Eine Formel für alles Elend der Menschheit

11. Juni 2012, 17:06
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Mit seinem düsteren Abgesang auf die Vernunft in der Welt ist dem Portugiesen Gonçalo M. Tavares ein Buch der Stunde gelungen - Der Roman "Die Versehrten" (im Original 2004 erschienen) macht Angst

Wien - "Bestimmte Behinderungen", schreibt Gonçalo M. Tavares, "sind manchmal ein Weg, den die Natur wählt, um unseren geheimsten Bitten zu entsprechen." Die Wahrheit dieses rätselhaften Satzes liegt in der Tiefe der Nacht begraben. Sechs Gottverlassene irren gegen vier Uhr früh wie hungrige Wölfe durch die Gassen einer unbekannten Stadt.

Es sind die unterschiedlichsten Schmerzen, die in den Eingeweiden dieser "letzten Menschen" wühlen. Die Schizophrene Mylia wird vom Unterleibskrebs am Schlafen gehindert. Ihre Krankheit ist die Folge einer unsachgemäß vorgenommenen Sterilisation. Wie von Sinnen torkelt Mylia zu einer nahen Kirche. Man lässt die Moribunde nicht eintreten. Der Anruf beim verflossenen Lebensabschnittspartner zeitigt ein überstürztes Wiedersehen.

Ernst Spengler, der Vater ihres behinderten Sohnes, beugt sich über die Zusammengesunkene: Die Figuren des Gonçalo M. Tavares sind in der Tat "Die Versehrten", so der Titel eines der wichtigsten Romane dieser Monate und Tage, und man argwöhnt, ein finsterer, allwissender Gott schiebe sie wie kaputte Spielsteine über ein abschüssiges Brett.

Tavares (42), Sohn eines Bauarbeiters aus Luanda, wurde 2005 von seinem Laudator José Saramago in den Rang Franz Kafkas erhoben. Tavares habe "kein Recht", sprach der Nobelpreisträger, "im Alter von 35 Jahren so gut zu schreiben. Man hätte Lust, ihn zu schlagen."

Der von Saramago geschilderte, gut nachvollziehbare Impuls verdankt sich einer erzählerischen Kälte, die nicht nur in der portugiesischen Literatur einzigartig dasteht. In kurzen Kapiteln, die Paragrafen ähneln oder Spielanweisungen, verzahnt der Autor die Schicksale von Menschen, denen auf Erden nicht zu helfen ist. Fast widerwillig lässt sich Tavares die einzelnen Erzählbrocken entreißen: Mylia gerät als junge Frau in die Obhut des Psychiaters Buschbeck. Nicht nur dass dieser seine Schutzbefohlene sofort ehelicht, Theodor Buschbeck macht sich an die Arbeit, das Leid in der Welt zu erkunden.

Die "Entwicklung des Grauens in der Geschichte" ist das Thema einer alles in den Schatten stellenden Studie. Buschbeck glaubt, man könne das Leid, das eine bestimmte Gruppe von Menschen einer anderen zufüge, in Zahlen gießen. Man ahnt, dass der Psychologe wissenschaftlichen Murks treibt: Buschbeck versteigt sich zu der These, dass Leid und Elend auf Völker und Nationen sauber aufzuteilen seien. Zu Hause hat er derweil einen behinderten Sohn sitzen: Kaas Buschbeck kann nur schlecht artikuliert sprechen, und er besitzt grotesk ausgemergelte Beine. Das Kind ist die Frucht einer flüchtigen Umarmung Mylias mit dem verrückten Ernst Spengler.

Es war aber der Doktor selbst, der seine Frau in die Nervenklinik hatte sperren lassen. Absurder noch: Das Produkt des Seitensprungs in der Klapsmühle nimmt Buschbeck in seine Obhut, um es an Sohnes statt aufzuziehen. Das Klima des Romans "verstörend" zu nennen wäre fahrlässig: Es unterschlüge den heiligen, metaphysischen Ernst. Mit Tavares ist nicht zu spaßen.

Sein konzentrierter Roman operiert mit ein paar wenigen Bibelmotiven. Die Wechselwirkung von zugefügtem und erduldetem Leid lässt sich mit ein paar Allerweltsvokabeln freilich weder verstehen noch ergründen. Die Versehrten ist eine literarische Kampfansage an die Adresse aller derjenigen, die sich aus Gewohnheit und Denkfaulheit auf der moralisch sicheren Seite wähnen.

Kein Licht der Vernunft

Es gibt auf Erden Schmerzen, die kein Arzt und kein Sozialwissenschafter wegtherapieren können. Die Erzählwelt von "Kaas" und "Ernst" und " Hinnerk" (ein Psychotiker mit Kriegserfahrung) wird von keinem Lichtstrahl der Vernunft erhellt. Vernünftig scheint nur die Findigkeit, mit der die Menschen einander an die Gurgel fahren.

Sadismus ist das gängige Zahlungsmittel in einer von Trost entblößten Welt. In der halten die Kirchen nicht nur um vier Uhr früh ihre Seitenpforten geschlossen. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 12.6.2012)

Gonçalo M. Tavares: Die Versehrten. Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis. DVA, München 2012, 240 Seiten.

  • Gekommen, um als dritter großer Romancier Portugals neben José Saramago 
und António Lobo Antunes zu bestehen: Gonçalo M. Tavares, wohnhaft in 
Lissabon. 
    foto: teresa sá berryfield

    Gekommen, um als dritter großer Romancier Portugals neben José Saramago und António Lobo Antunes zu bestehen: Gonçalo M. Tavares, wohnhaft in Lissabon. 

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