"Durchschnittsmensch ist das größte Schimpfwort"

Interview | Florian Vetter, 12. Juni 2012, 09:56
  • Raoul Korner macht keine halben Sachen und coacht deshalb auch nicht das Herren-Nationalteam: "Weil es kein Nebenjob sein kann."
    foto: apa/rubra

    Raoul Korner macht keine halben Sachen und coacht deshalb auch nicht das Herren-Nationalteam: "Weil es kein Nebenjob sein kann."

  • Ein Besuch beim Meistertrainer. 

Erfolgstrainer Im Ausland, es gibt sie - im Basketball: Raoul Korner, Meistertrainer in den Niederlanden, über sportliche Unterschiede, Gemütlichkeit und die Euroleague

Wien - Mit den EiffelTowers Den Bosch feierte Raoul Korner bereits in seiner zweiten Saison den Meistertitel in den Niederlanden. Als erfolgreicher Basketball-Trainer im Ausland ist der Wiener natürlich eine Rarität. Im Interview spricht der 38-Jährige über sportlichen Unterschiede zwischen den Niederlanden und Österreich, Durchschnittsmenschen und die Euroleague. Florian Vetter fragte nach.

derStandard.at: Gratulation zum Meistertitel in den Niederlanden. In den Play-offs ging es ganz eng her. Haben Sie noch mit dem Meistertitel gerechnet?

Korner: Es war mit Sicherheit ein Up and Down. Jede gewonnene Meisterschaft gelangt aber einmal an einen Punkt, wo es knapp wird und wo man sich nicht sicher ist, ob man den nächsten Schritt machen kann. Das Team hat in den entscheidenden Phasen dann immer Charakter gezeigt. Man konzentriert sich aber mehr auf den Prozess als auf das große Ziel am Schluss.

derStandard.at: Ist die Qualifikation für die Euroleague (Pendant zur Fußball-Champions-League, Anm.) ein realistisches Ziel?

Korner: Nein. Man kann nicht erwarten, dass man mit einem Fahrrad ein Formel-1-Rennen gewinnt. Wir brauchen aus budgetärer Sicht nicht mit der Gruppenphase der Euroleague liebäugeln, das wäre vermessen. Aber es bietet eine großartige Möglichkeit, sich zu präsentieren, ansonsten spielen wir Eurocup. Dort hast du auch Spitzenniveau, und ob du gegen Fenerbahce oder Besiktas spielst, ist wurscht. Niederländische Klubs sehnen sich nach internationalen Spielen, österreichische Vereine versuchen Europacup-Auftritte zu vermeiden, weil sie das Minusgeschäft fürchten. Es ist halt ein Unterschied, ob ich eine Halle mit 5.000 Zuschauern füllen kann oder nur mit 1.500.

derStandard.at: Wie unterscheidet sich das Niveau im niederländischen Basketball von Österreich?

Korner: Die besten drei Klubs in Holland (Den Bosch, Leiden und Groningen, Anm.) haben nicht nur ein deutlich höheres Budget, sondern sind auch stärker einzuschätzen als die Topvereine in Österreich. Groningen hat 5.000 Zuschauer, zu uns kommen 4.500 und nach Leiden 2.500. Ab Platz vier ist kaum mehr ein Unterschied zu Österreichs besten Teams.

derStandard.at: Den Bosch ist einer der professionellsten Vereine der Niederlande. Wo liegen die Unterschiede zu Österreich in der Organisation?

Korner: Das beginnt schon bei den Büroangestellten. Im Sekretariat sitzen mehr Leute als bei den besten vier Vereinen in Österreich zusammen. Den Bosch hat außerdem für die Basketballschule der U18- und U20-Auswahl zwei hauptamtliche Trainer. Wels ist für österreichische Verhältnisse schon sehr gut aufgestellt.

derStandard.at: In welchen Bereichen ist der heimische Basketball mit internationalen Top-Nationen konkurrenzfähig?

Korner: Mit Sicherheit beim TV-Aufttritt. Die Übertragung von Sky ist allererster Güte. Da kann Holland nur neidig sein auf Österreich. Wenn Spiele live übertragen werden, dann auf dem nationalen Sender NOS, was vergleichbar ist mit dem ORF. Die Reichweite ist groß, dafür fehlt die Regelmäßigkeit, der Umfang und die Qualität. Auch in Sachen Vermarktung ist in der ABL (Austrian Basketball League) einiges weitergegangen. Das österreichische Allstar-Game in der Wiener Stadthalle ist eine sehr gelungene Veranstaltung mit großem Zuschauerinteresse. In Holland läuft das in kleinerem Rahmen ab.

derStandard.at: Sind uns die Niederländer im Nachwuchsbereich einen großen Schritt voraus?

Korner: Auf jeden Fall. Man darf aber nicht vergessen, dass die Niederlande doppelt so viele Einwohner wie Österreich haben. Aus Quantität entsteht nun einmal auch Qualität. Das Land ist kleiner, und somit tut man sich auch leichter, Talente zu sammeln und in Auswahlteams zusammenzufassen. Der Stützpunkt des Nationalteams liegt mit Almere im Zentrum des Landes, er ist von überall in höchstens zwei Stunden erreichbar. Dort steht im Ödland ein Halle, die nur von den Nationalteams genutzt wird, da sich der örtliche Verein aufgelöst hat. Die Kader der Nationalteams können praktisch das ganze Jahr über gemeinsam trainieren. Als Österreicher kann man sich da nur alle zehn Finger abschlecken. Wir gondeln von einer Halle in die nächste, um Trainingszeiten zu bekommen.

derStandard.at: Stichwort Nationalteam: Eine gängige Meinung ist, dass die Popularität eines Sports nur über internationale Erfolge entsteht. In Österreich hat man oft den Eindruck, dass gerade das Nationalteam zu wenig wahrgenommen wird. Wie denken Sie darüber?

