Hyballa: "Der deutsche Fußball wird ein bisschen zu hoch gehängt"

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  • "So ein 50.000er-Stadion macht dich halt an. Auch wenn du ein taktisch schlechtes Spiel siehst, war es noch immer ein Erlebnis."
    foto: apa/leodolter

    "So ein 50.000er-Stadion macht dich halt an. Auch wenn du ein taktisch schlechtes Spiel siehst, war es noch immer ein Erlebnis."

  • "90 Minuten vor 20.000 Zuschauern auf höchstem Niveau Fußball zu spielen,
 das ist eine extreme Leistung. Da kann man als Trainer auch mal extrem 
werden."
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    "90 Minuten vor 20.000 Zuschauern auf höchstem Niveau Fußball zu spielen, das ist eine extreme Leistung. Da kann man als Trainer auch mal extrem werden."

Sturm-Trainer Peter Hyballa über Deutsch­land vs. Niederlande, viel zu schmusigen Fußball und überbewertete Testspiele

Graz - Wir sitzen mit Christoph Regger, dem Pressesprecher des SK Puntigamer Sturm Graz, bei sonnigen 30 Grad auf der Terrasse des modernen wie idyllischen Hotels "Nationalpark" im burgenländischen Illmitz. Gewartet wird auf den neuen Sturm-Trainer Peter Hyballa, der noch mit der Nachbesprechung des Vormittagstrainings beschäftigt ist. Der Speisesaal füllt sich, die Situation ist ruhig. Bis Hyballa, mit Salat und Apfelsaft gespritzt bewaffnet, die Terrasse betritt. Er ist präsent, extrovertiert und reißt das Gespräch sofort an sich. derStandard.at durfte am Ende auch etwas fragen, und Hyballa bewies, dass er ein Trainer mit klaren Ansagen und eigenen Ideen ist.

derStandard.at: Wie lauten Ihre Favoriten auf den EM-Sieg?

Hyballa: Deutschland und Spanien sind sicherlich die Favoriten. Entscheidend ist die Qualität, und die ist bei den beiden Mannschaften am größten. Dennoch kann bei einer EM immer viel passieren. Polen, Frankreich und die Niederlande sind für mich Geheimfavoriten. Ich bin aber auch ein bisschen patriotisch, und in meinen Augen hat Deutschland in den letzten zwei Jahren den besten Fußball gespielt und viel gewonnen.

derStandard.at: Wie negativ werden sich die zerstückelte Vorbereitung der deutschen Elf und die mauen Testspielergebnisse auf den EM-Verlauf auswirken?

Hyballa: Ich denke, auch die anderen Mannschaften haben mit einer zerstückelten Vorbereitung zu kämpfen. Und ja, Testspiele sind wie bei uns Freundschaftsspiele, wo man sich immer die Frage stellt, braucht man die jetzt oder nicht. Das ist zu vergleichen mit einer Orangenscheibe, die am Apfelsaftglas hängt. Testspiele sind für mich total überwertet, und Deutschland wird ganz gewiss eine gute EM spielen.

derStandard.at: Wenn Sie Bundestrainer wären, würden Sie mit Gomez oder mit Klose beginnen?

Hyballa: Ich finde beide Spieler sehr stark. Klose ist der Stürmer, der etwas mehr läuft und auch mehr mit nach hinten arbeitet als Gomez. Darüber hinaus denke ich, dass Klose die etwas größere Strahlkraft auf die gegnerischen Verteidiger ausübt. Aber grundsätzlich ist der Qualitätsunterschied sehr gering, und ich fände es auch ein spannendes Experiment, wenn beide gleichzeitig spielen.

derStandard.at: Sie sind halb Niederländer und halb Deutscher. Wie wird der Fußballklassiker Deutschland gegen die Niederlande ausgehen?

Hyballa: Deutschland ist in der Favoritenrolle, vor allem nach dem imposanten Testspielsieg von 3:0 gegen die Niederlande. Aber wie gesagt, Testspiele sind wie Orangenscheiben am Apfelsaftglas und deswegen nicht so aussagkräftig. Aus familiärer Sicht könnte ich mit einem Unentschieden gut leben, sofern auch beide Mannschaften das Viertelfinale erreichen.

derStandard.at: Bert van Marwijk steht in der Heimat unter starker Kritik, weil er die Niederländer zu unattraktiv und ergebnisorientiert Fußball spielen lässt. Können Sie diesen Vorwurf nachvollziehen?

