Wii U angetestet: Nintendo serviert "Super Mario" auf dem Tablet

Wii U soll an die Revolution der Wii anschließen. Ob das ein zweites Mal klappen kann?

Wenn Shigeru Miyamoto die Bühne betritt, wird man unweigerlich von seinem strahlenden Grinsen angesteckt. Dem Erfinder von "Super Mario" ist die Leidenschaft für Videospiele von Ohr zu Ohr anzusehen. So überrascht es nicht, dass Nintendo seinen Chefentwickler dazu bat, die Präsentation der neuen Spielkonsole Wii U mit der kunterbunten Strategiespiel-Fortsetzung "Pikmin 3" einzuleiten. Mit "Pikmin 3" veranschaulichte Miyamoto in wenigen Minuten, worum es bei der Wii U geht: Das Videospiel wird vom Fernseher per Tablet-Controller näher an den Spieler herangebracht und ermöglicht so neue Interaktionsmöglichkeiten. Das Dual-Screen-Konzept, wie es Nintendo seit 2004 mit dem Handheld "DS" bemüht, wird fürs Wohnzimmer adaptiert. Im ersten Testdurchlauf mit der finalen Wii U und einigen Games auf der E3 zeigte sich, dass die Idee vor allem bei Mehrspielererlebnissen fruchten könnte. Ob die Kombination aus zurückhaltender Hardware und neuem Eingabemechanismus eine ähnliche Revolution wie die Erfolgskonsole Wii auslösen kann, ist dennoch fraglich.

Was ist die Wii U? 

Die Wii U basiert auf einem Power PC-Mehrkernprozessor von IBM und einem Grafikprozessor von AMD, der Auflösungen von bis zu 1080p unterstützt. Einen Grafiksprung darf man sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt allerdings nicht erwarten. Das unterstreichen die ersten Spiele, die zumeist bei 30 Bildern pro Sekunde mit 720p auflösen. Ein Unterschied zu Multiplattform-Games für PS3 und Xbox 360 ist nicht sichtbar.

Das Besondere ist der mitgelieferte Tablet-Controller. Das Wii U GamePad bietet einen 6,2 Zoll großen Single-Touchscreen und kann je nach Einsatzzweck entweder bestimmte Anzeigeelemente wie Spielmenüs oder Zusatzinformationen wiedergeben oder Spiele und Filme komplett ausgeben. Etwa dann, wenn man das Wohnzimmer verlassen möchte oder der Freund oder die Freundin fernsehen will, während man spielt. Dank NFC-Funktionalität (Near Field Communication) kann der Controller mit speziellen Spielkarten interagieren. Lage- und Beschleunigungssensoren dienen zur Bewegungssteuerung.

Weitere Details beschrieb Nintendo bislang nur grob: Zur Speicherung von Daten dient Flash-Speicher, es werden aber auch SD-Karten und externe Festplatten über USB unterstützt. Spiele lassen sich herunterladen oder in Form von "Wii optical discs" erwerben. Über HDMI wird Surround-Sound mit bis zu sechs Kanälen geboten. An der Rückseite befinden sich Ausgänge für HDMI, Wii D-Terminal, Wii Component Video, Wii RGB, Wii S-Video Stereo AV und Wii AV. Die Anbindung ans Internet erfolgt über WiFi (IEEE 802.11b/g/n) oder einen Wii LAN Adapter. Peripherigeräte können an vier USB 2.0-Ports angeschlossen werden.

Viele Engabemöglichkeiten

Das Wii U Gamepad wiegt 500 Gramm und wurde so ergonomisch geformt, dass es auf Dauer angenehm in den Händen liegt. Analogsticks und die typischen Spieltasten und Abzugsknöpfe sind gut erreichbar und entspannt bedienbar. Aufgrund der Größe des farbschönen LC-Displays und des Gewichts ist die Nutzung im Sitzen zu empfehlen. Multifunktional gibt sich das Tablet mit Kamera, Mikrofon und Lautsprecher. Die gebündelte Funktionalität hat jedoch auch einen Haken: Je nach Helligkeit des LC-Displays soll das Pad nur drei bis fünf Stunden Akkulaufzeit bieten und 2,5 Stunden zum Laden benötigen. Immerhin lässt sich das Pad an einem Stromkabel betreiben. Sofern es ein Spiel unterstützt, können bis zu zwei Tablet-Controller gleichzeitig eingesetzt werden, auf der E3 zeigte Nintendo allerdings noch kein einziges Spiel, dass mehr als ein Tablet unterstützt.

