Regen und schmusende Schockrocker

10. Juni 2012, 18:14
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Windgetöse und wenig Dynamik: Für Abwechslung sorgte beim diesjährigen Nova-Rock-Festival vor allem das Wetter. Überschattet wurde die Veranstaltung vom Tod eines 24-Jährigen

Nickelsdorf - Die Kapriolen des Wetters, über die sonst nur Pensionisten und Meteorologen diskutieren, zählen bei einem Freiluftereignis bekanntlich zu den wesentlichsten Faktoren.

Am ersten Festivaltag von Nova Rock war die Witterung bis zu den Headlinern freundlich, die alten Herren von The Offspring spielten ihr Programm noch hastig durch, dann wurde der Platz um die Bühnen geräumt, ein Sturm mit starken Böen sei im Anflug.

Regengüsse

Der nahm sich dann eher wie ein Junilüfterl aus und Rise Against konnten mit einem gekürzten Set auftreten. Vielleicht war die Stimmung nur wegen dem überwundenen Regenguss so ausgelassen, die US-amerikanische Hardcoreband sorgte jedenfalls für den Höhepunkt des Freitags. Frontman Tim McIlrath erzeugte Gemeinschaftsgefühl und beschrieb die familiäre Atmosphäre unter Rockern: "If you came here tonight, you're all part of this gigantic fucked-up family."

Linkin Park brachten abschließend ihre Melange aus Hip-Hop, Elektronik und verzerrten Gitarren nicht mehr überzeugend an. Sie spielten zwar Stücke vom neuen Album, ihr Sound zwischen Boyband und Synthetik war im Windgetöse aber wenig dynamisch und fast nicht zu erhören.

Man hoffte auf einen besseren zweiten Tag, der nahm sich aber weder wettermäßig noch musikalisch ansprechender aus. Die Stilrichtungen, die am Nova Rock in einem Balanceakt zwischen Kommerz und Brutalität präsentiert wurden, leben von der rückblickenden Liebe. Die meisten der Bands wie Metallica oder Slayer reüssierten schon in den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Und auch ein Nu-Metal genannter Ableger der harten Musik, wie er von Limp Bizkit praktiziert wird, löst heute keine Begeisterungsstürme mehr aus. Nach Neuem suchte man also auch am Samstag vergeblich, das "Nova" vor dem "Rock" steht dort also zu Unrecht.

Auch die als Band noch immer nicht Toten Hosen waren keine Überraschung im Line-up. Campino und seinen Freunden war die Lust am Rocken beim 30-Jahre-Jubiläum am Samstagabend aber dennoch anzumerken. Die Mischung aus alten und neuen Nummern war stimmig, das absolute Highlight seltsamerweise ein Ärzte-Cover, das rotzige "Schrei nach Liebe" als Zugabe.

Tragischer Todesfall

Vorurteile, die Laien gegenüber der Metal- und Hardcoreszene haben könnten, werden beim Nova Rock entkräftet: Schockrocker können zärtlich schmusen, Zungen, die zum Trashmetal herausgestreckt werden, lutschen auch mal Softeis, und mehrfach gepiercte Mädchen helfen gerne mit ein paar Cent aus, wenn es für die Vier-Euro-Pizzaschnitte nicht ganz reicht.

Die subversiven Negationsriten, die einmal für authentische Rebellion gegen alles gestanden haben, sind heute, so scheint es, nur mehr zwanghafte Gesten des Konformismus. So kamen auf den pannonischen Feldern von Nickelsdorf die Dämonen eher mit dem Wetter als mit der Musik.

Tragisch die Nachricht vom Tod eines 24-jähriger Niederösterreichers, der Freitagnachmittag zusammengebrochen ist und nicht wiederbelebt werden konnte. Die Veranstalter trifft keine Schuld, trotzdem wird das Festival nicht vom Wetter, sondern von dieser Nachricht überschattet. (Timon Mikocki, DER STANDARD, 11.6.2012)

  • Verschwommen: Linkin Park brachten Freitagnacht ihre Melange aus Hip-Hop, Elektronik und Gitarren nicht überzeugend an.
    foto: standard / robert newald

    Verschwommen: Linkin Park brachten Freitagnacht ihre Melange aus Hip-Hop, Elektronik und Gitarren nicht überzeugend an.

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