Das Sägewerk hinter dem Heiligen Stuhl

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    foto: daniel dal zennaro/pool/ap/dapd

Neue Enthüllungen beweisen: Der Vatikan ließ seinen ehemaligen Bankchef von einem Psychotherapeuten beschatten, um ihn zu diskreditieren. Beobachter meinen: Der Kampf um die Papstnachfolge hat bereits begonnen

Über Jahrhunderte hinweg war das päpstliche Geheimarchiv nur engsten Vertrauten zugänglich. Auf 85 Regalkilometern schlummern in den römischen Gewölben zehntausende Dokumente, darunter Briefe von Michelangelo und Galileo Galilei oder die Bannbulle Martin Luthers. Außer offiziellen Verlautbarungen drangen höchstens unbestätigte Gerüchte nach außen. Keine andere Institution verfügte über derartig viel Erfahrung im Totschweigen. Doch derzeit reicht das nicht. Seit dem Beginn der Vatileaks-Affäre kämpft der Vatikan fast wöchentlich mit Richtigstellungen und Kommuniqués gegen ein Gespenst, das die Kirchenführung in schlechtem Licht erscheinen lässt.

Gestohlene Dokumente, Palastintrigen, Machtspiele, Morddrohungen - längst scheint die Realität Dan Browns lebhafte Fantasie zu übertreffen. So veröffentlichte die Tageszeitung "Il fatto quotidiano" mehrere Briefe, die belegen, dass der Vatikan den Exchef der Vatikanbank IOR, Ettore Tedeschi, vor seinem erzwungenen Rücktritt von einem Psychotherapeuten beobachten ließ, der ihm "psychopathologische Dysfunktion" unterstellte.

Auf die Briefe könnte noch einiges folgen. Explizit warnte der Vatikan Italien davor, ein Dossier zu veröffentlichen, das die italienische Polizei vergangene Woche in Tedeschis Wohnung beschlagnahmt hatte. In den Unterlagen soll detailliert belegt sein, wie der Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone gegen Tedeschi intrigierte. Die Dokumente müssten rückerstattet werden, fordert der Kirchenstaat. Gleichzeitig forderte er die Justiz auf, "unbefugte Ermittlungen" über vermeintliche Geldwäsche im IOR einzustellen und die Souveränität des Vatikans zu respektieren.

Geldwäsche untersucht

Die römische Staatsanwaltschaft untersucht derzeit 15 verdächtige Transaktionen, bei denen die Herkunft des Geldes unklar ist. Vom Vatikan entschieden abgelehnt wurde ein Rechtshilfeansuchen der Staatsanwaltschaft Trapani (Sizilien), die auf dem IOR-Konto eines suspendierten Priesters Gelder des untergetauchten Mafia-Bosses Matteo Messina Denaro vermutet.

IOR-Generaldirektor Paolo Cipriani hat Tedeschis Behauptung bestritten, der Krieg gegen ihn habe begonnen, als er Einblick in geheime IOR-Konten gefordert habe. Der enge Vertraute Bertones bestritt, dass es in der Vatikanbank chiffrierte Konten gebe. Er habe Tedeschi entsprechende Unterlagen vorgelegt, die er aber nicht eingesehen habe.

Die Polemik ist längst zur Schlammschlacht ausgeartet. Viele Vatikanexperten sehen in der Preisgabe geheimer Dokumente eine Intrige gegen den ungeliebten Staatsseekretär Tarcisio Bertone. Dem machtbewussten Piemontesen fehlt die langjährige diplomatische Erfahrung seines Vorgängers Angelo Sodano und dessen profunde Kenntnis des Kurienapparats. Gegner werfen Bertone zudem immer wieder Günstlingswirtschaft vor.

Rücktritt im Dezember

Bertones starke Neigung zu einem autokratischen Regierungsstil stieß bei vielen Kardinälen auf Unmut. Das sich der Kardinalstaatssekretär nach seinem 78. Geburtstag im kommenden Dezember dem Druck beugen könnte und zurücktritt, wird nicht ausgeschlossen. Der interne Krieg gegen den Staatssekretär scheint Teil eines Machtkampfs zu sein, in dem es um die Nachfolge des 85-jährigen Papstes geht.

"Das Neue ist, dass diesmal ein Machtkampf im Vatikan in den internationalen Medien ausgetragen wird", sagt Vatikankenner Marco Politi. "Es handelt sich um die organisierte Aktion eines Netzwerks oder einer Dissidentengruppe, deren Stärke unklar ist. Sie wollen Bertone stürzen und eine Änderung an der Spitze der Regierung erzwingen."

Hilflos rief der Papst die Mitarbeiter am Sonntag zur Treue auf: "Nur in dem Maß, in dem die Kurienmitarbeiter treu sind, sind sie auch glaubwürdig." Die römische Kurie ist freilich längst nicht mehr, was sie war. Der deutsche Kardinal Walter Kasper spricht aus, was viele denken: In der Kurie herrsche "schlechter Stil und Mangel an Loyalität". (Gerhard Mumelter, DER STANDARD, 12.6.2012)

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