Die Wii U unterstützt abseits des Wii U GamePad alle Controller und Eingabegeräte, die schon bei der Wii zum Einsatz kamen.  Für die meisten Party-Games bietet sich die Kombination aus GamePad und Wiimotes an, für Multiplayer-Shooter wurde der Wii U Pro Controller entwickelt. Dabei handelt es sich im Prinzip um eine sehr exakte Kopie des Xbox 360-Controllers, nur dass der rechte Analogstick oberhalb der Buttons platziert wurde. Der Controller liegt sehr gut in der Hand, die Abzüge sind mit den Zeigefingern leicht zu erreichen. Xbox- und PS3-Spieler werden aufgrund der gespiegelten Tastenbelegung etwas Zeit brauchen, um sich umzugewöhnen. Auf der E3 emonstriert wurde die Kombination aus Wii U GamePad, bis zu vier Wiimotes, Wii U Pro Controller und Wii Balance Board in Party- und Multiplayer-Games.

Wii U im Einsatz

Beispiele für dieses asymmetrische Gameplay liefert die neue Minispielsammlung "Nintendo Land". Dahinter steckt eine Vielzahl von Games, die die Funktionen der Konsole demonstrieren und zur Unterhaltung für Zwischendurch einladen. Spieler treten dabei stets mit ihren eigenen Miis an. Bei "Luigi's Ghost Mansion" etwa, nimmt der Spieler mit dem Tablet die Rolle des Geists ein, während die anderen - ohne ihn auf dem Fernseher zu sehen - vor ihm flüchten müssen, um ihn anschließend mit der Taschenlampe zu besiegen. Bis zu vier Spieler müssen zusammenarbeiten und miteinander kommunizieren, wenn sie durch Vibrieren ihrer Wiimote vor der Ankunft des Geists gewarnt werden. Bei "The Legend of Zelda: Battle Quest" läuft man zu dritt durch Ritterburgen und muss heranstürmende Kämpfer besiegen. Die zwei mit der Wiimote spielenden Teilnehmer werden mit Schwertern ausgestattet, der Gamepad-Nutzer hat Pfeil und Bogen und nützt das Display des Tablets zum Zielen. Die Spiele sind im Stile der Miis simpel gestaltet, demonstrieren jedoch, dass ein zweiter Screen zur Spieltiefe beitragen kann.

Als einer der Highlights des gezeigten Wii-U-Line-ups lässt der Plattformer "Rayman Legends" bis zu vier Spieler durch kreativ gestaltete Welten springen, während ein weiterer Teilnehmer als helfende Feh per Tablet eingreift. So überkommt man gemeinsam Hürden, entledigt sich kooperativ fieser Monster und löst nicht selten anspruchsvolle Puzzle in Absprache miteinander.

"ZombiU" ist ein klassischer Survival-Shooter und schöpft die neuen Steuerungsmöglichkeiten der Konsole aus und setzt auf einem spannenden Gameplay-Ansatz auf. Angeleitet von einem Erzähler gilt es, als willkürlich ausgewählter Charakter Missionen zu erfüllen und in einer von Zombies geplagten Stadt zu überleben. Wird man einmal gebissen, heißt es "game over" und der Charakter wird zum Zombie. Danach schlüpft man in die Haut eines anderen Protagonisten und wird so wiederum zum Feind des gerade infizierten Charakters. Das Spiel auf Zeit wird durch eingestreute Puzzles angeheizt. Während man auf dem Tablet Türschlösser knackt, die Gegend mit dem Infrarotsensor scannt oder Leichen nach nützlichen Gegenständen durchsucht, geht die Jadg weiter - der Druck lässt so nie nach. Im Multiplayer-Modus kombinieren die Entwickler die verschiedenen Eingabegeräte. Beim Capture-the-Flag-Bewerb müssen die mit dem Pro-Controller spielenden Teilnehmer um die Vorherrschaft kämpfen, während der Tablet-Nutzer das ganze aus der Vogelperspektive sieht und Strategiespiel-ähnlich Zombies setzt.

