"Oft sind es einfache Dinge wie eine Waschküche"

Interview13. Juni 2012, 05:30
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Wohnbauexpertin Margarete Czerny ist überzeugt, dass vor allem Begegnung und Kommunikation das Zusammenleben in sozial und interkulturell durchmischter Nachbarschaft verbessern

Das Thema Wohnen betrifft alle Menschen gleichermaßen, egal aus welcher gesellschaftlichen Gruppe, egal ob ÖsterreicherIn mit oder ohne Migrationshintergrund. Und genau weil dieser Lebensbereich für alle Beteiligten so wichtig ist, kommt es auch häufig zu sozialen Spannungen. Umso wichtiger ist es, bereits bei der Planung darauf zu achten, welche Bedürfnisse die zukünftigen Bewohner an die Wohnung, den Ort und die Umgebung stellen. Jasmin Al-Kattib hat mit Wohnbauexpertin Margarete Czerny darüber gesprochen, was ein verbessertes Wohnumfeld im gegenseitigen Integrationsprozess von Menschen unterschiedlicher (sozialer) Herkunft leisten kann.

derStandard.at: Über Wohnen und Integration von ÖsterreicherInnen mit Migrationshintergrund und/oder sozial Schwächeren in die Mehrheitsgesellschaft wird immer wieder heftig diskutiert. Wie denken Sie über die Wohnsituation in Österreich und deren Möglichkeiten, einen gesellschaftspolitischen Beitrag zu leisten?

Czerny: Österreich hat wie kein anderes Land sehr viele soziale und gemeinnützige Wohnungen zur Verfügung, die für sozial Schwächere oder auch für Integrationszwecke von Menschen mit Migrationshintergrund eingesetzt werden können. Hierzulande hat jeder ein Recht auf Wohnen, und meiner Meinung nach muss viel stärker kommuniziert werden, dass Migration nicht als eine Bedrohung gesehen werden darf, sondern eine wirkliche Chance ist. Wir haben heute in unserer globalisierten Welt eine multikulturelle Gesellschaft, daran geht kein Weg vorbei. Und je mehr man Akzeptanz übt und Bildung, Begegnung und Vernetzung fördert, desto besser ist es.

derStandard.at: Welche Herausforderungen sehen Sie im Bereich Wohnen?

Czerny: Ich denke, Wohnen hat zwei Aspekte: Der eine ist der individuelle Rückzug, und der andere ist das Wohnumfeld. Es ist wichtig, dass man das Umfeld so gestaltet, dass man sich wohlfühlt und ein Wir-Gefühl erzeugt wird.

derStandard.at: Wie kann man solch ein Wohl- und Wir-Gefühl im Wohnumfeld bestmöglich schaffen?

Czerny: Es geht darum, dass eine Begegnung der Bewohner stattfinden kann. Es geht um die Nutzung der Freiräume, um Kommunikation und Vernetzung. Wir haben zum Beispiel sehr gute Erfahrungen mit Gemeinschaftsgärten gemacht oder auch mit Skatebahnen für Jugendliche. Bei Einrichtungen wie Gemeinschaftsräumen, Internetcafés oder Jugendzentren sind natürlich auch Ansprechpersonen und Betreuung sehr wichtig. Für Integrationsprojekte finde ich es zum Beispiel sinnvoll, eine Ansprechperson vor Ort einzusetzen, die selbst Migrationshintergrund hat, die beide Welten besser versteht. Mit Mediation und Konfliktmanagement vor Ort kann man sehr viel machen. Man muss einfach schauen, welche Strukturen die unterschiedlichen Bewohner brauchen, um sich zu begegnen.

derStandard.at: Wenn man herausfinden möchte, was die Leute sich wünschen und brauchen, müsste man sie auch schon in die Planung einbinden.

Czerny: Ja, und es gibt auch schon einige Projekte, wo das gemacht wurde, wo die zukünftigen Bewohner mitbestimmen konnten und in die Planung integriert waren. Oft kommen dann so einfache Sachen heraus wie zum Beispiel, dass man wieder eine Waschküche macht und sie vielleicht gemeinsam mit einem Spielplatz oder einer Fahrradwerkstätte plant. Das sind alltägliche Dinge, die aber wichtig und kommunikationsfördernd sind.

derStandard.at: Aber sind Räume wie Waschküchen in den Wiener Gemeindebauten und anderen Wohnanlagen nicht ohnehin vorhanden?

Czerny: Ja, aber die sind oft irgendwo ganz hinten im Gebäude versteckt, das war das Konzept vor vielen Jahren. Bei neuen Projekten sind diese Räume ganz anders angelegt, sind offener und zugänglicher geplant.

derStandard.at: Gibt es abgesehen von räumlichen Planungsideen auch andere Vorschläge, wie der Kontakt und die Kommunikation zwischen den BewohnerInnen gefördert werden kann?