Hyballa: Zunächst muss man einen Blick auf die sehr interessante Fußballgeschichte der Niederlande werfen. Sie sind die Vorreiter des modernen Fußballs gewesen. Begriffe wie Sechser, Neuner, Elfer, Andribbeln etc. wurden von niederländischen Fußballtrainern geprägt. Der Fußball hat sich insofern verändert, als alle Mannschaften attraktiv spielen, den Gegner früh unter Druck setzen wollen. Und im Grunde genommen haben die Niederländer bereits 1974 nach dem Prinzip des Total Voetbal gespielt. Da wurde das ganze Feld sehr gut besetzt, und als gegnerischer Spieler hatte man den Eindruck, dass man elf Gegenspieler auf einmal hat.

Des Weiteren haben sie die Raumdeckung eingeführt. Andere Mannschaften haben dem Prinzip des Total Voetbal nachgeeifert. Und da sind wir beim Kernproblem, weil für den Niederländer Fußball ein ästhetisches Spiel ist. Die niederländischen Fans jubeln wirklich nicht, wenn die Mannschaft langweilig 1:0 gewinnt. Sie wollen ein Spektakel geboten bekommen. Überspitzt gesagt ist Fußball für die Niederländer kein Sport, sondern Kultur. Van Marwijk war länger in Deutschland und legt vielleicht auch deshalb mehr Wert auf Disziplin und Ordnung, aber er verkörpert seine Spielidee und nicht den typisch niederländischen Fußball.

derStandard.at: Welche taktischen Trends erwarten Sie von der EM, und wird es diese überhaupt geben?

Hyballa: Ich glaube, der Fußball wird noch offensiver, folglich werden die Abwehrreihen höher stehen. Der Trend, den es bereits im Nachwuchsfußball gegeben hat, wird in den Profibereich überschwappen. Die Grundordnung 4-2-3-1 wird sich durchsetzen. Das Bemühen der Trainer den Ballbesitz der eigenen Mannschaft zu erhöhen, ist klar zu erkennen. Das heißt im Umkehrschluss, dass der Fußball technisch noch hochwertiger wird. Die beiden Umschaltmomente von Defensive auf Offensive und umgekehrt werden noch schneller werden, weil sich die Mannschaften noch stärker unter Druck setzen werden.

derStandard.at: Kommen wir zu Sturm Graz. Wie ist die Rollen- und Arbeitsverteilung im Trainerteam?

Hyballa: Wir drei (Hyballa, Ayhan Tumani und Markus Schopp, Anm.) machen eigentlich nur Fußballtraining. Ich sage, was ich haben will, dann setzen wir es um. Heute Morgen hat Walter Niederkofler (Konditionstrainer, Anm.) zum Beispiel eine halbe Stunde Stabilisationstraining gemacht. Danach haben wir die Mannschaften in zwei Gruppen getrennt und auf engem Raum mit einem Ballkontakt trainiert.

Diese Übungen werden dann in Wettkampfformen verpackt, weil ich der Meinung bin, dass die Spieler ständigem Stress ausgesetzt sein sollen, damit ein hoher Gegner-, Raum- und Zeitdruck vorhanden ist. Ein paar Hütchen aufstellen und dann gemütlich von A nach B passen, davon halte ich nichts. Danach gab es heute eine Spielform zehn gegen zehn. Generell ist es so, dass ein Trainer für das aktive Coaching verantwortlich ist und der oder die anderen Spieler- und Coachingverhalten genau beobachten. Danach setzen wir uns zusammen, reflektieren gemeinsam und überlegen, was wir verbessern können.

derStandard.at: Was ist Ihr erster Eindruck von der Mannschaft?