Das Strategiespiel "Pikmin 3" wird ganz mit dem Tablet gesteuert. Mit Hilfe kleiner Gefährten gilt es im Mikrokosmos der Natur verschiedenste Aufgaben zu lösen, seine Figuren sicher über Bäche und Hindernisse zu leiten und Widersacher in Schach zu halten. Der Tablet dient dazu, durch die Karten zu navigieren und Strategien auszuführen. Überdies zeigt der Tablet den Status der Gehilfen an.

"Batman: Arkham City Armored Edition" bringt das Superheldenabenteuer von 2011 in einer angepassten Version auf Wii U. Hersteller Rocksteady nutzt den Tablets-Controller hierbei etwa, um bei der Spurensuche zu helfen, Kampfstrategien auszuführen oder Batmans Boomerang durch die Lüfte zu lenken. Außerdem werden über den Tablet das Inventar und die Menüs jederzeit angezeigt, ohne das Spiel pausieren zu müssen.

Probleme mit zwei Bildschirmen

So lustig die Kombination zweier Spielbildschirme auch ist, offenbaren sich in einigen Situationen Koordinierungsprobleme. Bei "Ninja Gaiden 3" beispielsweise, wirkt der Einsatz des Tablets zur Anzeige des Inventars überflüssig. Die Kämpfe am Fernseher sind so schnell und erfordern ein derart hohes Maß an Aufmerksamkeit, dass man schlicht keine Zeit hat, das alternative Display anzusehen. Hier lenkt der Blick nach unten eher ab, als zu bereichern. Das kreative "Scribblenauts Unlimited" wiederum, bei dem man zur Lösung von Rätseln Gegenstände zeichnen und beschreiben muss, verlagert fast alle Funktionen auf den Tablet, sodass man den Fernseher die meiste Zeit gar nicht beachtet. Das ist an sich nichts Schlechtes, nur ist es fraglich, ob man angesichts der Tablet-Verbreitung (iPad und Co.) dafür eine neue Spielkonsole braucht.

Die neuen Eingabemöglichkeiten der Wii U stellen die Entwickler also nicht nur vor Chancen, sondern auch neue Problemstellungen. Speziell Mehrspielererlebnisse scheinen aber wie geschaffen für das Konzept. Insgesamt bestätigte Nintendo 23 Spiele, die rund um den Start der Wii erscheinen sollen. Neben den besprochenen Werken gehören unter anderem das Open-World-Game "Lego City: Undercover", das Action-Adventure "Assassin's Creed 3" und "Darksiders 2" dazu.

Der Knüller fehlt noch

Nach wiederholten Spieldurchgängen hinterlässt die Wii U einen gemischten Eindruck. Auf der einen Seite konnte Nintendo unter Beweis stellen, dass ein Tablet-Controller neue, innovative Spielideen hervorbringen kann. Auf der anderen Seite blieb man für den Auftakt viel schuldig. Die herausragenden Games tragen nicht "Super Mario" oder "Link" als Galionsfigur, sondern stammen mit "Rayman Legends" und "ZombiU" von Dritthersteller Ubisoft. Daneben wurden Neuauflagen wie "Batman: Arkham City Armored Edition" und "Mass Effect 3" versprochen. Wie groß der Anreiz ist, ein Jahr alte Spiele auf einer neuen Konsole zu kaufen, muss jeder selbst für sich beantworten.

Ein zweites Problem ist, dass die Hardware der Konsole zwischen den Stühlen steht. Die Aussicht auf legendäre Nintendo-Ikonen in HD stimmt zwar fröhlich, doch nächstes, spätestens übernächstes Jahr halten mit "Xbox 720" und "PS4" bereits Games der nächsten Generation Einzug. Wenngleich Inhalte immer wichtiger sein werden, als die reine Grafikqualität, so versprechen neue Technologien im Bereich Künstliche Intelligenz und Physik immer auch neue Möglichkeiten. Es wird sich zeigen müssen, wie gut die Konsole angesichts der erstarkten Konkurrenz altern kann. Das größte Problem aus heutiger Sicht aber ist, dass der absolute Knüller auf der E3 nicht gezeigt wurde. Das verlockende, aber eher nischige "Pikmin 3" als Flaggschiff zu wählen, ist eine gewagte Entscheidung.

