Rückschlag auf dem Weg der Besserung

8. Juni 2012, 18:36
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Während sich die spanische Wirtschaft anpasst, sind die Probleme im Immobiliensektor weiter ungelöst

Wien/Madrid - Es ist ein Cocktail, der über die Gefährdung von Staaten entscheidet. Die Haushaltszahlen der öffentlichen Hand sind das eine, und gerade der Fall Spanien zeigt, dass auch eine relativ niedrige Staatsverschuldung nicht vor dem Beinahe-Kollaps schützt. Das Platzen von Immobilienblasen oder Banken-Schieflagen verwandeln private Schulden rasch in öffentliche.

Dazu kommt die Wirtschaftsstruktur eines Landes. Wenn Griechenland, Spanien oder Portugal über Jahre riesige Leistungsbilanzdefizite (Saldo aus Ausfuhren und Einfuhren von Gütern und Dienstleistungen) aufweisen, muss diese Lücke mit Kapitalzuflüssen gestopft werden. Das ging jahrelang gut: Der Zweitwohnsitz in Marbella oder der Golfplatz an der Algarve war für internationale Investoren oder Private eine Vermögensanlage, die mit Freizeitaktivität in angenehmer Umgebung verknüpft werden konnte.

Seit die Kapitalzuflüsse zuerst wegen der weltweiten Finanzkrise und dann zusehends aus Angst vor einer Kettenreaktion in der Euro-Krise zum Erliegen kamen, schulterte vor allem die Europäische Zentralbank die Probleme. In der Zahlungsbilanz des Eurosystems steht Spanien mit 285 Milliarden Euro in der Kreide.

Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer: Wegen der Sparpakete und der damit verbundenen Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit schrumpfen die Löcher im Außenhandel der Problemländer rapide. Griechenland hat 2011 die Ausfuhren um 37 Prozent gesteigert, während die Importe um zehn Prozent sanken. Massiv angezogen haben auch die Exporte aus Portugal.

Spanien passt sich an ...

Besonders eindrucksvoll war die Entwicklung in Spanien: Nach einer Verbesserung der Position um sieben Milliarden Euro im Vorjahr könnte das Land sein Leistungsbilanzdefizit 2012 komplett abbauen, meint die Ratingagentur Fitch. Wesentlich dazu beigetragen habe die "innere Abwertung" in Form von Lohnkürzungen.

Obwohl sich die spanische Wirtschaft anpasst, dürften auf die Bevölkerung in den kommenden Monaten böse Überraschungen zukommen. Zwei Ökonomen des Brüsseler Forschungsinstituts Centre for European Policy Studies (CEPS) argumentieren in einer neuen Studie, dass der spanische Banken- und Immobiliensektor erst am Anfang eines teuren Anpassungprozesses steht. Denn die spanische Immobilienblase war die größte in Europa: Noch 2007 war laut EU-Statistikbehörde Eurostat jeder fünfte Bauarbeiter in der EU in Spanien beschäftigt. Heute stehen nach Schätzungen über eine Million Immobilien im Land leer.

Angesichts dieser Überkapazitäten hätten die Preise am spanischen Häusermarkt viel stärker fallen müssen, als sie es tatsächlich getan haben, argumentieren die CEPS-Ökonomen Cinzia Alcidi und Daniel Gros.

... und scheitert dennoch

Zu diesem Schluss kommen sie durch einen Vergleich mit Irland, das ebenfalls mit den Folgen eines Baubooms kämpft. Die irischen Häuserpreise sind seit 2008 um 49 Prozent gesunken, die spanischen aber " nur" um 27 Prozent.

Niedrigere Preise werden zum Problem, wenn der Bauboom so wie in Spanien durch Bankenkredite finanziert war. Denn wenn die Häuserpreise fallen, sinkt der Wert der Kreditsicherheiten in den Bankbilanzen. Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit wird das Ihre dazu beitragen, dass die Zahl der faulen Kredite steigt. Alcidi und Gros schätzen, dass sich die Verluste im Bankensektor auf 380 Milliarden Euro summieren könnten. Die US-Ratingagentur Moody's rechnet mit 306 Milliarden.

Zahlreiche Ökonomen kritisierten, dass die spanischen Behörden ungenügend auf diese Entwicklung reagiert hätten. Untätig waren sie allerdings nicht: Der Bankenhilfsonds FROB hat den spanischen Instituten bisher Unterstützung in Höhe von 13,8 Milliarden Euro ausbezahlt. Hinzu kamen 6,2 Milliarden Hilfe aus der staatlichen Einlagensicherung. Seit 2011 versucht zudem die Notenbank in Madrid verstärkt entgegenzusteuern, indem sie die Mindestkapitalanforderungen an die Banken sukzessive erhöhte.

EBA sah kaum Probleme

Im Februar 2012 hat sie außerdem angeordnet, dass die Geldhäuser ihre Vorsorgen für faule Kredite um 54 Milliarden Euro auf 166 Milliarden erhöhen müssen. Im Mai verlangte sie noch einmal zusätzliche Vorsorgen über 30 Milliarden Euro.

Selbst das ist aber zu wenig - weshalb Spanien Hilfe aus dem Rettungsschirm brauchen könnte. Welchen Kapitalbedarf die Banken tatsächlich haben, evaluieren nun der Internationale Währungsfonds (IWF) und einige Beratungsunternehmen, die von der Regierung in Madrid engagiert wurden.

Dabei haben die Probleme im Finanzsektor offensichtlich nicht nur die spanischen Behörden unterschätzt, sondern auch die europäische Bankenaufsicht EBA. In ihrem Stresstest errechnete sie Ende 2011 einen zusätzlichen Kapitalbedarf bei den iberischen Geldhäusern in Höhe von 26,17 Milliarden Euro. Auf 1,3 Milliarden wurde die Lücke bei der Problembank Bankia geschätzt.

Ende Mai legte die Notenbank eine Berrechnung vor, in der plötzlich allein bei der Bankia die Rede von einem 19-Milliarden Euro-Kapitalbedarf war. Dabei zeigen sich die Spuren der Immobilienkrise inzwischen ganz deutlich in der Bankia-Bilanz: Ende 2011 wurde die Hälfte der 38-Milliarden-Euro-Kredite an Immobilienentwickler von der Bank selbst als problematisch gesehen. (Andreas Schnauder, András Szigetvari, DER STANDARD, 9.6./10.6.2012)

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    Ähnelt die EU Don Quijote in ihrem scheinbar aussichtslosen Kampf? Da die Wind-, dort die Bankmühlen, die Leidensbereitschaft erfordern.

  • Spaniens Bauwirtschaft ist eingebrochen, der Außenhandel konnte zuletzt zulegen.
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    Spaniens Bauwirtschaft ist eingebrochen, der Außenhandel konnte zuletzt zulegen.

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