Hyballa: Ich bin gegenüber meiner eigenen Mannschaft immer sehr kritisch. Es gibt doch oft die Situation, dass Leute im Stadion sagen, das war aber heute ein tolles Spiel deiner Mannschaft. Ich selbst sehe das viel kritischer, weil ich die Spieler jeden Tag sehe. Es ist vergleichbar mit einer schönen Frau, die man jeden Tag sieht und manchmal auch nicht sexy findet, dann Freunde aber zu einem sagen: "Du hast dir da aber eine schöne Rakete geangelt."

Wie gesagt, bin ich immer sehr kritisch gegenüber meinen Spielern und merke einfach, wenn sie das Fußballspiel anders interpretiert haben als ich. Ziel muss es sein, diese Diskrepanz so schnell wie möglich zu verringern. Mir ist aufgefallen, dass die Mannschaft etwas abwartend, weniger dominant spielt und dass ein Passfehler für die Spieler kein großes Problem darstellt. Und da werden wir ansetzen.

derStandard.at: Beim Vormittagstraining ist uns Ihr sehr aggressives Coaching aufgefallen. Ist das Teil Ihrer Philosophie?

Hyballa: Ich habe konkrete Vorstellungen, wie Fußball gespielt werden soll. Wenn ich das bei der Mannschaft nicht sehe, kann ich mir denken, gut, so ist es halt, dann stelle ich mich hier an den Rand und trinke nach dem Training mit den Spielern einen Apfelsaft gespritzt. Oder ich will es anders haben - und ich will es anders haben.

Die Jungs sind Fußballprofis, die können zweieinhalb Stunden am Fußballplatz stehen, meinetwegen auch drei Stunden. Das ist eine Frage der Kultur. Wenn ich etwas nicht Gutes sehe, muss ich das doch offen ansprechen. Die Spieler merken, dass Passqualität oder Raumöffnen wichtig ist. Und wenn es heißt, dass Druck auf den ballführenden Spieler ausgeübt werden soll, kann ich mich nicht zufriedengeben, wenn ein bisschen nach links oder rechts verschoben wird. Wenn wir Spielformen machen und ich 25 Minuten davon rede, dann wird die Spielform auf eine Stunde verlängert, so dass noch 35 Minuten Nettospielzeit vorhanden sind. Es ist einfach nicht ausreichend, mit verschränkten Armen am Platz zu stehen und 3:1 für grün zu sagen, denn dann kann sich ja jeder hinstellen.

derStandard.at: Was sind die Schwerpunkte in der Vorbereitung?

Hyballa: Ich unterscheide nicht zwischen Vorbereitung und Wettkampfsaison. Die Trainingsstruktur ist immer relativ ähnlich. Stabilisation vor dem Training, dann zu Beginn Dribbel- und Passformen und danach verschiedene Spielformen mit vielen Torabschlüssen. Erstens haben die Spieler in drei Wochen nicht so viel Kondition verloren und zweitens ist ja in den Spielformen genug Laufarbeit integriert, mit dem Zusatz, dass jetzt ca. 500 bis 600 Pässe gespielt wurden. Die Hauptaufgabe als Trainer besteht darin, von den Spielern Qualität einzufordern, denn von alleine kommt da relativ wenig.

derStandard.at: Was ist der Tätigkeitsbereich von Paul Gludovatz und wer übernimmt derzeit seine Aufgaben?

Hyballa: In erste Linie ist er für die Kaderzusammstellung und das Scouting verantwortlich. Darüber hinaus tauschen wir uns intensiv über das Alltagsgeschäft aus und versuchen, unsere Stärken so gut wie möglich für den Verein einzubringen. Derzeit teilen sich Christopher Houben und ich Gludovatz' Aufgaben.

derStandard.at: In Österreich scheute man sich bisher, Trainer zu verpflichten, die keine erfolgreichen Ex-Profis waren. Kann man in ihrem Fall von einer mutigen Entscheidung sprechen? Wie groß ist die Bürde im Falle eines Scheiterns?

