Piusbrüder als Segen für die Pfarrer-Initiative

Wolfgang Bergmann
11. Juni 2012, 10:47

Kommt sie nun, die vom Papst so intensiv betriebene Einigung mit den Piusbrüdern, oder kommt sie nicht? In Rom beschäftigt sich die Glaubenskongregation intensiv damit, und die Gerüchte kochen hoch.

Was man jetzt schon sagen kann: Egal, wie es ausgeht, der Vorgang an sich hat bereits Standards gesetzt, hinter die Papst Benedikt schwer zurückkann. Kurioserweise nützen diese Verhaltensweisen gerade der Pfarrer-Initiative. So können die Erzkonservativen zum unverhofften Segen für die Kirchenreformer werden.

"Sollen wir sie wirklich beruhigt von der Kirche wegtreiben lassen? Ich denke zum Beispiel an die 491 Priester": Mit diesem Satz meinte der Bischof von Rom zwar nicht die aufmüpfigen Priester des österreichischen Aufrufes (das sind ja auch "erst" 421), sondern die geweihten Männer der lefebvrianischen Bruderschaft. Wenn ihn aber diese Zahl der erzkonservativen Klerikern so sehr bewegt, dass sie auf höchster vatikanischer Ebene verhandeln dürfen, warum sollten dann nicht auch bald die Fortschrittlichen im Vatikan zu Gesprächen empfangen werden?

Ebenso ist in Erinnerung gerufen: Die lefebvrianischen Bischöfe wurden exkommuniziert, weil sie in einem Akt des offenen Ungehorsams ihre Bischofsweihen empfangen hatten. Diese Exkommunikation wurde vom Papst als "leiser Gestus der Barmherzigkeit" zurückgenommen, obwohl diese weiterhin Vorbehalte haben, "was den Gehorsam gegenüber seiner Lehrautorität und gegenüber der des Konzils betrifft", wie Benedikt XVI. selbst sagt.

Welche Sanktionen soll da der Wiener Kardinal oder gar die Österreichische Bischofskonferenz gegen ihre Priester setzen, die sich im Gegensatz zu den Piusbrüdern ganz dem II. Vatikanischen Konzil verbunden wissen? Ihr Ungehorsam in pastoralen Fragen ist vergleichsweise harmlos. Zudem werden die verbotenen Taten von allen österreichischen Bischöfen inhaltlich gedeckt, solange sich niemand öffentlich dazu bekennt. (Das ist natürlich ein Trauerspiel in Sachen Wahrhaftigkeit, aber das ist ein anderes Thema.)

Ein Weiteres verdanken wir dem Vorgang: Es gibt einen offenen Dissens zwischen Kardinälen. Während Kardinal Kurt Koch kürzlich betonte, dass die lefebvrianische Priesterbruderschaft im Fall ihrer Aussöhnung mit Rom den Dialog mit dem Judentum akzeptieren müsse, bestreitet Kardinal Walter Brandmüller gar überhaupt die verbindliche Autorität dieser Konzilsdokumente.

Interessanterweise wurden beide Antagonisten im selben Konsistorium zu Kardinälen kreiert (20. November 2010). So unerfreulich der Anlassfall ist (es gibt also immer noch hochrangige Kirchenvertreter, die die Religionsfreiheit und die geschwisterliche Beziehung zum Judentum in Frage stellen!), so positiv ist zu vermerken, dass die bisherige Verhaltensnorm, wonach nach außen hin jeder Konflikt zu vermeiden ist und Einmütigkeit dort gespielt wird, wo sie nicht besteht, offensichtlich ein Ende hat. Ein wichtiger Schritt zur ehrlichen Konfliktaustragung.

Nun ist trotz seines Werbens um eine Gruppierung, die - wie leider die katholische Kirche vor dem II. Vatikanischen Konzil insgesamt - immer noch antisemitische Züge trägt, nicht anzunehmen, dass dieser Papst selbst ewig gestrigem Gedankengut nachhängt.

Unterstellen wir also positiv, dass er bis zuletzt um deren Rückkehr bemüht ist, weil er Randgruppen nicht in Extremismus abgleiten lassen will. (Integrieren statt Ausgrenzen, diese Strategie ist ja auch im weltlichen Bereich anzutreffen - und freilich auch da umstritten.)