Czerny: Wichtig wäre es meiner Meinung nach auch, Frauen, die viel Zeit mit ihren Kindern zu Hause verbringen, stärker einzubinden - zum Beispiel mit einer gemeinsamen Kinderbetreuung innerhalb der Wohnanlage. Oder man schafft eine Altenbetreuung, die von Leuten, die im gleichen Haus wohnen, organisiert wird. Man hat dann ein rotierendes ausgebildetes Personal, das dann zum Beispiel im ganzen Haus das Frühstück für die Älteren macht oder auch die Kinder gemeinsam betreut und alle zusammen zur Schule bringt. Also ein eigenes soziales Infrastrukturnetz in der Wohnanlage. So wie es früher die Hausbesorger-Wohnungen gegeben hat, wäre zum Beispiel eine Pflegewohnung für das Pflegepersonal, das die älteren Nachbarn der umliegenden Wohnungen betreut, sehr sinnvoll. Ich glaube, es ist ja auch dieses Abgeschottetsein, das für viele ein Problem ist, wenn sie älter werden.

derStandard.at: Wie steht es um Wohnmodelle, die dezidiert interkulturell ausgerichtet sind?

Czerny: Da finde ich zum Beispiel das Migra-Projekt am Nordbahnhof sehr gut, das im November 2011 in Bau gegangen ist. Das ist wirklich ein interessantes Beispiel von Wohnen und Integration. Hier geht es um eine Dauerwohnform für anerkannte Flüchtlinge, in Zusammenarbeit mit dem Verein Projekt Integrationshaus. In diesem Haus befinden sich auch Beratungsstellen und betreute Jugendwohngemeinschaften.

derStandard.at: Werden dort auch ÖsterreicherInnen wohnen?

Czerny: Ja, klar, das ist auch für Österreicher gedacht. Bei Projekten wie diesen gibt es dann auch Superförderungen der Stadt Wien. Nicht wünschenswert ist es aber, ein ganzes Haus nur mit Superförderungen zu haben. Man muss das auch stark vermischen und in einer Wohnanlage nur eine bestimmte Anzahl von Superförderungen vergeben.

derStandard.at: Sie meinen eine bessere soziale Durchmischung, damit Gutverdiener dort gerne wohnen wollen, sozial Schwächere es sich aber auch leisten können?

Czerny: Genau. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass es für sozial Schwächere die Möglichkeit gibt, dass sie aus ihrer Problemsituation herauskommen. Und das kann möglich werden durch die Durchmischung. Man kann Integration betreiben, indem gar niemand weiß, wer in einer geförderten Wohnung wohnt und wer nicht. Wichtig ist aber auch, dass die Wohnungsämter und vergebenden Stellen mit Beratungsstellen kooperieren, die mit aufkeimenden Konflikten umgehen können. Um funktionierende Systeme zu gestalten, gehört sehr viel dazu, und da sind auch die Gemeinden und die Städte sehr gefordert. Das ist auch eine gemeinwirtschaftliche Aufgabe.

derStandard.at: Gibt es noch weitere Beispiele aus der Praxis, deren Konzepte zur Begegnung in der interkulturellen Nachbarschaft nachahmenswert sind?

Czerny: Das Projekt "Gemeinsam Wohnen in Simmering" in Wien natürlich, das schon 2004 übergeben wurde. Da gibt es großzügige Flächen für soziale Kontakte, Musik, Proberäume und begrünte Dachgärten. Dann die tollen Projekte "Interethnische Nachbarschaft" und "Globaler Hof", beide im 23. Wiener Bezirk. Der "Globale Hof" ist eine modellhafte Wohnsiedlung, wo 14 Nationen leben, und in der Mitte der Wohnanlage gibt es eine Art Glaspalast, den die Leute für Begegnung, Schulungen, Feste, einfach für alles verwenden können. All diese Projekte sind immer von Beratungsagenturen oder Experten, zum Beispiel vom Integrationsfonds, begleitet und mitgestaltet worden.

derStandard.at: Befindet sich Österreich mit seinen integrativen Wohnprojekten auf dem richtigen Weg?

Czerny: Ich glaube, es wurde schon sehr viel in diese Richtung angedacht und gemacht, was Vernetzung, Durchmischung, Bereitstellung von leistbarem Wohnen und die räumliche Verteilung anbelangt, dass man soziale und ethnische Segregation verhindert. Diese Dinge werden zunehmend auch als öffentliche Aufgabe gesehen. Im neuen Raumentwicklungskonzept 2011 spielt die soziale und ethnische Komponente der Raumentwicklung auch eine Rolle, das hat es bis jetzt auch noch nicht gegeben. Dass das alles ein bisschen dauert, ist klar. Mir persönlich ist einfach sehr wichtig, dass bei diesen Überlegungen der Mensch im Mittelpunkt steht, denn für ihn machen wir das alles ja. (Jasmin Al-Kattib, derStandard.at, 12.6.2012)

Margarete Czerny war viele Jahre Bauexpertin am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Derzeit leitet sie den wissenschaftlichen Beirat der Nachhaltigkeitsinitiative Umwelt + Bauen und ist im Department für Migration und Globalisierung der Donau-Universität Krems tätig.

  • Für Integrationsprojekte wäre es sinnvoll, Ansprechperson vor Ort einzusetzen, die selbst Migrationshintergrund haben und so beide Welten besser verstehen, meint Margarete Czerny.
    foto: duk/czerny

    Für Integrationsprojekte wäre es sinnvoll, Ansprechperson vor Ort einzusetzen, die selbst Migrationshintergrund haben und so beide Welten besser verstehen, meint Margarete Czerny.

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