Wer bereits eine Wii hat, wird die meisten Wii-Games -ob auf Disc oder als Download - auf der Wii U spielen können. Downloads und Save-Games lassen sich übertragen.

Multimedia-Funktionen

Neben Spielen wird die Wii U diverse Multimedia-Dienste integrieren. Das Videoportal Youtube wird ebenso Teil des Angebots sein, wie Amazon Instant Video. Bleibt natürlich abzuwarten, welche Applikationen in den heimischen Breitengraden verfügbar sein werden. Über eine TV-Taste lässt sich das Bild vom Fernseher auf das Tablet übertragen und umgekehrt. Das ist praktisch, wenn man Programme parallel zu anderen Fernsehinhalten genießen möchte oder Entdeckungen auf dem Tablet der Allgemeinheit preisgeben will. Das Pad kann bei abgeschalteter Wii U zudem als Fernbedienung genutzt werden.

Soziales Netzwerk

Um Wii U-Spieler aus aller Welt miteinander zu verbinden, integriert Nintendo das soziale Netzwerk Miiverse in das Konsolenerlebnis. Die Dienste des Netzes können während des Spielens genutzt werden. Jeder Freund wird durch einen Mii-Avatar repräsentiert. Man kann mit Kontakten über Textchats kommunizieren und sich gegenseitig Bilder schicken. Neuigkeiten werden auf einer Facebook-ähnlichen Pinnwand aufgeführt. Weiters sieht man, was Freunde gerade spielen oder welchen Dienst sie nutzen. Nintendo hofft, dass man Kunden so stärker an die eigenen Plattformen binden kann. Miiwerse wird so auch für den Handheld 3DS zur Verfügung stehen.

Um die Konversationen auf familienfreundlichem Niveau zu halten, implementiert Nintendo ein vierstufiges Kontrollsystem basierend auf Blacklist, Kontrollmechanismen für die Eltern, Community-Meldungen und redaktioneller Betreuung.

Online-Gaming und Unklarheiten

Einen Bereich, den Nintendo bislang nur vage umschrieben hat, ist das Online-Netzwerk. Um mit anderen Spielern zocken zu können, wird nach wie vor ein Friend-Code benötigt. Der Konzern verspricht jedoch, dass die Identifikation von Freunden einfacher fallen werde, als es bei der Wii der Fall ist, wo jedem Spieler ein 16-stelliger Code zugeschrieben wird.

Für Download-Inhalte und -Games wird die Wii U nicht mit großen Festplattenkonfigurationen ausgestattet. Anstelle dessen könne man den Speicherplatz per USB-Schnittstelle erweitern. Virtuelle Errungenschaften, wie man sie auf der Xbox 360 oder der PS3 freischalten kann, wird es ebenfalls geben. Allerdings ist die Implementierung von Trophäen in Spiele nicht zwingend.

Vieles schuldig geblieben

Nintendos konfuse Vorstellung der geplanten Online-Dienste ist ernüchternd. In Zeiten von Xbox Live und PlayStation Network hätte man einen klaren Vorstoß in die Online-Welt erwarten können. Anstelle dessen enthüllte man eine Mii-Version von Facebook und gab zu, dass Netzwerken bei Nintendo noch immer Friend-Codes benötigt.

Wichtiger noch: Nintendo konnte bislang noch immer keinen konkreten Starttermin und keinen Preis festlegen. Dass der Konzern nicht auf der größten Publikumsmesse gamescom in Köln Mitte August vertreten sein wird, lässt zweifeln, ob die Wii U tatsächlich noch Ende 2012 in allen großen Märkten zu haben sein wird.

Ausblick

Das Potenzial der Wii U erschließt sich einem, sobald man eines der beschriebenen Multiplayer-Games gespielt hat. Doch Nintendo ist gut damit beraten, in den kommenden Monaten eine deutliche Message zu formulieren, an wen sich die Konsole richtet, und die vielen Unklarheiten aufzulösen. Vor allem die Online-Funktionalitäten dürfen 2012 nicht mehr unter den Tisch gekehrt werden. Die Minispielsammlung "Nintendo Land" hat wie schon einst "Wii Sports" Hit-Chancen, bis zu den ganz großen Krachern heißt es wohl noch: Abwarten. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 13.6.2012)

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