen Erbsenzählerei sein, beweisen jedoch, wie unüberraschend, stromlinienförmig und fern des Wagnis hier gesammelt wird: Borderlinern tut die Albertina allenthalben an der Gegenwartsgrenze.

Feinste Ware ist es allerdings trotzdem, die man im Club serviert: Den Auftakt macht das zweiteilige, 2,8 mal 3,5 Meter messende Bild Wall of Light Pink Sea des Iren Sean Scully. In seinem Spätwerk verabschiedete er sich zugunsten weicher, ausfransender Farbbalken von dem für die Hard-Edge-Malerei notwendigen Klebeband. Sanfte, den Sinnen schmeichelnde Grau-, Braun- und Rosétöne im Dialog mit warmen Farbschleiern des Amerikaners Morris Louis. Es folgen Gerhard Richter im Schnelldurchlauf (38 Jahre in sieben Bildern!) sowie erwartbare Paarläufe und deutsche Gipfeltreffen: Georg Baselitz und Jörg Immendorff, Markus Lüpertz und Anselm Kiefer, Robert Longo und William Kentridge, Alex Katz und Kenton Nelson.

Reizvoller sind hingegen Arnulf Rainers Übermalungen im Kombination mit einer tiefschwarzen Leinwand - Black on Black - Ad Reinhardts oder einem von Yves Kleins typisch klein-blauen Körperabdrucken. Insgesamt unüberraschend in Auswahl und Hängung. Aus letzterer fallen allenfalls die drei Imi-Knoebel-Monochrome heraus: Die kleinen Tafeln wirken, als hätten sie sich im großen Kiefer(n)-Wald verlaufen.

Surprise für Besucher und Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder gleichermaßen ist jedoch die zeitgleich präsentierte Sammlung Werner (seit 2009 im Haus): Denn insbesondere Arbeiten der Brücke-Künstler Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Müller, Emil Nolde und Karl Schmidt-Rotluff hätte man in der Kollektion der als Sammlerin unbekannten Irmtraud Werner nicht erwartet. Die Sammelfreude der ehemaligen Sekretärin entfachte ihr Chef, der Düsseldorfer Kunsthändler Wilhelm Großhennig, der immer wieder großzügige Kunstgeschenke machte: Tulpen von Kokoschka, Dahlien von Klee, Anemonen von Corinth, Rosen von Rohlfs und Jawlensky. Später ermöglichte die Heirat mit dem Geiger Odnopossoff sammlerische Unabhängigkeit.

Gefällige Exponate, darunter vieles, an dem man sich noch nicht sattgesehen hat. Noldes Meer-Aquarelle etwa - intensiv leuchtende Farbwolken auf Japanpapier. Oder Heckels maigrüner Weg durch Büsche mit der pastosen Farbe auf ungrundierter Leinwand. Oder auch die ungewöhnliche Tuschpinsel-Komposition von Nicolas de Staël.    (Anne Katrin Feßler , DER STANDARD, 13.6.2012)

Albertina Contemporary, bis 19. 8. Kirchner Heckel Nolde, bis 26. 8.

  • Gefährliche Schmusekatzen: Franz Marcs "Sitzender Tiger" (1913) ...
    foto: albertina

    Gefährliche Schmusekatzen: Franz Marcs "Sitzender Tiger" (1913) ...

  • ...  und Maria Lassnigs "Mit einem Tiger schlafen" (1975).
    foto: albertina

    ... und Maria Lassnigs "Mit einem Tiger schlafen" (1975).

Share if you care.