Bestürzend bleibt allerdings, dass er die Integration bis ins Kardinalskollegium hinein betreibt. Umgekehrt wird er aber umso weniger Strömungen ausgrenzen können, die zumindest in Mitteleuropa von der Mehrheit der Gläubigen und Kleriker getragen werden. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis auch die Pfarrer-Initiative ganz selbstverständlich in Rom ein- und ausgehen wird. Und bis ein Kardinal mutig genug ist, sich offen zu ihr zu bekennen.

PS: Und jetzt ist es wieder passiert: Mit Sondergenehmigung des Papstes wurde am 26. Mai in Deutschland ein ehemaliger Pastor, verheiratet und Vater von vier Kindern, zum katholischen Priester geweiht, ohne auf sein eheliches Sexualleben verzichten zu müssen.

Gleich am 2. Juni hat der Papst trotzdem den Pflichtzölibat für katholische Priester neuerlich verteidigt. Die priesterliche Ehelosigkeit sei "ein leuchtendes Zeichen" für ein solch "ungeteiltes Herz" und eine vollständige Hingabe an den seelsorgerischen Dienst für Christus, meldete Kathpress.

Die willkürliche Ausnahme für Konvertiten ist ein Hohn für jeden verdienten Diakon und Pastoralassistenten, der sich zum Priesteramt berufen fühlt, aber verheiratet ist. Und ein Hohn für jede Pfarrgemeinde, die solche Mitarbeiter gerne als Vorsteher ihrer Pfarre hätte.

In einem kleinen öffentlichen Streitgespräch diskutierte ich kürzlich mit Prof. Erich Leitenberger, der gleich drei Kardinälen (König, Groer, Schönborn) als Pressesprecher treu gedient hat, diese ärgerliche Inkonsequenz. Leitenberger besitzt die Gabe, zu allen Problemen und Widersprüchlichkeiten der katholischen Kirche beschwichtigende Erklärungen zu finden. Bei dieser willkürlichen Ausnahmeregelung gab auch er auf: "Das kann man niemandem mehr erklären."

PPS: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD. 2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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Ist J. Ratzinger ein Anti-Christ?

Das Seltsame: Es gibt ja nicht nur vereinzelte Ausnahmen vom Zölibatsgebot in der Lateinischen Kirche (als größte Teilkirche der Röm. Kath. Kirche),...

...sondern die überwiegende Mehrheit der anderen Teilkirchen der Röm. Kath. Kirche (die zahlenmäßig kleinen mit Rom unierten Ostkirchen) weihen regelmäßig Verheiratete Väter zu Priestern. Und das ist schon seit Jahrhunderten auch von Rom völlig akzeptiert.

Es kann also in Wahrheit kein theologisches Argument gegen die Priesterweihe von Verheirateten geben.

Der nächste Papst wird mit Sicherheit - nach dem Modell der Ostkirchen - das Priesteramt für Verheiratete öffnen; von der Bischofsweihe werden sie aber natürlich weiterhin ausgeschlossen bleiben.

Richtig, und da die Päpste schon lange mit zweierlei Maß messen,

schmoren sie in der Hölle und warten auf Benedikt XVI.

Herr Leitenberger

könnte sich mal bei den Telcos erkundigen, denn dort läuft das ja sehr ähnlich: neugeworbene Kunden zählen viel mehr und erhalten allerlei Vergünstigungen, während Bestandskunden kaum ein substanzielles Incentive erhalten ...

lieber herr bergmann!

ich bin in ihren kommentaren zur lage der kirche sehr auf ihrer linie, mir imponiert das insiderwissen und die zusammenschau komplexer themen.

ich bin wegen der pius-brüder affäre ausgetreten aus der kirche, nunmehr sieht man immer offener die intrigen im vatikan. (wann kommt ihr kommentar zu vatileaks?)

in einem glaube ich, dass die hoffnung der vater ihrer gedanken ist: dass benedikt sich in richtung liberaler strömungen aufmachen wird. ihr absatz -
"Unterstellen wir also positiv, dass er bis zuletzt um deren Rückkehr bemüht ist, weil er Randgruppen nicht in Extremismus abgleiten lassen will." -
ist voller hoffnung; aber bei allem, was benedikt bis jetzt gemacht hat, ist er nicht mehr als wunschdenken.

trotzdem-danke für die kommentare

mir wurscht, bin ausgetreten!

Als Steuerzahler finanziert diese Organisation fleissig (und ungewollt) weiter mit!

