Großprojekte und geschützte Arten: Jedem Tierchen sein Revierchen

  • Der Große Brachvogel stand AC/DC fast im Weg.
    foto: apa/dpa/link

    Der Große Brachvogel stand AC/DC fast im Weg.

  • Die Fledermaus blockiert eine Umfahrung.
    foto: apa/dpa/roessler

    Die Fledermaus blockiert eine Umfahrung.

  • Eidechsen müssen zugunsten eines Wohnprojekts übersiedeln.
    foto: apa/dpa/boris roessler

    Eidechsen müssen zugunsten eines Wohnprojekts übersiedeln.

Ob Schnepfe, Mausohr, Ziesel oder Wachtelkönig - immer öfter erhalten Tiere bei geplanten Großprojekten unfreiwillig Parteienstellung. Für Bauträger ein lästiges Übel, sind sie für Gegner ein willkommenes Druckmittel

Wien/St. Pölten/Linz - Mit der Hand oder mit kleinen Fangschlingen werden die Mauereidechsen eingefangen. Etwa 20 Exemplare, die im Durchschnitt rund neun Zentimeter lang sind, waren es im vergangenen Monat. Die Tiere müssen übersiedeln, da auf dem ehemaligen Zementfabriksgelände in Rodaun (23. Bezirk in Wien) unter dem Titel "Waldmühle" rund 450 Wohnungen entstehen sollen. Proteste gegen das Projekt beziehen sich vor allem auf befürchtete Verkehrsprobleme. Das Übersiedeln einer streng geschützten Reptilienart vor dem Anfahren der Abbruchbagger ging bislang im Stillen vonstatten.

Immer öfter werden Tiere zum Politikum, nämlich dann, wenn bei einem umstrittenen Straßen- oder Bauprojekt plötzlich seltene Arten auftauchen. "Es steht die Frage im Raum: Welches öffentliche Interesse ist größer? Das am Projekt oder das am Artenschutz?", sagt Christoph Walder vom WWF. So ist es in Tirol der Huchen, die größte Lachsart, der den Bau eines Isel-Kraftwerks verhindert; das Steinhuhn wiederum steht oft Seilbahnen im Weg.

Gitarrenklänge zur Brutzeit

Nicht immer laufen Konflikte um schützenswertes Getier so ruhig ab wie bei der Eidechsen-Absiedlung in Rodaun. Dramatische Szenen sollen sich etwa am Abend des 22. Mai 2010 am Welser Flugplatz abgespielt haben. An diesem Pfingstsamstag soll der Große Brachvogel "panikartig" die Flucht ergriffen haben, Jungen und Eier wurden zu Vollwaisen. Für den oberösterreichischen Naturschutzbund war es auf jeden Fall "blanker Horror", für 95.000 Fans gschmackiger Gitarrenklänge ein unvergesslicher Abend. Am 22. Mai stoppte der Rock-'n'-Roll-Train von AC/DC auf dem Welser Flugfeld, was Naturschützer Wochen vorher auf die Palme brachte.

Dank des im Mai brütenden Brachvogels entwickelte sich das als Sensation angepriesene Konzert zur Zitterpartie. Selbst der oberösterreichische Landtag beschäftigte sich - auf Anfrage der Grünen - mit Angus Young und Kollegen. Konkret wollte man vom Naturschutzlandesrat Manfred Haimbuchner (FP) wissen, ob dieser gedenke, im Vogelparadies den Stecker zu ziehen. Die Antwort fiel eindeutig aus: Sollte es einen Alternativstandort geben und am bisher geplanten Gelände tatsächlich die Brachvogelbrut ob der harten Gitarrenriffs nervös werden, wird es keine Bewilligung für das Konzert geben. Die Welser Stadtregierung schnürte noch eilig ein Maßnahmenpaket, und auf dem Flugfeld hieß es letztlich: "For Those About to Rock - We Salute You."

Mausohr-Freiflug

Dass es beim Einfluss von Tieren auf Bauprojekte nicht unbedingt auf die Größe ankommt, beweist das kleine Mausohr. Sechs bis sieben Zentimeter ist die Fledermaus groß, und sie ist einer der Gründe, warum die Kleinstadt Wieselburg im niederösterreichischen Mostviertel noch immer keine Umfahrung hat. Seit fast zwei Jahrzehnten tobt ein Streit darüber, wie man die Bundesstraße 25, die durch die Stadt führt, umleiten könnte - staut es dort doch regelmäßig. Kurz vor der Landtagswahl 2008 gab es sogar einen Spatenstich, "Danke Erwin" plakatierte die Wieselburger VP.

Passiert ist seither freilich nicht viel, der Akt liegt beim Bundesumweltsenat - wobei man in Wieselburg wohl nicht ganz zu Unrecht vermutet, dass die im Frühjahr 2013 anstehenden Landtagswahlen das Projekt wieder in Fahrt bringen könnten. Wenn das kleine Mausohr der Politik nicht einen Strich durch die Rechnung macht, ist es doch der tierische Protagonist in der Beschwerdeführung der Umfahrungsgegner.

Ziesel als Projektverzögerer

Ein wiederkehrender Projektverzögerer ist der Ziesel, jüngst erst in Wien. Beim Heeresspital in Stammersdorf nördlich der Donau sollen 900 geförderte Wohnungen errichtet werden, so die kleinen Nager das Ersatzquartier akzeptieren, das der Bauträger ihnen geschaffen hat. Dazu müssten sie eine Brücke über den Marchfeldkanal nehmen. Vertschüssen sich die Ziesel - 126 waren es im vergangenen Jahr bei einer Zählung der Uni Wien auf der betroffenen Fläche -, dann wäre das Wohnbauprojekt wohl am Ende. Sehr zur Freude der entsprechenden Bürgerinitiative.

In Wiener Neustadt wurden Ziesel übrigens schon einmal erfolgreich übersiedelt: Sie wohnten just dort, wo das Land sein medizinisches Prestigeprojekt Medaustron errichten wollte. Der Trockenrasen, den die Tiere so gern haben, wurde ab- und auf einer anderen Fläche wieder aufgetragen, die Nager folgten.

In der Steiermark wurde der Wachtelkönig zum Wappentier der Gegner der seit Jahrzehnten vieldiskutierten Ennstal-Autobahn. 1994 wurde der Vogel gesichtet. Dort, wo seit 1972 der Bau einer neuen Verkehrsverbindung durch das mittlere Ennstal geplant ist, brüten einige Exemplare des unter Schutz gestellten Vogels - und verhindern damit seit Jahrzehnten erfolgreich den Bau der ennsnahen Trasse. (Andrea Heigl/Markus Rohrhofer/Gudrun Springer, DER STANDARD, 12.6.2012)

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