Ausbeuterische Landnutzung in Argentinien

Blog11. Juni 2012, 14:13
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In der flachen Pampa ist die industrielle Landwirtschaft mit genmanipuliertem Saatgut unaufhörlich auf dem Vormarsch

Ja, uns gibt es noch - wir sind mitten in der argentinischen Pampa, aber nicht verloren und immer noch nicht verzweifelt. Angesichts der Weiten im ewigen Flachland gibt es zwar oft Anlass dazu, doch wie alles Große und Ungewohnte übt auch die menschenarme Ebene eine starke Faszination auf uns aus und treibt uns voran.

Für den Großteil des argentinischen Hinterlandes ist "flach" schon gar nicht mehr der passende Ausdruck, denn damit verbinden wir doch noch leichte Unebenheiten und Erhebungen. In der Pampa oder im Chaco ist es aber wirklich flach, also plan - so als könnten wir ewig sehen, wenn die Erde nicht rund wäre. Oft erkennen wir bei Nacht die Lichter einer Stadt in der Ferne, wundern uns aber erst recht, doch noch mehrere Tage dorthin zu benötigen.

Bankette in Uruguay

Uruguay hatten wir zuvor nach etwa einer Woche wieder verlassen, sind über den gleichnamigen Grenzfluss erneut in Argentinien eingereist und haben die Provinz Entre Rios durchquert. Sie ist entsprechend ihrem Namen außer im Norden von Flüssen umgeben und wie Uruguay noch leicht hügelig. Auch sonst hat sich für uns beim Grenzübertritt kaum etwas Gravierendes verändert. Nur die Währung und dass den meisten Straßen in Argentinien das durchgehend breite Bankett abgeht, das wir erst im Nachhinein an Uruguay schätzen lernten.

So sind wir oft gezwungen, direkt auf der Fahrbahn oder zumindest an Seitenstreifen zu gehen, und versuchen, so oft wie möglich Feldwege zu nehmen. Nicht selten existieren solche "caminos rurales" für Landwirtschaftsfahrzeuge parallel zu Hauptverkehrsrouten. Gerne führen sie aber auch davon weg und enden plötzlich irgendwo.

Ein Drittel wohnt in Buenos Aires

Spätestens ab Santa Fe ist es total flach, in den Straßen sind kaum noch Kurven, und neben Feldern gibt es kaum etwas zu sehen. Zwischen den Städten, die gerne einmal zwei, drei Tagesmärsche auseinander liegen, herrscht oft Menschenleere, und nur Nutzvieh und Wildtiere umgeben uns für lange Zeit. Dabei gehören Santa Fe und die angrenzende Provinz Cordoba noch zu den dichter besiedelten Gebieten Argentiniens. Nur Buenos Aires und dessen Provinz überbieten alles - alleine hier lebt mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung.

Cordoba, Rosario, Santa Fe und Mendoza heißen weitere wichtige Großstädte des Landes, und während sich das restliche Land immer mehr leert, wachsen diese unaufhörlich. Viele Menschen flüchten aus der Provinz, weil sie dort keine Lebensgrundlage mehr finden. Auf der Suche nach Arbeit landen viele jedoch in den Armutsvierteln der Städte, wo es ihnen kaum besser ergeht.

Nutzfläche um zweimal Niederlande erweitert

Argentinien ist im Wandel, und eine einzige Veränderung in der Landwirtschaft gehört zu den stärksten Auslösern: die Entwicklung der Gentechnik. Schon 2005, zehn Jahre nach der Marktzulassung von genmanipuliertem Soja, war das Saatgut des US-Konzerns Monsanto nahezu das einzige eingesetzte in ganz Argentinien. Den Bauern wurde mehr Nachhaltigkeit, dabei höhere Erträge und weniger Arbeit versprochen, doch mittlerweile ist schwer zu leugnen, welch folgenschwere Schäden die Technologie an Mensch, Tier und Natur angerichtet hat.

Da sie anfangs zu intensiverem und schnellerem Anbau führte, ging damit eine enorme Landumwandlung zur Sojaanbaufläche einher. Alleine in den ersten zehn Jahren wurde die Fläche um acht Millionen Hektar, also der doppelten Größe der Niederlande, erweitert.

