"Fast ein Wunder, dass es Nigeria noch gibt"

Reportage | Christoph Prantner aus Abuja, 8. Juni 2012, 18:34
  • Begräbnis auf einem Friedhof außerhalb von Abuja für die 37 Opfer eines 
Bombenanschlags auf eine katholische Kirche  im Februar.
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    foto: reuters/ sotunde

    Begräbnis auf einem Friedhof außerhalb von Abuja für die 37 Opfer eines Bombenanschlags auf eine katholische Kirche im Februar.

Ethnisch zersplittert, religiös gespalten und trotz Ölreichtum eine hohe Jugendarbeitslosigkeit

Auf dem Reißbrett entworfen, auf Ausgleich angelegt: Abuja ist eine dieser Hauptstädte, die vor allem ein Symbol sein sollen. Symbol dafür, dass zusammenwachsen soll, was nie wirklich zusammengehört hat - der Bundesstaat Nigeria, dessen größter gemeinsamer Nenner seine beinahe atemberaubende Unterschiedlichkeit ist.

In dem westafrikanischen Land gibt es an die 250 Ethnien, von denen viele weniger miteinander gemein haben als Sizilianer und Finnen. Die Hausa, Yoruba und Ibo sind die drei großen Volksgruppen, die den Ton angeben. Die Klimazonen reichen von der Sahel im Norden über die Savanne bis zur subtropischen Lagune, in der Lagos, Hauptstadt bis 1991, liegt. Quasi wie ein Äquator durchzieht eine Religionsgrenze das Land: Im Norden Leben vor allem Muslime, im Süden Christen und Animisten. Sie stellen jeweils etwa die Hälfte der 160 Millionen Nigerianer.

Vor allem die Religionen sind seit einigen Jahren das Vehikel, um viele Konflikte im Land zu eskalieren. Insbesondere im Norden greift Boko Haram, eine islamistische Sekte, mit Bomben alles an, was nicht mit ihrer fundamentalistischen Auslegung des Koran zusammengeht. Hunderte Menschen - Christen, aber auch Muslime - sind ihren Attentaten in den vergangenen Jahren zum Opfer gefallen. Erst vergangene Woche gab es zwölf Tote bei einem Angriff auf eine Kirche in der nordöstlichen Stadt Maiduguri.

"Religion nicht Ursache"

In einem vor kurzem nach Brüssel gekabelten Bericht schreiben die EU-Botschafter in Nigeria: "Die Sekte (Boko Haram, Anm.) benutzt die Religion, um Spannungen zu erhöhen und das Land zu destabilisieren. Aber: Religion ist nicht die Quelle dieses Konfliktes." Hohe Jugendarbeitslosigkeit sei ein fruchtbarer Boden für Radikalisierung, genauso wie das Gefühl der Marginalisierung im Norden. Dazu kämen ethnische Spannungen, Kämpfe um Land und Weiderechte oder politische Diskriminierung.

Ayo Oritsejafor ist genau gegensätzlicher Ansicht. Der Präsident der Christian Association of Nigeria ist Pastor einer Pfingstkirche und lebt seinen Glauben nicht eben zurückhaltend. Vor seiner Brust baumelt ein großer Jesuskopf aus massivem Gold. Genauso massiv sind seine Ansichten: " All diese Erklärungen verdecken den wahren Grund, und das ist die Religion. Einige Leute hier wollen Nigeria islamisieren und uns die Scharia aufzwingen." Noch halte er seine Leute zurück - "aber wenn ein Mann mit dem Rücken an die Wand gedrängt wird, was kann man da machen?"

Kanal zu Extremisten

Es klingt fast wie ein Aufruf zum Religionskrieg, den der Pfingstkirchler, der neben Konflikteskalation auch Teufelsaustreibungen und dergleichen im Angebot hat, vom Stapel lässt. Und Nigeria kann sich glücklich schätzen, dass es auch vernünftigere Religionsführer im Land hat. Einer davon ist Yayaha Abubakar, der Vorsteher der großen Moschee in Abuja. "Boko Haram missversteht den Islam und ist fehlgeleitet. Unsere Religion lehrt keine Gewalt", sagt der Geistliche zum Standard. Er sei froh, dass die Regierung nun einen Gesprächskanal mit der Sekte aufbaue, um das Problem möglichst ohne weitere Gewalt zu lösen.