Korner: Ich bin auch fest davon überzeugt, dass es ohne das Zugpferd Nationalteam schwierig wird, den Basketball populärer zu machen. Dafür benötigen wir aber professionellere Vereine, mit einem Training pro Tag kann man schon seit Jahren nichts mehr erreichen.

derStandard.at: Sie sind einer der erfolgreichsten Basketball-Exporte Österreichs und bekannt für Ihre professionelle Einstellung. Haben Sie eine Aversion gegen die typisch österreichische Gemütlichkeit?

Korner: Nur wenn es um Arbeit und Sport geht. Gemütlichkeit ist auch eine ganz wichtige Tugend, aber zur richtigen Zeit. Der Österreicher findet immer Ausreden, warum etwas nicht geht, anstatt die Energie dafür zu verwenden, eine Lösung zu finden. Unsere Weltklassesportler kann man daher an einer Hand abzählen. Das größte Schimpfwort ist für mich, ein Durchschnittsmensch zu sein.

derStandard.at: Fällt es Ihnen leicht, hart zu arbeiten?

Korner: Harte Arbeit muss zur Gewohnheit werden, dann kann man sie auch regelmäßig machen. Ich brauche aber auch Pausen. Die Gefahr, seinen Energielevel zu überschätzen, besteht vor allem dann, wenn der Erfolg da ist. Da muss man sich auch einmal zwingen, die Füße hochzulegen.

derStandard.at: In welchen Bereichen sehen Sie noch Verbesserungspotenzial als Coach und wo holen Sie sich Ihr Know-how her?

Korner: Ich kann mich in jedem Bereich noch verbessern. Nach dem Sommer und der Betreuung des U16-Nationalteams werde ich ein besserer Coach sein als vorher. Ich lerne ununterbrochen, von jedem Training, von meinen Spielern. Das Trainerdasein ist ein Lernprozess, der nie aufhört. Man muss offen sein, den Kontakt mit anderen Coaches suchen, die besser sind als man selbst. Da gehört auch ein Stück weit menschliche Größe dazu, sich nicht nur mit Leuten zu umgeben, die einem nach dem Mund reden.

derStandard.at: Gibt es ein langfristiges Ziel?

Korner: Mein langfristiges Ziel ist ganz klar definiert: Ich will in der Euroleague coachen. Das ist ein ehrgeiziges Ziel, weil es in diesem Bereich klarerweise nur eine begrenzte Anzahl an Jobs gibt. Vielleicht bin ich nur ein paar Monate davon entfernt, vielleicht auch ein paar Jahre. (Florian Vetter, derStandard.at, 12.6.2012)

Raoul Korner begann seine Trainerlaufbahn bereits mit 16 Jahren. Parallel zu seiner Basketball-Karriere betreute er diverse Nachwuchsmannschaften. Mit 25 übernahm er dann 1999 bei den Basket Clubs of Vienna den Trainerposten. Das machte ihn zum jüngsten Headcoach Europas bei Vereinen auf einem höherklassigen Level. Im zweiten Jahr bei den Basket Clubs wurde Korners Arbeit mit dem Titel "Coach of the Year" ausgezeichnet. In Österreich gewann Korner zwei Cup-Titel (2002 Mattersburg, 2006 Wels) und eine Meisterschaft (2009 Wels).

Link

eiffeltowers.nl

Kommentar posten
13 Postings

Ich durfte den Raoul sowohl als Auswahltrainer wie als Fortragender bei der Lehrwarteausbildung genießen. Fachlich ist er einfach nur top! Auch wenn mir sein Leistungsdenken welches er am College in Amerika "gelernt" hat, bezogen auf's "normale" Leben einfach nur stinkt, so ist es im Profisport wohl ein unabdingliches Credo. So gesehen kann ich meinen Beissreflex hier absolut unterdrücken, denn auch wenn er auf den ersten Moment arrogat wirkt, lebt er seinen Spielern eigtl nur vor, was er von Ihnen verlangt. Kombiniert mich seiner fachlichen Kompetenz denke ich, dass dies der Schüssel zu seinem Erfolg ist.

Und gleichzeitig auch der Grund warum in Österreich
so viele über ihn schimpfen

Chapeau und Gratulation!

Omg...Vortragender.... -.-

Ja ! Welcher Mensch will schon gerne durchgeschnitten werden.

"Durchschnittsmensch ist das größte Schimpfwort"

Der oder das…?

durchschnittsmensch

naja - für ca. die hälfte der menschen wäre es aber ein fortschritt es zu einem durchschnittsmenschen zu schaffen.....

wohl eher für ca. 25% ;-)

Ja und so gesehen wäre es für eine ganze Hälfte ein Rückschritt ...

Wir bräuchten viel mehr von dieser Sorte in Österreich: Menschen die etwas aus ihren Möglichkeiten machen und die angenommenen eigenen Grenzen teilweise sogar überschreiten. Ich war mit Raoul in der Schule - er war nicht das größte Talent, hat aber immer alles für seinen Sport gegeben und es weit gebracht, das verdient alle Achtung!

ironing; auch nicht schlecht.

marlow ;-) haha

Kein Mensch ist Durchschnitt. Jeder ist einzigartig.

Das dürfte der Herr in seinem Himmelsturm wohl geistig nicht erfassen.

Vielleicht hält er die (existierende) Bezeichnung ja auch deshalb für ein Schimpfwort...?

"Einzigartig" ist übrigens noch grauslicher. Sagt nämlich absolut gar nichts aus.

Sehr interessant, Danke!

ernsthaft?

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.