"Ich hätte jedenfalls keine Stiftung gemacht"

Reportage10. Juni 2012, 16:24
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Auf dem Parteitag in Wien äußerten die Delegierten leise Kritik an Graf - und zeigten Vertrauen in die Justiz

Im Prunksaal mit den Kristalllustern wummern die Lautsprecher, als Heinz-Christian Strache übers Mikrofon die "Treibjagd der Medien" gegen Martin Graf und die FPÖ anprangert. Vor dem Saal, wo Kaffee, Säfte und Sekt ausgeschenkt werden, sind am Sonntagvormittag weniger kämpferische Töne zu hören. An den Stehtischen mit den weißen Tischdecken lehnen Parteidelegierte, die sich für ein paar Minuten vom Dröhnen der Soundanlage erholen.

Überall liegen Broschüren auf, mit dem Konterfei Grafs und der Schlagzeile "Medienkampagne gegen Martin Graf - Vorwürfe und Fakten" auf dem Titelblatt: Vorsorglich hatte der Dritte Nationalratspräsident eine schriftliche Stellungnahme verteilen lassen, um auf die gegen ihn vorliegenden Vorwürfe zu reagieren. Doch egal, mit wem man hier spricht - das einfache Parteimitglied scheint in der Stiftungsaffäre weniger Martin Graf und Strache zu vertrauen als der österreichischen Justiz.

"Keine Bananenrepublik"

"Das muss das Gericht klären", meint ein Parteimitglied mit langem Haar und Vollbart. „Die Justiz funktioniert, wir sind ja keine Bananenrepublik, also lassen wir die Gerichte entscheiden." Er persönlich glaube zwar nicht, dass Graf "etwas Übles getan hat". Sollte beim Gerichtsverfahren jedoch Gegenteiliges herauskommen, "dann wäre er schon gut beraten, zurückzutreten", meint der rund 50-jährige Mann. Einstweilen glaube er jedoch an Grafs Unschuld und an die Schuld der Medien: „Die Kronen Zeitung gräbt Sachen aus dem Jahr 1994 aus, weil sie sonst nichts in der Hand hat", spielt der Delegierte auf einen Zeitungsbericht über Martin Grafs fälschliche Verwendung eines Rechtsanwalts-Titels an. "Ist leicht die Jagdgesellschaft wieder ausgebrochen?" Auf die Frage, ob er Grafs Umgang mit der 90-jährigen Gertrud Meschar gutheiße, meint der Mann: „Ich kenn mich mit Stiftungen nicht aus. Aber dass sich jemand reingelegt fühlt, das ist ja bei jeder Versicherung so, das ist mir auch schon passiert."

"Hätten bald keine Politiker mehr"

Ein paar Meter weiter holt sich eine ältere Frau im dunkelrosa Glitzerkostüm gerade ein Glas Prosecco. Auch sie setzt ihr Vertrauen in die Gerichtsbarkeit. "Warten wir einmal das Verfahren ab, und dann schauen wir." Sollte das Gerichtsverfahren ergeben, dass Graf seine Pflichten als Stiftungsvorstand verletzt hat, „dann glaub ich schon, dass er die Konsequenzen daraus zieht". Einen vorgezogenen Rücktritt Grafs, um die Partei vor weiterem Rufschaden zu bewahren, hält die Delegierte für falsch: "Wenn jeder zurücktritt, nur weil die Medien gegen ihn schreiben, dann haben wir bald keine Politiker mehr." Dass die Vorwürfe genau jetzt ans Licht gekommen sind, sei alles andere als ein Zufall, vermutet die Wienerin: „Jetzt ist Parteitag, also ist das jetzt das große Thema. Wenn der Parteitag im Herbst wäre, na, dann wär das erst im Herbst groß aufgekommen", meint die Delegierte, und unterstreicht ihre Aussage, indem sie mit ihren Händen in der Luft eine Wolke formt. Ob sie ihr Geld ebenfalls Martin Graf anvertrauen würde? - „Ich hätte jedenfalls keine Stiftung gemacht", sagt die Freiheitliche.

Kritik an Graf

Im Raucherraum sind kritischere Töne zu hören. "Ein Spitzenpolitiker tut so etwas nicht", flüstert ein Herr in grauem Anzug und roter Krawatte, und nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette. „Das war wirklich ungeschickt, man tut das nicht." Auch er sei zwar "kein Stiftungsexperte und kann das nicht beurteilen. Aber jetzt muss man warten, bis das vor Gericht geklärt ist - und dann die Konsequenzen ziehen." Für ihn steht fest, dass die FPÖ durch die Stiftungsaffäre Schaden genommen hat. Dass sich die Umfragewerte in den kommenden Wochen bis zum Gerichtsentscheid weiter verschlechtern, glaubt der Parteiangehörige aber nicht: "So, wie ich die heimische Medienlandschaft kenne, ist dieses Thema jetzt ausgereizt."

"Der Graf in seiner Herrlichkeit"

"So viel in den Medien zu sein als Partei, das ist immer verstörend", meint auch eine 65-Jährige im schicken grauen Kostüm, die laut eigenen Angaben schon "seit Jahrzehnten" Parteimitglied ist. Dennoch würde sie Graf heute noch nicht zum Rücktritt raten: „Ich würde ihm empfehlen, dass er jetzt einmal nicht zurücktritt und das auf sich zukommen lässt. Das wird ja jetzt am Gericht verhandelt, und dann wird man schauen." Dass jetzt auch parteiintern offene Kritik an Graf geäußert wird, wie etwa jüngst von Kärntens Landeshauptmann Gerhard Dörfler und von Oberösterreichs FP-Chef Manfred Haimbuchner, das quittiert die Parteiangehörige mit einem Schulterzucken: "Wissen S‘, der Dörfler war mir nie sympathisch. Und der Haimbuchner ist halt jung."

Die 65-Jährige hätte ihr Vermögen jedenfalls keiner Stiftung zugeführt. „Erstens kann man sich dann ja nichts mehr herausnehmen, so ist das halt bei Stiftungen. Außerdem haben die ja nur den Zweck, dass man weniger Steuern zahlt", meint die Frau, und ihr Gesichtsausdruck verrät, dass sie von solchen Motiven wenig hält.  Gertrud Meschar würde sie raten, "dass sie das nächste Mal besser aufpasst, was sie mit ihrem Geld tut." Die 90-jährige Stifterin sei wohl dem Charme Grafs erlegen: „Mein Gott, die hat ihn halt angehimmelt, den Martin Graf in seiner Herrlichkeit. Ich versteh das", seufzt die Freiheitliche. „Das passiert aber auch jüngeren Frauen, dass sie auf Heiratsschwindler hereinfallen!" - Martin Graf, ein Schwindler? Die Delegierte lacht: „Wissen S‘, so gut kenn ich ihn nicht." (Maria Sterkl, derStandard.at, 10.6.2012)

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    Martin Graf, einer von vielen: Am Parteitag in der Wiener Hofburg

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    Heinz-Christian Strache schlägt zurück: Die Medien seien schuld an der Stiftungs-Affäre, so der Landesobmann

  • Graf wehrt sich schriftlich: Diese Broschüre lag am Parteitag auf
    foto: derstandard.at

    Graf wehrt sich schriftlich: Diese Broschüre lag am Parteitag auf

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