Europameister Österreich

  • Die Schlagzeile im Sport-Tagblatt vom 31.Jänner 1927 gehörte dem ersten österreichischen EM-Titel im Eishockey.
    foto: sport-tagblatt/österreichische nationalbibliothek

    Die Schlagzeile im Sport-Tagblatt vom 31.Jänner 1927 gehörte dem ersten österreichischen EM-Titel im Eishockey.

  • Die EM 1926 in Davos brachte mit neun Teams einen neuen Teilnehmerrekord. Österreich (hier gegen die ČSR) wurde Dritter.
    foto: archiv des öehv

    Die EM 1926 in Davos brachte mit neun Teams einen neuen Teilnehmerrekord. Österreich (hier gegen die ČSR) wurde Dritter.

  • Ein üppiger Lorbeerkranz für den Europameister von 1927, die rot-weiß-rote Auswahl.
    foto: archiv des öehv

    Ein üppiger Lorbeerkranz für den Europameister von 1927, die rot-weiß-rote Auswahl.

  • Die Kader der Europameister-Mannschaften von 1927 und 1931. In Klammer die Anzahl der erzielten Turniertreffer.

    Die Kader der Europameister-Mannschaften von 1927 und 1931. In Klammer die Anzahl der erzielten Turniertreffer.

Schon 50 Jahre vor der ersten Fußball-EM gab es eine Europa­meister­schaft im Eishockey. Zwei Mal konnte Österreich diese gewinnen

Während derzeit in Polen und der Ukraine die 14. Auflage der erstmals 1960 ausgetragenen Fußball-Europameisterschaft über die Bühne geht, reicht die Geschichte des kontinentalen Länderwettkampfs im Eishockey deutlich weiter zurück. Bereits im Jänner 1910, knapp zwei Jahre nach der Gründung des Weltverbandes LIHG (später IIHF), trafen sich die Repräsentanten von vier Nationen auf einem zugefrorenen See vor den Toren des Schweizer Städtchens Montreux, um den ersten Europameister im Eishockey auszuspielen.

Disqualifikation beim ersten Auftritt

Österreich feierte seine EM-Premiere zwei Jahre später beim Turnier in Prag, bei dem Böhmen - eigentlich Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie, allerdings seit 1908 selbstständiges Mitglied im Eishockey-Weltverband - eine eigene Mannschaft stellte. Sportlich weitestgehend chancenlos, war Österreich auch für die spätere Annullierung dieser Europameisterschaft verantwortlich, da der erst gut zwei Wochen vor Turnierbeginn gegründete Verband (ÖEHV) formell noch kein Mitglied der LIHG war.
Nur marginal erfolgreicher gestaltete sich das zweite Antreten im Folgejahr 1913: Österreich, vertreten durch die DEHG Prag, den Verein der deutschsprachigen Minderheit in Böhmens Hauptstadt, verlor alle drei Spiele und beendete das Turnier mit einem niederschmetternden Torverhältnis von 5:34. Bemerkenswert dabei, dass alle fünf Treffer von Jim Pipes, einem in Prag lebenden Kanadier, erzielt wurden.

Bandy-Spezialisten ohne Chance

Die Unterlegenheit Österreichs im europäischen Vergleich lag vor allem im Umstand begründet, dass zu dieser Zeit in Wien ausschließlich Bandy praktiziert (siehe "Gebogene Haselnussprügel und Korkbälle"), die EM aber bereits im kanadischen Eishockey ausgetragen wurde. Folgerichtig verzichtete man auf die Teilnahme am Turnier 1914, das aufgrund des Weltkriegs das letzte für sieben Jahre bleiben sollte.
Der Wechsel vom Bandy zum Eishockey wurde in Wien erst im Winter 1922/23 vollzogen, 1924 wurde Österreich wieder in den Weltverband aufgenommen. Die Bildung einer Nationalmannschaft ließ jedoch noch auf sich warten, aus finanziellen Gründen entschied sich der ÖEHV gegen die Teilnahme an den Olympischen Spielen von Chamonix. Internationale Erfahrung sammelten die rot-weiß-roten Cracks daher in erster Linie auf Vereinsebene, vor allem der Wiener Eislaufverein (WEV) suchte immer wieder den grenzübergreifenden Vergleich und nahm etwa am Spengler-Cup in Davos teil.