Hyballa: Das weiß ich ehrlich gesagt nicht, weil ich mir jetzt darüber keine großen Gedanken mache. Ich möchte Lebensfreude ausstrahlen. Ich bin nicht negativ, auch wenn ich kritisch gegenüber meiner Mannschaft bin. Wenn die Kritiker sich bestätigt fühlen, sollen sie im Falle des Scheiterns eine Party machen. Mir geht es nicht darum, den österreichischen Fußball zu verändern, sondern darum, Sturm Graz voranzubringen. Wenn wir erfolgreich sind, kann es natürlich sein, dass auch andere Vereine ihr Anforderungsprofil für Fußballtrainer verändern. Denn Erfolgsmodelle werden immer kopiert. Ich kann deutlich sagen, dass es für mich keine Bürde ist und ich jetzt nicht Fußballösterreich auf meinen schmalen Schultern trage.

derStandard.at: Wie stark nehmen Sie auf die österreichische Mentalität im Trainingsalltag Rücksicht?

Hyballa: In erster Linie schaue ich, dass die Spieler meine Mentalität verstehen, weil ich in Graz ja nicht anders sein kann als in Dortmund. Das würde mir zu viel Energie rauben. Ich bin so, wie ich bin. Als Trainer bist du der Dirigent des Orchesters und gibst den Takt vor, und nicht der Trompeter oder derjenige, der an der Violine sitzt. Klar achte ich auch darauf, wie ein Spieler in einer bestimmten Situation reagiert.

derStandard.at: Als Deutscher gehört man in Österreich nicht unbedingt zu den beliebtesten Bevölkerungsgruppen. Wie geht man als Person des öffentlichen Lebens damit um?

Hyballa: Das interessiert mich nicht. Was soll ich jetzt machen? Mir einen österreichischen Pass bestellen? Wenn es Österreicher gibt, die keine Deutschen mögen, dann ist das halt so. Das kann ich auch nicht verändern. Aber warum ist der deutsche Fußball so gut geworden in den letzten Jahren? Weil man über die Grenzen hinausgeschaut hat und Einblicke in den spanischen, niederländischen und französischen Fußball gewonnen hat. Wenn Österreich von internationalen Trainern profitiert, dann ist doch alles okay. Doch die Leute, die jetzt meckern, müssen auch damit rechnen, dass sie volle Breitseite von mir zurückkriegen.

derStandard.at: Sie waren zuletzt bei Red Bull Salzburg angestellt. Was ist am Projekt Red Bull spannend?

Hyballa: Zum einen die Internationalität. Eine Philosophie auf verschiedenen Kontinenten umzusetzen ist sicherlich sehr spannend. Zudem ist es einfach auch ein reicher Klub, da musst du dir nicht so viele Gedanken machen. Das war sicherlich das Interessanteste. Im Endeffekt hatte ich aber zu dieser Zeit auch keinen Job, und am Ende des Tages muss ich auch mein Toastbrot kaufen.

derStandard.at: Wie lautet Ihr Fazit des knappen halben Jahrs bei den Salzburger Juniors?

Hyballa: Es arbeiten gute und interessante Leute in Salzburg. Die Mannschaft, die ich bekommen habe, war sehr auf die Coerver-Methode gedrillt. Das heißt, langes Ballhalten, viele Tricks machen, aber eben kein gutes Zusammenspiel. Das habe ich verbessert.

derStandard.at: Wie fällt Ihr Vergleich zum deutschen Fußball aus?

Hyballa: Der deutsche Fußball wird mir ein bisschen zu hoch gehängt. Da gibt es genauso schlechte Spiele. Aber so ein 50.000er-Stadion macht dich halt an. Auch wenn du ein taktisch schlechtes Spiel siehst, war es noch immer ein Erlebnis. Spielst du allerdings vor 3.000 Leuten und das Spiel ist nicht gut, nimmst du nichts mit. Taktisch gesehen wird in Österreich sehr viel Wert auf Ordnung gelegt. Man spielt abwartend und will erst einmal kompakt stehen, aber so ist eben der Fußball hier.

derStandard.at: Wie hat die Zusammenarbeit in Salzburg mit Moniz und van Lierop ausgesehen?

