"Ich brauche ein Bier!"

8. Juni 2012, 18:44
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Über den Pop-Faktor des Sommernachtskonzerts auf ORF 2 und ästhetisches TV-Fiasko

Jährliche Grübelei: Schafft es das Sommerkonzert, dem Popstar Neujahrskonzert nahezukommen? Nun, übertragen wurde es in über 60 Länder, gesehen wurde es von durchschnittlich 440.000. Und live in Schönbrunn waren etwa 100.000 Menschen. Die Quantität passt also. Punkto Qualität der Inszenierung darf man indes noch Träume hegen.

Man sah zwar Wien, war im Uhrenmuseum; es flogen auch die Kameras über spielende und hörende Menschen. Klar, Maestro Gustavo Dudamel kam gut rüber, ob er lächelte oder entfesselt Salomes Schleiertanz ins Verzückte trieb. Allerdings: Gerade beim Schleiertanz pausierte das Staatsopernballett, wo es doch zu La Mer tragischerweise übers Wasser hopste und sich an der Oberfläche wälzte, als ginge es um den Beweis, dass die beschwerende Kraft der nun nassen Kleider der wahre, grausame Choreograf war. Das La Mer-Ballett - ein ästhetisches TV-Fiasko.

Die Philharmoniker jedoch agierten mit Verve und Ernst, so blieb die Sommernachtswelt doch musisch bis spaßig. Etwa die Flucht von Dudamel nach Ende des offiziellen Programms ("Ich brauche ein Bier!") samt Mahnung durch Philharmoniker-Chef Hellsberg ("In ihrem Alter dürfen Sie nach 22 Uhr nicht mehr trinken") kam gut.

Und als Hellsberg, nach Wiener Blut-Zugabe, dem Bundeskanzler (der womöglich die Kulturministerin vertrat) mitteilte, die Philis hätten nun keine Bedenken, Dudamel die heimische Staatsbürgerschaft zu geben, hatte man den Tanz der Schande schon vergeben. Klar blieb jedoch: Die TV-Inszenierung leidet an Unbeholfenheit. (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 8.6.2012)

  • Der energische Dirigent Gustavo Dudamel (31).
    foto: der standard/ali schafler

    Der energische Dirigent Gustavo Dudamel (31).

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