Preise steigen, Versorgung sinkt

Tragisch ist dabei, dass die Gier weder vor Lebensräumen noch vor uralten Regenwäldern haltmachte. Felder, auf denen einst Weizen, Sonnenblumen, Hirse, Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse angebaut wurden, werden heute zur großindustriellen Produktion von Sojabohnen genutzt. Die Zahl der Menschen in Argentinien, denen der Zugriff auf Grundnahrungsmittel fehlt, hat sich seither mehr als verdoppelt, weil viele Familien und Kleinbauern einfach keine Anbaufläche mehr vorfinden. Weiters stiegen durch die Dominanz des Sojaanbaus selbstverständlich auch die Preise vieler anderen Landwirtschaftsprodukte.

Richtig erschreckend sind diese Fakten aber erst, wenn man bedenkt, wozu diese Unmengen an Sojabohnen verwendet werden: Nur ein vernachlässigbarer Teil der Ernte bleibt im Land, denn der Großteil wird für die globale Nutztierindustrie verwendet. Europa ist dabei stark im Rennen und importiert mehr als die Hälfte des genmanipulierten Sojaschrots aus Argentinien. Hauptsächlich, um Rinder, Schweine und Hühner zu mästen, damit diese noch schneller und günstiger auf unseren Tellern landen.

Ein Saatgut, ein Spritzmittel

Leider sind sozioökonomische Probleme bei weitem nicht die einzigen, die mit dem übertriebenen Fleischkonsum in Südamerika einhergehen. Beispiele für mindestens ebenso katastrophale Auswirkungen sind die unerforschte Wirkung genveränderter Lebensmittel, der erhöhte Pestizideinsatz, die Entstehung von Superunkraut, die unaufhaltbare Entwaldung und die Vernichtung der Artenvielfalt sowie die wirtschaftliche Abhängigkeit von einer einzigen Technologie, ja von nur einem Saatgut und einem Spritzmittel, das alles von einem einzigen Konzern angeboten wird.

Nach mehreren Wochen Fußmarsch neben unendlich weiten Sojafeldern können wir bestätigen, dass unsere Befürchtungen über die Umweltverträglichkeit dieses intensiven Anbaus weit übertroffen wurden. Es ist immer wieder erschreckend, wie weit wir bereit sind zu gehen, um rein wirtschaftliche Interessen zu befriedigen. Dabei liegt die Verantwortung nicht nur bei skrupellosen Unternehmern, sondern bei uns allen. (Rowin Höfer/Marvin Fritz, derStandard.at, 11.6.2012)

  • Aufgrund der leichten Hügel in Uruguay erkannten wir zum Glück nicht immer die endlos geraden Strecken und hatten nicht immer dasselbe Bild vor Augen.
    foto: rowin höfer

    Aufgrund der leichten Hügel in Uruguay erkannten wir zum Glück nicht immer die endlos geraden Strecken und hatten nicht immer dasselbe Bild vor Augen.

  • In Argentinien kommen wir  immer wieder durch verlassene Ortschaften. Sie sind auf unserer Karte eingezeichnet, doch eigentlich gibt es sie nicht mehr. Das Land wird immer unbewohnter, dabei zeugen Eisenbahnschienen überall im Land von weitaus belebteren Zeiten.
    foto: rowin höfer

    In Argentinien kommen wir immer wieder durch verlassene Ortschaften. Sie sind auf unserer Karte eingezeichnet, doch eigentlich gibt es sie nicht mehr. Das Land wird immer unbewohnter, dabei zeugen Eisenbahnschienen überall im Land von weitaus belebteren Zeiten.

  • In manchen Kleinstädten wurden ehemalige Bahnhöfe in schöne, große Parks umgewandelt, wo wir uns immer gerne niederlassen.
    foto: rowin höfer

    In manchen Kleinstädten wurden ehemalige Bahnhöfe in schöne, große Parks umgewandelt, wo wir uns immer gerne niederlassen.

  • Das Ausmaß der Sojaanbauflächen ist von unten kaum überschaubar. In Rekordzeit werden die Felder großflächig und mit dem Einsatz von hochtechnologischen Geräten bestellt. Ernte um Ernte, ohne Fruchtwechsel oder Erholzeit für den Boden.
    foto: rowin höfer

    Das Ausmaß der Sojaanbauflächen ist von unten kaum überschaubar. In Rekordzeit werden die Felder großflächig und mit dem Einsatz von hochtechnologischen Geräten bestellt. Ernte um Ernte, ohne Fruchtwechsel oder Erholzeit für den Boden.

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