Hyballa: Diese Zusammenarbeit wird von vielen Leuten überschätzt. Jeder hat ja erst einmal seine eigene Aufgabe, und meine war es eben, die Red Bull Juniors zu trainieren. Mit Ricardo habe ich schon mal wegen dem einen oder anderen Spieler gesprochen und Ideen ausgetauscht. Im Endeffekt hat er aber seine Mannschaft trainiert und ich eben meine. Percy van Lierop kommt aus dem Individualtraining und legt sehr viel Wert auf die Coerver-Schule. Mir ist das Zusammenspiel einen Tick wichtiger. Dann muss der linke Außenverteidiger wissen, wann und wie er den einfachen Ball zum Sechser spielt und wie er dann zu laufen hat. Ich will nicht, dass er dreimal über den Ball springt. Ein Trick ist immer wichtig, um eine Situation zu lösen. Die Mischung zwischen Zusammenspiel und Dribbling macht es aus.

derStandard.at: Wo steht die Akademie Salzburgs im internationalen Bereich?

Hyballa: Im Jugendbereich ist alles relativ eng. Mit Dortmund haben wir gegen die U19 von Barcelona gespielt und haben gemerkt, dass wir da nicht weit weg waren. Der Unterschied kommt dann bei den Profis, wo du Qualität kaufen kannst. Da ist die Spanne von 18 bis 36 Jahren, da muss es größere Leistungsdifferenzen geben. In Salzburg wird alles sehr genau geplant, für manche Leute ist das vielleicht etwas zu mechanisch. Aber die Infrastruktur bei Red Bull ist atemberaubend, die Möglichkeiten sind besser als bei vielen deutschen Bundesligisten. Im Unterschied dazu ist bei Sturm Graz alles kleiner. Die gleiche Arbeit muss von weniger Menschen gemacht werden. Das kann gut sein, kann aber auch zur Überforderung führen. Aber ich fühle mich trotzdem sehr wohl in Graz.

derStandard.at: Bei Ihrer ersten Station als Profitrainer in Aachen feierten Sie sensationelle Siege im DFB-Pokal, unter anderem gegen Mainz und Eintracht Frankfurt. In der zweiten Saison kam dann der Absturz. Was waren die Gründe dafür?

Hyballa: Ich habe in der zweiten Saison sieben Spiele bekommen, davon die letzten drei unentschieden gespielt. Da hätte man auch sagen können, dass sich die Mannschaft stabilisiert hat. Aber sieben Spiele sind eben zu wenig. Zudem haben wir mit Marco Höger, Tolgay Arslan und Zoltán Stieber drei Spieler abgegeben aus finanziellen Zwängen, die 75 Prozent unserer Scorerpunkte gemacht haben. Und bei Aachen fließt dieses Geld dann nicht in den Kader, sondern in andere Kanäle wie zum Beispiel das Stadion. Etwas anderes lässt die Situation in Aachen nicht zu. Aber klar, wir haben auf dem Transfermarkt auch Mist gebaut, sonst holst du nicht nach sieben Spielen nur drei Punkte. Da ist die erste Saison mit dem tollen zehnten Platz und dem Pokal als Highlight für manche schnell vergessen. In Aachen musst du immer Spieler entwickeln und kannst niemanden dazukaufen.

derStandard.at: Welche Erkenntnisse zogen Sie aus dem Einstieg in den Profifußball?

Hyballa: Auf dem Platz habe ich ältere Profis auch nicht anders behandelt als U19-Spieler. Das Drumherum war natürlich anstrengender. Als Profitrainer musst du dir ein dickes Fell zulegen. Die schönen Seiten waren die vollen Stadien, die dir den Kick geben. Du arbeitest eine Woche mit der Mannschaft und kannst am Wochenende zeigen, wie du Fußball interpretierst. Das ist sehr interessant.

derStandard.at: Inwiefern versuchen Sie sich als Profitrainer zu inszenieren? Sie wissen, wie das Mediengeschäft funktioniert. Nutzen Sie das bewusst aus?

