Der Sex-Wüstling aus der Eiswüste

Das Sexualverhalten der Pinguine versetzte George Murray Levick einen Schock: Die Studie, die der Forscher 1915 verfasste, wagte er nicht zu veröffentlichen

Am 13. Oktober 1911 kam der erste Pinguin in Cape Adare in der Antarktis an, um den Sommer hier zu verbringen, hielt George Murray Levick in seinem Notizbuch fest. Levick war als Arzt Teil der berühmten von Robert Falcon Scott geführten Antarktis-Expedition Terra Nova, die 1913 verhängnisvoll enden sollte. Levick hatte sich vorgenommen, Adeliepinguine hier, in ihrer größten Kolonie, zu studieren. Dem Erstankömmling vom 13. Oktober folgten hundertausende weitere. Der britische Arzt begann, detaillierte Aufzeichnungen zu führen.

Was er beobachtete, was er vor allem an sexuellem Verhalten der Pinguine beobachtete, verblüffte ihn zunehmend: Er entdeckte "kleine Gruppen von Randalierern", die an den Rändern der Kolonie herumhingen, um jedes Kücken zu terrorisieren, das sich in ihre Nähe verirrte. Levick notierte geflissentlich, was kein Forscher vor ihm den Pinguinen in Cape Adare zugeschrieben hatte: Homosexualität, sexuellen und physischen Missbrauch, autoerotisches Verhalten, sexuelle Nötigung und Paarungsversuche mit toten Tieren. Die sexuellen Handlungen der Tiere zielten keineswegs in jedem Fall auf Fortpflanzung ab. Levick war schockiert und entsprechend dem Geiste seiner Zeit versuchte er menschliche Moralmaßstäbe anzulegen. "Es scheint, als wäre für diese Pinguine kein Verbrechen zu niedrig", schrieb er.

Im Gegensatz zu Scott überlebte Levick die Expedition. Zurück in Europa schrieb er im Jahr 1915 eine Studie mit dem Titel "Das sexuelle Verhalten der Adeliepinguine". Er glaubte aber nicht, die vierseitige Abhandlung der Masse zumuten zu können und entschied sich gegen eine Veröffentlichung. Schon die Notizen schienen ihm unangenehm zu sein. Alles, was den Pinguinsex betrifft, schrieb er auf Griechisch, um den Inhalt vor eventuellen Lesern zu verbergen.

Die fertige Studie lag versteckt in der Ornithologischen Sammlung des Naturhistorischen Museums in Tring, einer Ortschaft 50 Kilometer von London entfernt. Die 100 Exemplare, die Levick von der Studie für Kollegen drucken ließ, fanden offenbar kein Echo.

Späte Ehre für Levick

Douglas Russell, Kurator der Vorgelsammlung, fand die Studie. 97 Jahre nach ihrer Niederschrift veröffentlichte er sie nun gemeinsam mit den Forscherkollegen William Sladen und David Ainley neu interpretiert in der Fachzeitschrift "Polar Record".

Die einschlägige Forschung ist heute um vieles weiter. Man hat verstanden, dass Nekrophilie bei Tieren eine andere Bedeutung hat als bei Menschen. Gleichgeschlechtliches Paarungsverhalten wurden mittlerweile bei vielen Spezies beobachtet. Heute verwundern weniger die Pinguin-Randalierer, als viel mehr der Umstand, dass nur 15 Prozent der brütenden Tiere durchgehend Junge aufziehen, sagt Pinguinforscher Ainley. (Alois Pumhösel/DER STANDARD, 13.6. 2012)

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