Wie zahlreiche andere Oragnisationen, inkl. andere Kirchen und Religiosngemeimnschaften. Ein Sonderfall sind die direkten Entschädigungszahlungen - die sind aber eine (partielle) Entschädigung, dass sich der Staat die frühere Kirchenfinanzierung unter den Nagel gerissen hat.

ja, ich weiß, aber zumindest die freiwillige steuer kann jeder selbst stornieren

Der Probstdorfer Hosentaschen-Luther

steht treu zu seiner Hosentasche.

Der ist aber kein Lutheraner!

darüber liegt so ein nebel,

über dieser denkungsart, da muss man dazu gehören um durch den schleier zu sehen und diese sprache des unausgesprochenen zu verstehen.

Ein eigenes abgeschlossenes Denkghetto mit eigener Sprache ist der sterile sich im Kreis drehende sophistische Katholizismus.

ja genau,

Nebel und Trugbilder resp. Reden, alles zur Unterdrückung der Seelen.

Re: Umgekehrt wird er aber umso weniger Strömungen ausgrenzen können, die zumindest in Mitteleuropa von der Mehrheit der Gläubigen und Kleriker getragen werden.

'
Wird er nicht?

kirchenkonkordat abschaffen.

finanzielle leistungen an diesen privatverein einstellen oder so fördern wie jeden anderen privatverein, zb den kleintierzuchtverein grammatschneiztichal.

dann lösen sich viele probleme, dann gibts weder allzu viele von den sogenannten "aufmüpfigen" und die hardliner gibts dann auch nicht mehr so viele. und ich hätte wenigstens einmal an meinen sonntag meine ruhe vor dem gebimmel.

geld streichen, staatsvertrag mit dem krichenstaat auflösen und die ganzen probleme gibts nicht mehr.

Das Konkordat kann nicht einseitig gekündigt werden.

wie jeder völkerrechtliche vertrag gibt es auch hier den weg den vertrag aufzulösen, auch einseitig.

dazu gibt es im völkerrecht genügend beispiele.

Ja, aber dazu brauchen S' eine qualifizierte politische Mehrheit - und die ist weit und breit nicht in Sicht.

Der Nudelsiebträger versucht schon seit Monaten krampfhaft die 8000 Unterschriften für sein Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien zusammenzukratzen.
Das wären aber erst ca. 1.25 Promille der Wahlberechtigten.

Kaiser Franz Joseph hatte es da 1870 sehr leicht.
Er ließ dem Papst in Rom mitteilen, dass das Konkordat nicht mehr gilt, da dem Kaiserreich der Vertagspartner quasi abhanden gekommen ist; er habe nämlich seinerzeit nicht mit einem Unfehlbaren einen Vertrag abgeschlossen (Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit, Juli 1870).

Kaiser Franz Joseph hat 1870 das damalige Konkordat einseitig für ungültig erklärt und zwar erfolgreich.
1903 hat er in seiner Eigenschaft als apostolischer König von Ungarn einen Einspruch (durch einen polnisch-österreichischen Kardinal) gegen den aussichtsreichensten Kandidaten bei der Papstwahl während des Konklaves ausgesprochen. Damals wurde dann ein anderer Papst!
Das waren halt noch Zeiten.

Es ist fraglich, ob das überhaupt legal war. Ein Rechtsstaat kann sich das jedenfalls nicht erlauben.

Dies ist nicht leicht, und es besteht dazu weder eine Parlamentsmehrheit noch eine der drei großen/größeren/größten Parteien Österreichs ist dafür!

wo ist das problem? jeder kennt die kirchengesetze. der papst steht ganz oben der absolutistischen wahlmonarchie. der hochadel wählt diesen "könig"

der dann absolutistish herrschen kann und in manchen punkten sogar göttliche unfehlbarkeit besitzt.

jeder der sich diesem system unterordnet, hat sich zu fügen. ein blick in die geschichte zeigt, dass reformen von solchen absolutistischen system kaum funktionieren. eher werden die aufständigen hingerichtet, spalten sich ab oder der könig wird gevierteilt und der nachfolger ist genau so schlimm oder das ganze herrschaftssystem zerbricht und es folgt ein anderes.

also liebe aufständischen, auf zum sturm auf den palast.

aber bitte belästigt die öffentlichkeit nicht. mich nervt das nur noch, dauernd von einem privatverein belästigt zu werden. kirchenprivilegien abschaffen, dann lösen sich viel andere probleme...

"Ihr seid meine Zeugen!", spricht Jehova,
"Vor mir ward kein Gott geschaffen, und so
wird auch nach mir kein Gott mehr sein!"

Wort des Lebendigen Gottes

Lies nach beim Propheten Jesaja!

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