Im schwer bewachten Außenministerium klingt die Bewertung der Situation anders. Außenminister Olugbenga Ashiru, den sein Wiener Amtskollege Michael Spindelegger am Freitag unter anderem traf, um ein Rücknahmeübereinkommen für Nigerianer in Österreich zu unterzeichnen, sagt: "Unsere Armee ist stark. Es gibt einige Herausforderungen, aber die Streitkräfte sind imstande, sie zu kontrollieren."

Sudanesisches Szenario

Das Szenario eines Auseinanderbrechens seines Landes - ähnlich wie im Sudan in einen christlichen Südteil mit Ölvorkommen und einen ärmeren muslimischen Norden - weist er strikt zurück: "Nigeria ist stark und vereint."

Manche Beobachter in Abuja dagegen sagen, das Land sei nur noch deshalb zusammen, weil es für alle Beteiligten zu teuer sei, es aufzuspalten. Vielen spuke auch der blutige Sezessionskrieg der Ibo in Biafra Ende der 1960er-Jahre noch im Kopf herum. Andere, wie der österreichische Baumanager Wolfgang Götsch, der Julius Berger, den größten Konzern des Landes, leitet und seit 20 Jahren im Land lebt, dagegen finden: "Es ist fast ein Wunder, dass es Nigeria noch gibt. Die Lage ist sehr schwierig hier, aber die Trends zeigen nach etwas mehr als zehn Jahren der Demokratisierung in eine positive Richtung. Ich sehe, dass sich langsam eine Mittelschicht entwickelt, die sich von Religion und Ethnien emanzipiert und die Kämpfe der Vergangenheit sein lässt." (Christoph Prantner, DER STANDARD Printausgabe, 9.6.2012)

 

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Nigeria bietet hervorragendes Anschauungsmaterial für all jene, die ernsthaft glauben, dass ethnische und religiöse Vielfalt eine Stärke und Bereicherung sei.

Finden Sie nicht selbst, dass dieser Schluß ein bisschen *zu* einfach ist?

Und falls es so wäre, was soll man tun? - Moment, sagen Sie's nicht.

"Und falls es so wäre, was soll man tun?"

Darauf verzichten, diese Form von Vielfalt durch Masseneinwanderung künstlich zu vergrößern?

Nicht die Vielfalt ist ein Problem...

es ist der mangelnde Respekt füreinander!

Es gibt Orte, an denen (religiöse, ethnische, etc...) Vielfalt täglich gelebt wird, z.B. USA, Kanada, Indien... mit Ausnahmen, versteht sich.

Fehlt dieser Respekt, dann geht vieles schief. Dann Grenzen zwischen den Gruppen zu ziehen ist falsch und nicht zielführend.

mfg.

Die Masseneinwanderung nach Nigeria? Hä?

Was ich meinte ist: aus Polemik Äpfel mit Birnen zu vergleichen, bringt niemandem etwas und ist der Sache nicht dienlich. Wut verblendet.

Auch in Nigeria ist der Islam auf dem Vormarsch. Mit allen Folgewirkunungen: kein Interesse an geregelter Arbeit, Bildung umfaßt den Koran, Forschung ist unnötig, Frauen sind nur zum Kinderkriegen gut, Homosexuelle darf es gar nicht geben, Demokratie widerspricht dem Befehl des Propheten...

Schöne Grüße an die Standard-Zensur...

dafür sorgt schon auch die katholische kirche! da brauchts keinen islam dazu.

ich möchte sie nicht enttäuschen. aber demokratie, bildung, frauenrechte sind auch im rest nigerias kein thema (natürlich gibt es ausnahmen). und bitte gehen sie jeden x-beliebigen nigerianer oder nigerianerin fragen, wie die zu homosexualität stehen. ich kanns ihnen aber auch verraten was die antwort ist: das gibt es bei uns in afrika nicht.

sicher...der islam machts in nigeria nicht besser. aber es ist lächerlich, kurzsichtig und letztlich unproduktiv jegliche probleme auf eine religiöse strömung rückbinden zu wollen.