Hyballa: Ich kann nicht sagen, ob ich das so genau weiß. Ich bin so, wie ich bin. Kein "Ja, aber"-Typ, sondern ein "Ja, und"-Typ. Ihr stellt mir eine Frage, und ich gebe eine Antwort darauf. Ich überlege da nicht viel, was ihr jetzt daraus machen könnt. Ich weiß, was ich gesagt habe, und dazu stehe ich. Und wenn das Diktiergerät jetzt aus wäre, wäre ich genauso. So Sachen wie Medienstrategien sind mir zu anstrengend. Natürlich habe ich mir auch schon über eine Facebook-Seite Gedanken gemacht, aber anstatt jeden zweiten Tag einen Status zu schreiben, sitze ich lieber mit Markus Schopp und Ayhan Tumani auf der Terrasse und überlege, wie wir unser Dreiecksspiel verbessern können.

derStandard.at: Das Beispiel Jürgen Klopp, der bei der WM 2006 für das ZDF mit viel Humor und Charme die Spiele analysiert hat, zeigt allerdings, dass es durchaus Sinn macht, sich medial zu präsentieren. Glauben Sie, dass Vereine wie der HSV und Dortmund ohne TV-Präsenz das gleiche Interesse an Klopp gehabt hätten?

Hyballa: Auf gar keinen Fall, das war sicherlich ein Riesengrund für sein Engagement bei Dortmund. Der Hauptgrund war aber sein Erfolg in Mainz und der Fußball, der dort unter ihm gespielt wurde. Aber in dieser Medienwelt brauchst du eine gewisse Ausstrahlung, du musst Menschen packen können. Das merke ich auch an der Resonanz der österreichischen Medien. Das kann aber auch schnell zu viel werden.

Es geht um die Betrachtungsweise. Denkt man "Ja, aber", wäre Klopp schnell der Oberlehrer gewesen. Was will ein Zweitligatrainer dem Bundestrainer erklären? Wenn man allerdings "Ja, und" denkt, siehst du einen Experten, der komplexe taktische Situationen erklärt. Immerhin ist er ja Fußballtrainer, also wird er es wissen. Für Klopp war es wichtig, bekannter zu werden und sich einem breiten Publikum zu präsentieren. Ich persönlich analysiere gerade für die "Welt" ausgewählte Spiele, auch jetzt während der EM. Das macht man dann auch deswegen, um seinen Namen bekannter zu machen. Immerhin ist es auch Arbeit, eine halbe Stunde nach dem Spiel eine Analyse dort hinzuschicken.

derStandard.at: Was würden Sie, als Trainer ohne jegliche Profierfahrung als Spieler, jungen Trainern raten?

Hyballa: Das ist eine schwierige Frage, denn jeder ist ein bisschen anders. Das Wichtigste ist, eine eigene Idee vom Fußball zu haben und diese immer zu verfolgen. Schon auch links und rechts schauen, aber immer deinen Plan durchziehen und dein Ziel verfolgen. Ich habe auch schon oft genug eine draufbekommen. Dann heißt es Nasenbluten wegwischen und weitermachen. Ich kenne viele Trainerkollegen, die jetzt Lehrer sind oder andere ordentliche Berufe haben. Mein Ziel war es, Profitrainer zu werden. Ich wollte auch nie etwas anderes. Das kann man nur erreichen, wenn man sein Ziel verfolgt. Ohne Erfolge als Fußballer ist es natürlich schwerer, da musst du durch fachliche Kompetenz, Rhetorik und gute Ausstrahlung überzeugen.

derStandard.at: Gibt es für Sie berufliche Alternativen?

Hyballa: Ich weiß nicht, ob ich mit 66 Jahren noch Lust auf den Stress habe. Fußball kann man auf vielen Ebenen sehen. Ich könnte mir vorstellen, in die Trainerausbildung zu gehen. Fernsehen ist auch spannend. Es müsste allerdings schon etwas mit der Materie zu tun haben, ich wäre kein guter Handwerker. Ich mache auch Vorträge zum Thema Motivation. Präsentieren ist meiner Meinung nach meine Stärke, das könnte ich mir auch gut vorstellen.

derStandard.at: Wie viel Zeit bleibt als Profitrainer für andere Sachen?

