Gschwoischädl und tote Sau

8. Juni 2012, 20:20
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Der Münchener Autor Thomas Grasberger hat eine eh nicht ganz in die Hose gegangene Kulturgeschichte des bairischen Grants geschrieben

In Österreich gibt es auf die Frage, ob einem denn etwas gefallen habe, die schöne Antwort: "Ganz arsch war es eh nicht." Das weist darauf hin, dass es nichts auf dieser Welt geben kann, dass einem rundum zusagt oder einen überzeugt. Ein Urlaub, ein Konzert, die Lektüre eines Buchs, ein Restaurantbesuch: Ganz arsch war es eh nicht. So viel Pessimismus und Negativismus müssen schließlich sein. Wer etwas vollkommen gelungen, also "super" oder "leiwand" findet, kann schließlich als ewiges naives Kind seine sieben Zwetschken nicht wirklich beisammenhalten. Georg Kreisler hat das einmal sehr schön auf den Punkt gebracht: "Alles hat zwei Seiten, eine schlechte und eine noch schlechtere."

Diese Form der Weltbetrachtung dringt tief in den Kern des Grants vor. Grant, so die These des deutschen Autors Thomas Grasberger in seiner nicht völlig misslungenen Studie "Grant - Der Blues des Südens", erweist sich dabei als weitaus mehr denn als einzig mögliche Antwort auf die Dummheit und Schlechtigkeit der Welt. Grant bedeutet auch mehr als schlechte Laune oder mieselsüchtige Grundgestimmtheit angesichts der existenziellen Zwangslage, in die man durch seine Geburt in das irdische Jammertal geraten sei.

Schon gar nichts hat Grant mit bloßem Ärger zu tun, der laut dem leider etwas in Vergessenheit geratenen österreichischen Zwischenkriegsanarchisten Herbert Müller-Guttenbrunn im Wesentlichen "das Rächen der Fehler anderer an sich selbst" sei, also eine "sehr geistreiche Beschäftigung".

Sehr wahrscheinlich handelt es sich beim Grant als von Thomas Grasberger ins bajuwarische Charakterfach gedeutetem, sich mitunter in poetische Höhen aufschwingendem Dauerzustand des Missmuts und "Mag-i-net" einerseits um eine permanente Oppositionshaltung. Der Grantler will angesichts seiner Umwelt, die ihm nicht behagt, schlicht und einfach seine Ruhe haben.

Er ist aber auch nicht bereit, diesen persönlichen Frieden mit einverständigem Schweigen seinerseits zu erkaufen. Vom griechischen Skeptiker Pyrrhon und der Erkenntnis "Wir wissen nichts" zum unbekannten nächtlichen Wirtshausphilosophen und "Nix Gwiss woaß ma nia ned" oder "Des wü i goa ned wissen" ist es menschlich nur ein kleiner Schritt.

Grant ist in seinen besten Momenten nicht die Reaktion darauf, dass im Fernsehen wieder nur Blödsinn geredet wird oder das Essen zu kalt auf den Tisch kommt. Grant funktioniert im besten Fall als Selbstverteidigung gegen Denkfaulheit oder hierarchische Strukturen. Grant richtet sich gegen sogenannte "Sachzwänge", "Traditionen" sowie das Jasagertum und gegen eine gute Laune, die sich heiter-debil in die herrschenden Zustände fügt.

Der US-amerikanische Philosoph Eric Hoffer meint dazu in "The Passionate State of Mind": "Der Ursprung des Gedankens liegt im Widerspruch - nicht nur mit den anderen, sondern auch mit uns selbst." Grant als Fortschrittsmotivator, als Kick-Ass-Stimmung, damit etwas weitergeht mit der Menschheit und der Welt?

So gesehen kann man ja die Erfindung der elektrischen Glühbirne, des Repetiergewehrs oder des Verbrennungsmotors damit erklären, dass der Erfindergeist einst einen Mordsgrant darüber verspürte, dass der Luftzug dauernd die Kerzen ausblies, der Feind einen überrannte, weil man umständlich mit dem Nachladen des Vorderladers beschäftigt war, oder ein Pferd nach dreitägigem Ritt einfach zusammenbrach, obwohl man es dauernd mit Wasser nachtankte.