Dieser Artikel ist so tendetiös und manipulatorisch, dass er eigentlich in die Prawda gehört

Einfach widerwertig, wie hier versucht wird, die Schuld am Religionskonflikt der kleinen Gruppe der Pfingstkirchen in die Schuhe zu schieben.

Ein Positivbeispiel für Integration:

wenn Leute, die weder lesen noch schreiben können, trotzdem posten dürfen.

Sollten verschiedene afrikanische Staaten

wieder von europäischen Staaten regiert werden??

Sollten verschiedene europaeische staaten wieder von afrika regiert werden? Also wie seinerzeit Spanien , Portugal.
Brauchen vlt. mehr lebensraum.

Nein - aber alle Zahlungen sollten sofort eingestellt werden - auch das was sich "Entwicklungshilfe" nennt.

Stimmt, die Schuldknechtschaft muss aufhoeren.

Nigeria soll sein Öl dem Westen schenken?

Wie kommen Sie auf die Idee, dass jene, die den Wahnsinn verursacht haben, Lösungen parat hätten!?

Bei uns haben sich die Jugoslawen die Schädel eingeschlagen und die Belgier blockieren sich komplett. Selbst die Engländer und die Schotten verstehen sich nicht, ganz zu schweigen von den Basken und den Spaniern oder den katholischen und protestantischen Nordiren.

Ihr Posting ist unsäglich arrogant und - nur sehr halbherzig verkappt - rassistisch.

Typisch tendenziöse Standard Schreibe

"Vor allem die Religionen sind seit einigen Jahren das Vehikel, um viele Konflikte im Land zu eskalieren." Die Gewalt geht ganz klar von einer einzigen Gruppierung aus - der Boko Harram. Seit Jahren tötet diese Gruppe im Namen des Islam gezielt hunderte Christen und hat offiziell verkündet, dass sie einen Christen-freien Scharia Staat in Nordnigeria gründen will. Dass es bisher zu keinen nennenswerten Vergeltungsaktionen an Muslimen durch Christen gekommen ist, ist das eigentlich beeindruckende an der Situation in Nigeria. Aber der Standard Schreiberling faselt lieber von dem Christen Pastor der angeblich Konflikteskalation betreibt. Echt ätzend und eine Verhöhnung aller Boko Harram Opfer!

es gab schon auf beiden seiten gewalt, zbsp. nur ein link:

http://www.spiegel.de/politik/a... 73621.html

wenn sie 10 sekunden recherchieren wie sie das weiter unten beschrieben haben, finden sie sicher noch mehr artikel, indem von gewalt zw. den beiden religionsgruppen geschrieben wird.

So ist es. Aber egal, die ganzen Frauenrechtler in Österreicher werden sich auch irgendwann wundern...

Nigeria hat seinen Boko Harram,

der auf Christen Jagd macht, der Kongo (demokratische Republik) hat seinen Joseph Kony, Chef der Lords Resistance Army, der Jagd auf alles macht, speziell auf seine christlichen Landsleute.

Also, was wollen S`, Herr Lecker??
Überall dort, wo die Religion stärker betont wird als bei uns, fließt das Blut fast in Strömen.

Mehr Vernunft, weniger Religiosität ist gefordert......

überall, wo etwas zu stark betont wird, fließt das Blut in Strömen.
Dabei ist es egal ob man sich das Heil von Religion, Nation, Politik oder der Vernunft erhofft.

thumbs up!

Endlich mal ein gscheites comment!

Da sind sie wohl Fehlinformationen aufgesessen

Wie wir dank dem Standard nun wissen, fühlt sich die größte Bevölkerungsgruppe Nigerias von den anderen Bevölkerungsgrupen marginalisiert. Vor allem dort, wo sie die absolute Bevölkerungsmehrheit stellt. Da die Existenz anderer religiöser Gruppierungen zur eigenen Marginalisierung führt, bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als Anhänger anderer Religionsgrupen, natürlich gegen den Willen ihrer weisen und friedfertigen Religionsführer, zu ermorden.
Jetzt alles klar?

Ich habe keine Ahnung

ob Boko Haram bisher mehr Muslime oder mehr Christen ermordet hat.

Fein, dass wenigstens Sie das so genau wissen.

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