Hyballa: Ich sag mal so, andere gehen Golfen, ich habe dafür ein Buch geschrieben. Es bleibt schon Zeit für andere Dinge, diese Zeit musst du dir nehmen. Man ist zwar ins Fußballgeschäft eingespannt, man macht das aber gerne. Hätte ich einen normalen Beruf, wäre ich ja auch Jugendtrainer irgendwo bei einem kleinen Verein. Gibt es mal einen trainingsfreien Tag, dann gehe ich vielleicht nur drei Stunden ins Büro und nehme mir den Rest frei. Das muss aber sein, man ist ja auch ein kleines bisschen Manager des Vereins. Oder wenn ich mit einer schönen Frau essen gehe, dann drehe ich die beiden Nervensägen (deutet auf seine beiden Mobiltelefone) mal aus. So wichtig kann es dann gar nicht sein. Es kommt auch darauf an, welche Hobbys du hast.

derStandard.at: Oft werden Sie als "Entdecker von Mario Götze" genannt. Wie war sein Entwicklungsstand, als Sie ihn übernommen haben?

Hyballa: Wir haben ihn damals von der U17 in die U19 hochgezogen, und selbst da war er, auf seine Art, der Beste. Er konnte Situationen schneller und besser lösen als seine Mitspieler. Wenn drei Leute auf ihn zugelaufen sind, hat er nur einen Kontakt gebraucht. Daran sieht man das Talent des Spielers. Mein Ansatz bei Götze war immer der mentale. Mario war ein ruhiger Typ, hat schon damals viele Spiele gemacht und musste immer der Beste sein. Da ist es wichtig, ihm den Spaß am Fußball zu erhalten. Zudem haben wir viel im defensiven Bereich gemacht und versucht, ihn körperlich zu verbessern, da er schon damals oft verletzt war. Er war einfach immer einen Tick besser als die anderen.

derStandard.at: Sie haben, als eine Art Individualtraining, Grand Slams veranstaltet. Was kann man sich darunter vorstellen?

Hyballa: Wenn man zum Beispiel ein Zehn-gegen-zehn spielt, schreie ich "Grand Slam". Dann bekommt jeder Spieler der siegreichen Mannschaft drei Punkte. Ich habe das bei allen Formen gemacht. Auch beim Elfmeterschießen kann man Grand-Slam-Punkte verteilen. Vor Spielen habe ich auch manchmal gesagt, dass der Spieler des Spiels 30 Grand-Slam-Punkte bekommt. Oder umgekehrt, die drei Schlechtesten bekommen minus 20 Punkte. Da geht es um Wettkampf, und die Spieler, egal ob im Jugendbereich oder als Profis, waren da geil drauf. Mario Götze war übrigens nicht so gut, weil er aufgrund der U-Nationalmannschaften nicht so oft anwesend war.

derStandard.at: Im Training konnte man hören, dass Sie sehr direkt mit den Spielern umgehen. Unter anderem haben Sie im Vormittagstraining einen Spieler als Schlaftablette bezeichnet. Nehmen Sie auf manche Spieler Rücksicht, damit Sie diese nicht bloßstellen?

Hyballa: Die Spieler merken schnell, dass ich mich wegen der Sache aufrege. "Schlaftablette" bedeutet in dem Fall ja nur, dass er den Ball schneller spielen muss oder mit dem Kopf bei der Sache sein soll. Mir fällt immer ein Beispiel ein. Udo Bölts und Jan Ullrich fahren bei der Tour de France den Berg rauf, und Udo Bölts sagt zu Jan Ullrich: "Quäl dich, du Sau." Der fragt ihn auch nicht, ob er eventuell Lust hätte, in die Pedale zu treten. Fußball ist doch viel zu schmusig geworden. Die Medien können auf die Trainer draufhauen, das ist kein Problem. Die Spieler allerdings dürfen nie angesprochen werden. 90 Minuten vor 20.000 Zuschauern auf höchstem Niveau Fußball zu spielen, das ist eine extreme Leistung. Da kann man als Trainer auch mal extrem werden. Ich möchte den Spieler ja nicht fertigmachen, sondern ihn kitzeln. Klar ist aber auch, dass von 25 Spielern manche aus dem Boot fallen werden und dann sagen, Peter Hyballa ist ätzend. (Vinzenz Jager/Wolfgang Fiala, derStandard.at, 13.6.2012)

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