Zum Urlaubsdesaster und seinen Möglichkeiten

Sommerzeit, Urlaubszeit, herrliche Möglichkeiten, um mit Anlauf ins Unglück zu stürzen

Verlangen Sie von einem Urlaub, dass er Sie für all die Zeit entschädigt, in der Sie vor sich hin werken, als wären Sie am Arbeitsplatz in einem Affenkäfig eingesperrt. Drei Wochen Sonneliegen für 30 Wochen Arbeitszoo. Ihre Freiheit bekommen Sie im Urlaub wieder - vielleicht. Träumen Sie davon, wie schön die Reise wohl wird, und ignorieren Sie den Stress von Flughafenstriptease, höchstnotwendigen Hochsicherheitschecks - durchgeführt von Menschen, die Sie nüchtern nicht in Ihre Unterwäsche lassen würden - über Gepäcksverlust, stundenlange Warterei, schwitzende Sitznachbarn im Flugzeug bis hin zu Hotelzimmern, die ihre besten Zeiten hatten, als Sie noch nicht geboren waren. Trinken Sie Tomatensaft.

Am Urlaubsort angekommen, machen Sie sich bitte sogleich Sorgen, ob im Betrieb ohne Sie wohl alles glatt läuft, und bleiben Sie rund um die Uhr erreichbar. Sollte Sie niemand kontaktieren, so gehen Sie bitte davon aus, dass während Ihrer Abwesenheit ein Umsturz geplant wird oder bereits eine Intrige läuft, und rufen Sie sicherheitshalber selbst an. Unter den tausenden anderen ebenfalls kurz von ihrer Organisation Freigelassenen suchen Sie sich am besten Menschen Ihrer Muttersprache und Ihres Berufstypus, um auch diese Zeit zu nutzen, über die Arbeit sprechen zu können.

Begreifen Sie den Urlaub als Ihr maximales Recht, dem Arbeitssystem für wenige Tage zu entfliehen, um sich in ein Urlaubssystem wiederum gehorsamst einzugliedern. Betreiben Sie in 14 Tagen so lange und so intensiv Sport, bis Ihnen schwarz vor Augen wird und Sie bewegungstechnisch alles nachgeholt haben, was in den letzten 300 Tagen nicht möglich war. Bei Inklusivreisen empfehle ich, die Angebote tunlichst auszunutzen und entweder sämtliche Kurse - von Bodenturnen über Seidenmalerei bis Shuffleboard - zu belegen oder mehrmals am Tag zu essen und zu saufen, bis Sie ohne Hilfe nicht mehr den Ihnen zugewiesenen Liegestuhl erklimmen können.

Zurückgekehrt auf Ihren Platz im Käfig der Beschäftigung leben Sie von den Erinnerungen und planen Sie den genehmigten Ausbruch aus dem Arbeitsgefängnis im nächsten Jahr. (Christian A. Pongratz, derStandard.at, 14.6.2012)

Christian A. Pongratz, geboren 1973 in Klagenfurt, studierte Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre und war Gastprofessor an der Università Commerciale Luigi Bocconi in Mailand. Er ist als Lektor an der Donau-Uni Krems tätig und unterrichtet an der FH Villach. Pongratz ist als Unternehmensberater (durchdacht.cc) und Wirtschaftskabarettist (betriebsdesaster.cc) in Österreich, Deutschland und Italien zugange.

Buchtipp

Christian Pongratz: Betriebsdesaster. Die Anleitung zum Untergang. Verlag durchdacht.cc, 159 Seiten, 24,50 Euro.

Share if you care