Der Blick ins eigene Gesicht und in die arme Welt hinaus

11. Juni 2012, 17:23
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Sehenswerte Ausstellung in der Neuen Galerie in Graz über das Frühwerk von Michelangelo Pistoletto

Graz - Langsam spaziert Michelangelo Pistoletto von einem seiner Bilder ins nächste. Er spaziert tatsächlich durch die in der Neuen Galerie im Joanneumsviertel präsentierten Bilder hindurch, denn der 79-jährige Künstler spiegelt sich darin - etwa neben dem Mann, der hinter Gittern einen Besen schwingt, oder neben den grau-schwarz bekleideten Passanten, die - den Blick nach unten gerichtet - vorbeihuschen. Pistolettos Bilder aus den 1970er-Jahren auf polierten Edelstahlplatten sind eine wichtige Etappe auf einem Weg der Reflexion.

Selbstporträts, Spiegel, Minus-Objekte heißt die aktuelle Ausstellung, die 2010 in größerem Rahmen in Philadelphia zu sehen war und für Graz von Peter Pakesch und Pistoletto neu konzipiert wurde. Darin finden sich auch Selbstporträts der 1950er, anhand deren sich verfolgen lässt, wie der Maler, Aktions- und Konzeptkünstler Oberflächen immer dunkler und glatter malte, bis die Farbe so zu reflektieren begann wie die später bemalten oder bedruckten Stahlplatten. "Hier habe ich mich zuerst von hinten gemalt", erklärt er, auf ein Bild zeigend. Dann kam der Blick ins Gesicht auf dem Selbstporträt, und erst dann jener - unmittelbar - in den Spiegel. Die Schau, die sich mit dem Frühwerk des Vorreiters der Arte povera beschäftigt, ist dennoch kein Spaziergang in die Vergangenheit. Denn gerade das Hereinholen der Gegenwart und der Realität war Pistoletto immer Anliegen.

Das Phänomen des Spiegelns hilft auch viele der Objekte des Kulturpessimisten Pistoletto zu verstehen, allen voran seine berühmte Lumpen-Venus (1967). Dem Betrachter abgewandt, blickt sie in einen sozialen Spiegel und wurde in der Folge zu einer Ikone der Arte-povera-Bewegung. Auch sie ist in Graz zu sehen.

Das Hereinholen der Welt war bei Pistoletto stets gesellschaftspolitisches Programm. Von 1968 bis 1970 brach er die Grenzen zwischen Kunst und der Welt des Alltäglichen mit seiner Performance-Gruppe Zoo Group auf. Davon zeugen Texte, Pamphlete und Fotografien von Aktionen in seinem Turiner Atelier und im öffentlichen Raum verschiedener Großstädte.

Vor allem in seinen Minus-Objekten geizt der Künstler nicht mit Humor. Als er etwa vor einer Vitrine aus den 1960er-Jahren ohne Glas steht, in der Schuhe und ein Arbeitsoverall voller Farbe "präsentiert" werden, sagt er verschmitzt: "Einmal habe ich vor dem Schlafengehen überlegt, was wäre, wenn ich morgens nicht mehr aufwachte. Da habe ich mein Gewand gleich präpariert wie für ein Museum. Irgendwann später habe ich es dann zu einem Kunstwerk gemacht."

1996 gründete Pistoletto nahe seiner Geburtsstadt Biella die Kunststadt Cittadellarte, wo er sich mit Künstlern, Wissenschaftern und Vertretern von Politik und Wirtschaft austauscht. Der Cittadellarte ist ab September eine zweite Pistoletto-Schau im Grazer Kunsthaus gewidmet. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 12.6.2012) 

Bis 14. 10.

  • Die Ikone der Arte povera: Lumpen-Venus von 1967.
    foto: p. pellion/joanneum

    Die Ikone der Arte povera: Lumpen-Venus von 1967.

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