Nietzsche und die Ewigkeit

8. Juni 2012, 17:09
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Eine Diskussion zu Krzysztof Michalskis Buch "The Flame of Eternity"

Wien - Krzysztof Michalski kennen politisch und geisteswissenschaftlich Interessierte als Direktor des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) und als Co-Veranstalter des Standard und der Erste Stiftung bei den Europa-Debatten im Burgtheater. Als Philosoph (er lehrt an der Boston University) diskutierte er kürzlich mit Charles Taylor (Professor in Montreal) über sein eben erschienenes Buch The Flame of Eternity. An Interpretation of Nietzsche's Thought (Princeton University Press).

Friedrich Nietzsche erlebt ja eine bemerkenswerte Renaissance, seit sein Denken aus dem Missbrauch durch den Nationalsozialismus befreit wurde. Mit der Zeit und der Ewigkeit, mit Liebe, Gott und Tod befasst sich Michalski vor allem in diesem Buch, dessen Komposition durch unablässiges Fragen und Versuche zu antworten Spannung erzeugt. In der Diskussion ging es vor allem um Zeit und Ewigkeit. Die Zeit fließe (langsam, schnell, gemächlich), heißt es. Im erlebten Moment teile sie sich in Vergangenheit und Zukunft. Der Zeit entgehe man genauso wenig wie dem Raum.

In Michalskis Interpretation negiert Nietzsche sowohl einen Beginn als auch ein Ende der Zeit. Sie wird und vergeht - ohne Anfang, ohne Ziel. Das sei Nietzsches Vorstellung von Zeit. Und - als Konsequenz - eine Erklärung für den Begriff der Ewigkeit. Aber was treibt die Menschen an in diesem immerwährend fließenden Strom? Womit überwinden wir den Augenblick als Gegenwart, als "Stille zwischen den Wörtern"? Die Existenz allein sei zu wenig, liest Michalski bei Nietzsche. Man brauche Wissen und - wenn das nicht reicht - auch noch die Hoffnung. Auf ein besseres Leben zu Beispiel. Wissen, kombiniert mit konzeptiver Kraft, würde die Hoffnung nähren können.

An diesem Punkt hätte die Diskussion eine Wende zum Politischen nehmen können: Über Konzepte als ideologische Programme oder über politischen Widerstand zum Beispiel. Doch es war und blieb ein streng philosophisches Gespräch, bei dem Taylor konsequent versuchte, Michalski von der interpretatorischen Nähe zum Christentum wegzulenken und - als eine von mehreren Varianten - auf die Überwindung der Zeit und das Abstreifen des Lebens im Buddhismus zu bringen. Das misslang gründlich.

Der Abend blieb in der europäischen Philosophie verhaftet. Und deshalb ein Anlass, Michalskis Buch zu lesen und Auskunft zu erhalten über Begriffe, die mit Nietzsche verbunden sind und ihn (oft genug missverständlich) überdauert haben. Zum Beispiel der Nihilismus. Er bezeichnet eine Situation, in der alle Werte versagt haben, eine Welt nach dem "Tod Gottes". Das sei kaum auszuhalten. Einzig die Philosophie könne auf den Schmerz, den die Welt gebiert, eine Antwort geben.

Vieles um uns herum verleiht Nietzsche darum Aktualität.  (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 9./10.6.2012)

  • Krzysztof Michalski: "Flame of Eternity: An Interpretation of Nietzsche's Thought"240 Seiten,  Princeton University Press (2011)
    foto: princeton university press

    Krzysztof Michalski: "Flame of Eternity: An Interpretation of Nietzsche's Thought"
    240 Seiten, Princeton University Press (2011)

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