Wikinger-Erbe soll vor dem Zerfall bewahrt werden

17. Juni 2012, 18:35
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Alaunlösung sollte einst frühmittelalterliche Funde konservieren - die Methode wurde im Lauf der Zeit jedoch selbst zur Gefahr

Berlin - 1904 wurde unter einem Grabhügel auf einem Bauernhof am Oslofjord das mittlerweile berühmt gewordene Oseberg-Schiff gefunden. Das aus dem 9. Jahrhundert stammende, reich verzierte Holzschiff, in dem zwei Frauen von hohem gesellschaftlichen Rang bestattet wurden, gilt als eines der wichtigsten Zeugnisse der Wikingerzeit und zugleich als einer der Nationalschätze Norwegens. Und glücklicherweise wurde es nicht mit einer Konservierungsmethode behandelt, die andere Stücke aus dieser Fundstätte nun im Nachhinein erst recht bedroht.

Gut gemeint ...

Der Grund dafür ist die vor einhundert Jahren in Skandinavien weitverbreitete Konservierungstechnik, mit der die teilweise stark fragmentiert gefundenen Kunstgegenstände behandelt wurden. Die damaligen Restauratoren haben die einzelnen Holzstücke, unter anderem von vier Zeremonialschlitten und einem -wagen, mit Alaunlösung (Kalium-Aluminium-Sulfat) konserviert. Das Alaun kristallisierte im Holz und stabilisierte dadurch die Holzstruktur. Nach der Behandlung wurden die Fragmente mit Metallstiften und -schrauben zusammengefügt und anschließend mit einer Lackschicht überzogen.

In den letzten zwanzig Jahren musste man jedoch feststellen, dass die wertvollen Holzgegenstände zunehmend brüchig wurden. Untersuchungen zeigten, dass das behandelte Holz inzwischen sehr sauer reagierte. Das Alaun, das ursprünglich zur Verfestigung des Holzes eingesetzt wurde, hatte zur kompletten Zerstörung der Zellulose-Fasern, einem wichtigen Hauptbestandteil des Holzes, geführt. "Teile des Wikinger-Schatzes vom Oseberg sind in einem sehr schlechten Zustand. Sie werden teilweise nur noch von den äußeren Lackschichten zusammengehalten", erklärt Hartmut Kutzke, Chemiker am Kulturhistorischen Museum in Oslo.

Bestandsanalyse

Mit Messungen an der Synchrotronquelle BESSY II am Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) haben die Restauratoren aus Oslo den Zustand des Holzes untersucht, um daraus Strategien für die zukünftige Konservierung ableiten zu können. Erste Ergebnisse bestätigen, dass in den betroffenen Gegenständen vom Oseberg keine Zellulose mehr übrig ist und sich das Lignin, ein weiterer Holzbestandteil, stark verändert hat. Auf der Mikroebene konnten die Forscher deutliche Unterschiede zu anderem, nicht mit Alaun behandelten archäologischen Holz erkennen.

Aufbauend auf den Ergebnissen wollen die Restauratoren neue Konservierungsmaterialien für archäologisches Holz entwickeln, um den Wikingerschatz vom Oseberg erneut - und dieses Mal nachhaltig - zu konservieren. "Unser Ziel ist es, ein künstliches Holz zu entwickeln. Das kann eine Art Lignin sein, das im Inneren eine neue Holzstruktur bildet", sagt Projektleiter Kutzke. Diese neuartigen Materialien könnten dann weltweit für die Konservierung von Kulturschätzen aus Holz eingesetzt werden. (red, derStandard.at, 16.6.2012)

  • Das Oseberg-Schiff.
    foto: museum of cultural history, university of oslo / eirik irgens johnsen

    Das Oseberg-Schiff.

  • An diesem reich verzierten Zeremonialwagen aus der Wikingerzeit lösen sich die Holzfasern durch eine früher angewandte Konservierungstechnik auf.
    foto: museum of cultural history, university of oslo / eirik irgens johnsen

    An diesem reich verzierten Zeremonialwagen aus der Wikingerzeit lösen sich die Holzfasern durch eine früher angewandte Konservierungstechnik auf.

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