Erfolgreiche Rückkehr

Dementsprechend wenig überraschend konstituierte sich Österreichs erstes Nationalteam nach dem Weltkrieg vornehmlich aus Spielern des WEV. Bei der Europameisterschaft 1925 in Štrbské Pleso kehrte die rot-weiß-rote Auswahl auf die internationale Bühne zurück und bestritt am 9.Jänner 1925 gegen die ČSR (0:3) ihr erstes richtiges Eishockey-Länderspiel. Der zwei Tage später durch Treffer der WEV-Spieler Herbert Brück und Alexander Lebzelter fixierte 2:0-Erfolg über Belgien wird in den ÖEHV-Archiven bis heute als erster Länderspielsieg geführt. Beschlossen wurde das Turnier von 1925 durch ein 2:2 gegen die Schweiz (beide Tore von Ulrich Lederer), mit dem Österreich den Gewinn seiner ersten EM-Medaille - jener in Silber - sicherstellte.

Europameister auf heimischem Eis

Nach einem dritten Platz bei der Europameisterschaft 1926, die mit neun Nationen einen neuen Teilnehmerrekord verzeichnete, schlug im darauffolgenden Jahr Österreichs große Stunde. Auf der Kunsteisbahn am Wiener Heumarkt gewann das vom Kanadier Gordon Dempsey betreute Team alle fünf Spiele, kassierte dabei nur zwei Gegentreffer und krönte sich - allerdings in Abwesenheit von vier ehemaligen Titelträgern - erstmals zum Europameister. Wesentlichen Anteil am Turniergewinn hatte einmal mehr Ulrich Lederer, der fünf Tore beisteuerte und mit insgesamt 19 Treffern erfolgreichster österreichischer Schütze der EM-Geschichte ist.

Österreichs erfolgreichste Periode

Der Europameistertitel von 1927 läutete allerdings auch das Ende des kontinentalen Vergleichskampfs der Nationen ein, bereits im darauffolgenden Jahr wurden die EM-Medaillen (wie auch jene der WM) im Zuge des Olympischen Eishockeyturniers vergeben. Nur noch zwei Mal, 1929 und 1932, sollten eigene EM-Turniere stattfinden, in allen anderen Jahren bis 1991 leiteten sich die EM-Platzierungen aus dem Klassement der Weltmeisterschaften (ab 1930 jährlich ausgetragen) respektive der Olympischen Spiele ab.
In diese Phase der Veränderung des Spielmodus fällt auch die Periode der größten internationalen Erfolge der österreichischen Eishockey-Nationalmannschaft: Von 1929 bis 1933 platzierte man sich fünf Jahre in Serie in den EM-Medaillenrängen, 1931 durfte man sich nach einem dritten Rang im WM-Turnier von Polen sogar ein weiteres Mal Europameister nennen. Dem Kader gehörten dabei gleich sieben Spieler aus der erfolgreichen Mannschaft von 1927 an.

Das Ende der Europameisterschaften

Im Folgejahr fand zum letzten Mal ein eigenes Eishockey-EM-Turnier statt. Da die Olympischen Winterspiele 1932 in Lake Placid ausgetragen wurden und sich ob der wirtschaftlichen Krisenzeiten mit Ausnahme von Deutschland und Polen keine anderen europäischen Mannschaften die Reisekosten nach Übersee leisten konnten oder wollten, schrieb der Weltverband eine letzte Europameisterschaft aus.
Das in Berlin ausgespielte Turnier fügte sich dabei nahtlos in die von Kuriositäten und Seltsamkeiten gekennzeichnete Geschichte der Eishockey-EM ein. Da in der Vorrundengruppe A mit Deutschland, Österreich und der Schweiz alle Spiele unentschieden endeten, wurde kurzerhand der Modus geändert und allen drei Teams die Teilnahme an der Finalrunde zugestanden. Dort schlug Österreich die ČSR, ehe ein 0:0 gegen Schweden am 18.März 1932 nicht nur den Gewinn der Silbermedaille sicherstellte, sondern auch das 55. und zugleich letzte EM-Spiel der rot-weiß-roten Eishockeyhistorie markierte. (Hannes Biedermann; derStandard.at; 10.Juni 2012)

 

Share if you care