Zentralmatura: Mehr Verpflichtung, mehr Freiraum

Kommentar der anderen11. Juni 2012, 22:48
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Die Zentralmatura und ihre Verschiebung, dialektisch betrachtet

Als ein Mitglied jener Projektgruppe, die die Grundlagen für das Konzept der zentralen schriftlichen Reifeprüfung in Mathematik für die AHS entworfen hat und die auch für den bislang einzigen Schulversuch dazu verantwortlich war, begrüße ich die Entscheidung der politischen Verantwortungsträger, allen voran Ministerin Claudia Schmied, zugunsten einer Verschiebung. Ich hätte diese Entscheidung schon früher getroffen. Im Nachhinein betrachtet hat es aber auch etwas Gutes, sie erst jetzt getroffen zu haben: Die Anstrengungen haben nicht nachgelassen. Freilich darf man so etwas nicht zu oft tun, sonst nützt es sich ab.

Die Gefahr, dass die Anstrengungen jetzt nachlassen, besteht meines Erachtens nicht. Das Projekt ist auf Schiene, weitgehend akzeptiert, jedenfalls in viel höherem Ausmaß als noch vor drei Jahren, als wir mit der Konzeptentwicklung begonnen haben.

Auch Engagierte gefordert

Ich bin vor allem deswegen für die Verschiebung, weil die Zentralmatura auch für die Engagierten eine große Herausforderung darstellt. Die Umstellung auf eine neue Art des Fragens und Gefragtwerdens ist anspruchsvoll, sie erfordert eine neue Art des Lehrens und Lernens. Dafür braucht es Zeiten des Entwickelns und Ausprobierens, sowohl für die zentralen Konzept- und Aufgabendesigner wie auch für Lehrer und Schüler.

Einige, die sich bereits auf die neue Matura eingestellt haben, machen sich Sorgen, dass sie jetzt wieder anders lehren bzw. lernen müssen. Diese Sorge sollte unbegründet sein. Erstens sieht das vorgeschlagene Modell vor, dass an jenen Schulen, die sich mit Zweidrittelmehrheit im Schulgemeinschaftsausschuss dafür entscheiden, bereits 2014 zentral maturiert werden kann, und zweitens sollten alle Lehrer ihre Matura im Sinne der neuen Regelungen konzipieren dürfen - wie auch schon die Schularbeiten davor. Das wäre als Übergangsregelung unbedingt einzuführen.

Wird es durch die Zentralmatura einen Niveauverlust geben, so wie manche befürchten? Wie bei allen komplexen Maßnahmen, deren Gelingen von vielen Faktoren abhängt, kann man eine "Degeneration" grundsätzlich nicht ausschließen. Selbstverständlich ist eine Niveau-Anhebung intendiert. Durch die Zentralisierung der Mathematik-Matura soll vor allem das Basis-Niveau angehoben werden. Man soll sich stärker als derzeit darauf verlassen können, dass Maturanten über wichtige Grundkompetenzen verfügen. Gleichzeitig soll das Anstreben besonderer Leistungen nicht behindert, wohl aber in Richtung von mehr Relevanz gelenkt werden.

Das von uns entwickelte Konzept sieht daher eine Zweiteilung der schriftlichen Reifeprüfung vor. Der erste Teil ist auf die angesprochenen Basiskompetenzen ausgerichtet, die mit hoher Sicherheit beherrscht werden sollen, auch ohne besondere mathematische Begabung oder besonderes mathematisches Interesse. Ein mathematisches Grundverständnis, eine mathematische "Lesefähigkeit" gewissermaßen, ist heute in der Mehrheit der Hochschulstudien erforderlich, auch wenn man selbst nicht mathematisch tätig sein muss. Diese sollen im ersten Teil überprüft werden.

Nach der Pflicht die Kür

Der zweite Teil prüft dann anhand anspruchsvollerer und komplexerer Aufgabenstellungen "höhere" Kompetenzen, wie sie in stärker mathematisch basierten Studien benötigt werden. Hier ist die Anspruchsskala nach oben offen.

Aufgaben für den zweiten Teil zu entwickeln unter dem Gebot der Fairness - gleiche Chancen für alle Schüler - ist allerdings besonders schwierig. Man kommt an die Grenze dessen, was zentral prüfbar ist. Es wäre daher besser, wenn diese Aufgaben nicht zentral gestellt würden, auch um die Vielfalt möglicher Ansprüche in der schriftlichen Reifeprüfung sichtbar werden zu lassen. Eine Diskussion, zumindest zwischen Lehrern und Fachdidaktikern über diese Vielfalt könnte dann auch eine dynamische Weiterentwicklung der Inhalte der Matura fördern.

Die schriftliche Reifeprüfung ist nicht die einzige Qualitätsüberprüfung. Schüler müssen erst einmal zu ihr kommen, also in der Regel vier Jahre Oberstufe positiv absolvieren. Da kann und sollte alles vorkommen, was nicht zentral, wohl aber in einer Klasse prüfbar ist und von den Akteuren als wichtig angesehen wird. Eine unserer Leitlinien bei der Konzeptentwicklung war: mehr Verbindlichkeit und mehr Freiraum.

Mehr Verbindlichkeit im Sinne gemeinsam verfügbarer Kompetenzen und mehr Freiraum im Sinne der Möglichkeit, Schul(-form)-bezogen, aber auch ausgehend von den Interessen von Lehrern und Schülern Schwerpunkte setzen zu können. Das Mehr an Freiraum ergibt sich dann, wenn das Verbindliche genauer definiert, transparent und nicht zu viel ist. Es sollte m. E. nicht mehr als die Hälfte der Unterrichtszeit erfordern.

Nutzbarer Zeitgewinn

Auch die aktuelle politische Entscheidung kann man im Lichte der Dialektik von Verbindlichkeit und Freiraum betrachten. Der zeitliche Freiraum wurde etwas vergrößert, die Verbindlichkeit im Kern beibehalten. Dass die Grenze zwischen Verbindlichkeit und Freiraum selten ein- für allemal festgelegt werden kann, liegt in der Natur der Sache. Häufig kann ein Nachjustieren im Verhandlungsweg erforderlich sein, insbesondere wenn "Public Governance" stattfinden soll.

Ich werte die Verschiebungsentscheidung jedenfalls als Indiz dafür, dass solche Verhandlungen in Zukunft entspannter geführt werden können, und freue mich darüber. (Roland Fischer, DER STANDARD, 12.6.2012)

Roland Fischer ist Leiter der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

  • Politik der kleinenSchritte im Unterrichtsministerium: Claudia Schmied (re.) und Werner Amon vor der Pressekonferenz zur befristeten Auslagerung der zentralen Reifeprüfung ins Wartezimmer der Bildungspolitik.
    foto: matthias cremer/der standard

    Politik der kleinenSchritte im Unterrichtsministerium: Claudia Schmied (re.) und Werner Amon vor der Pressekonferenz zur befristeten Auslagerung der zentralen Reifeprüfung ins Wartezimmer der Bildungspolitik.

  • Roland Fischer: Die Matura-Kür ist verschoben, Hauptsache ist aber, sie kommt.
    foto: privat

    Roland Fischer: Die Matura-Kür ist verschoben, Hauptsache ist aber, sie kommt.

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