"Öl ist sozusagen das Blut der Volkswirtschaft"

Interview10. Juni 2012, 18:57
43 Postings

Warum die Ölproduzenten bremsen und es mehr Chancen als Risiken in der Energiewende gibt, erklärt Ökonomin Claudia Kemfert

Energieökonomin Claudia Kemfert sieht mehr Chancen als Risiken in der Energiewende. Warum trotzdem die Skeptiker tonangebend sind und die Ölproduzenten bremsen, sagte sie auf Fragen von Günther Strobl.

STANDARD: Sind wir mit heutigem Tag Peak Oil, also dem Fördermaximum, einen Schritt näher gekommen, oder liegt dieser Zeitpunkt schon hinter uns?

Kemfert: In manchen Regionen haben wir das Fördermaximum teilweise schon überschritten - etwa in Europa. Global gesehen sind wir noch nicht beim Peak. Irgendwann wird es aber soweit sein - das ist abhängig von der möglichen weltweiten Angebotsausweitung und der Nachfrageentwicklung. Weil in Ländern wie China und Indien der Energiehunger zunimmt, marschieren wir von derzeit 89 Millionen auf 100 Millionen Fass (à 159 Liter) Ölbedarf pro Tag zu. Dann ist wahrscheinlich auch der globale Peak Oil erreicht.

STANDARD: Warum ist die Opec nicht an Peak Oil interessiert?

Kemfert: Die Länder des Ölkartells haben billig zu erschließende Ölfelder und ein Interesse am Verschleiern. Sie versuchen den Eindruck zu erwecken, dass es in den Opec-Staaten unbegrenzt Öl gibt. Da ist große Unsicherheit gegeben.

STANDARD: Der Preis für das Fass Rohöl sollte nach Adam Riese weiter in die Höhe schnellen, wenn das Wissen um Peak Oil sich verbreitet. Davon würden wiederum die Produzentenländer profitieren.

Kemfert: Die versuchen ja auch, den Ölpreis zu steuern. Ein Ölpreis von über 100 Dollar je Fass bedeutet für die Opec-Staaten einen großen Gewinn, weil die Kosten der Exploration in diesen Ländern sehr viel niedriger sind.

STANDARD: Wenn man die Stimmung als Indiz nimmt, hat man den Eindruck, als ob der Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energien mehr Risiken als Chancen beinhaltet. Wieso?

Kemfert: Weil diejenigen, die behaupten, dass die Risiken eines Umstiegs größer sind, eine lautere Stimme haben. Es gibt ja massive Wirtschaftsinteressen in den Industriestaaten, damit alles erst einmal so bleibt, wie es ist. Global gesehen gibt es aber auch viele klimaschädliche Subventionen. In vielen Produzentenländern wird über niedrige Gas- oder Ölpreise der Verbrauch für viele Bürger subventioniert.

STANDARD: Andererseits ist die propagierte Energiewende eine Operation am lebenden Organismus?

Kemfert: Das stimmt. Deutschland hat sich dieses Experiment vorgenommen. Es klingt aber schlimmer als es ist - da es ein langfristiges Projekt ist. Deutschland hat sich vier Jahrzehnte für die Energiewende vorgenommen, vielleicht dauert es länger. Wir müssen es als Marathonlauf sehen, den wir heute einleiten und wo wir wohldosiert Änderungen vornehmen. Was wir brauchen, ist Ruhe und Geduld, nicht Hysterie.

STANDARD: Die Weltwirtschaft basiert auf Öl und Gas. Fehlen die Ingredienzien, kollabiert das Ganze?

Kemfert: Im Moment ist die Volkswirtschaft auf fossile Energie angewiesen, das ist richtig. Öl ist sozusagen das Blut der Volkswirtschaft. Die Ölvorkommen gehen auch schneller zur Neige als Gas.

STANDARD: Haben Sie eine Erklärung, warum nicht schon nach den Ölkrisen der 1970er-Jahren der Umstieg gewagt wurde?

Kemfert: Weil Öl sich danach wieder stark verbilligt hat. Dadurch geriet in Vergessenheit, dass Ölpreiskrisen auftreten können. Die Volkswirtschaften reagieren zu langsam und zu träge auf Schocks, da man eine neue Technik oder Infrastruktur nicht mal eben schnell flächendeckend einführen kann. Deshalb müssen wir heute beginnen und uns umstellen, Energie sparen und mehr und mehr auf fossile Energieträger verzichten. Wir haben die besten ökonomischen Voraussetzungen, in neue Technologien zu investieren, statt weiter fossile Energieformen zu subventionieren.

STANDARD: Ab wann ist der Ölpreis zu billig? Bei 80 Dollar je Fass oder weit darunter?

Kemfert: Das ist schon ein relativ hoher Ölpreis ...

STANDARD: ... an den wir uns gewöhnt haben.

Kemfert: Das ist ein interessantes volkswirtschaftliches Phänomen. Wir lernen, uns anzupassen. Empirisch lässt sich messen, dass wir heute weniger anfällig sind, als dies bei früheren Ölpreisschocks der Fall war, zumindest in Europa. Dennoch ist es so, dass es volkswirtschaftlich schwieriger wird, je höher der Ölpreis steigt.

STANDARD: Wann wird es kritisch?

Kemfert: Das kann man nicht wirklich messen, weil auch die Volkswirtschaften wie ein Gummiband immer flexibler werden. Was man aber sagen kann, ist, dass hohe Ölpreise grundsätzlich Gift für die Volkswirtschaft sind, weil sich alle Energiekosten verteuern. Daher ist das Energiesparen auch so wichtig. (Günther Strobl, DER STANDARD, 11.6.2012)

Person Claudia Kemfert (43) studierte Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Bielefeld, Oldenburg und Stanford. Seit 2004 leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin. Zusätzlich hat Kemfert eine Professur für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Berliner Hertie School of Governance. Kemfert war auf Einladung der Organisation zum Studium von Peak Oil und Gas in Wien.

  • Energie-Ökonomin Claudia Kempert:  "Öl ist sozusagen das Blut der 
Volkswirtschaft. Die Ölvorkommen gehen auch schneller zur Neige als Gas."
    foto: standard/hendrich

    Energie-Ökonomin Claudia Kempert: "Öl ist sozusagen das Blut der Volkswirtschaft. Die Ölvorkommen gehen auch schneller zur Neige als Gas."

Share if you care.