Der Grant und seine in Ostösterreich unter Zusatz von Weinerlichkeit und Lebensmüdigkeit als Raunzen bekannte Variante ("Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist") scheinen jedenfalls eine ewige bairische Grundgestimmtheit zu sein; bairisch im Sinne der Verbreitung bairischer Hochsprache von Augsburg bis Wien und von Nürnberg bis Klagenfurt. Schon 576 warnt der italienische Priester und spätere Bischof Venantius Fortunatus in einem Pilgerbericht: "Wandere hin über die Alpen, wenn dir der Baier nicht den Weg versperrt."

Der arme Mann scheint da einem frühen Grantler begegnet zu sein, der dem Mann der Kirche "bissig, scharf, rücksichtslos, hindernd" gegenübergetreten sei. Da könnte ja jeder kommen! Die Lex Bajuvariorum, das aus dem 8. Jahrhundert nach Christus stammende bairische Stammesrecht, kennt übrigens geschlagene 31 verschiedene Grade der Körperverletzung, der Bußgeldkatalog reicht vom simplen Raufhandel bis zum "bösartigen" Schädelspalten.

Für das Schlagen von Bediensteten gab es übrigens keine Strafe, höchstens eine Abmahnung. Auch Totschlag, also Töten im Affekt, wurde erst ab dem 16. Jahrhundert gerichtlich geahndet. Bayerns erster Geschichtsschreiber namens Johannes Turmaier alias Aventinus (1477-1534), ein Braumeistersohn aus Abensberg, beschrieb im besagten 16. Jahrhundert sein Volk als "unfreundlich, eigensinnig, quer köpfig".

Die Baiern lieben verschwenderische Hochzeiten, Kirch weihfeiern und Leichenschmause. Sie saufen gern, schreien, singen, tanzen, spielen Karten, mögen offensichtlich lange Messer und die berüchtigten, bis weit ins 20. Jahrhundert auf Kirtagen von Zechen verwendeten Raufwerkzeuge. Über Zechen würde man heute wohl sagen, es handle sich bei diesen um gewaltbereite Gangs junger, unverheirateter Männer mit agrarökonomischem Hintergrund.

Die offensichtlich mit feixendem Vergnügen geschriebene Studie Grasbergers wird aus lauter Glück über den Untersuchungsgegenstand zwar viel zu oft mit bajuwarischen Klischees zugemüllt. Grant-Master Thomas Grasberger arbeitet unter anderem für den Bayerischen Rundfunk und lässt dessen Archiv mit prototypischem Originalmaterial von Nörglern, Grantlern, Raunzern, Gachgiftigen, Suderern und lästigen Siechen vom Münchener im Himmel ("Fix-halleluja, sog i!") über Karl Valentin ("Gar nicht krank ist auch nicht gesund"), die zwei Ludwigs Ganghofer und Thoma bis zu Franz-Josef Strauß, Franz Beckenbauer, Gerhard Polt und den Mundl Sackbauer mit seinem frisch gekauften Papagei Schurli aufmarschieren: "Des wird a Hetz werden, wenn der Vogel 'Leck mi am Arsch' sagen kann. Sitzt bled da und denkt si nix dabei." Vielleicht ist es auch dem Letztgenannten zu verdanken, dass Grasberger bei seinen Österreichverweisen auf Würstelstände, auf Psychoanalyse, Tod und Burenwurst und den Herrn Karl fixiert zu sein scheint.

Wenn wir schon bei ungesunder Ernährung sind: Grant als poetische Auslegung der Wut könnte natürlich auch körperliche Ur sachen haben. Ein mit Hopfen, Malz, Schwein und Knödel unterfüttertes bairisches Blutbild ergibt schließlich auch jenen "Lätschn ziaga", den man sich als nach unten gezogene Mundwinkel vorzustellen hat.

Auf gut bairisch sagt man über einen Grantler auch, dass er sein Gesicht hinter sich herziehe wie eine tote Sau. Doppelkinn, Halslosigkeit, Gschwoischädl stehen nicht nur für schlechte Laune, sondern auch für starken Willen, vor allem wenn es um die Lufthoheit über den Stammtischen geht.

"Grant - Der Blues des Südens", dieses sich in den meisten Fällen maulende Einfügen ins Joch des Untertanen (Wer schimpft, der kauft!), bemüht in der Ursachenforschung gern auch seriöse Quellen. Der griechische Philosoph Heraklit war bekanntlich gern aufsässig und widersprach vorzugsweise grantig-diskursiv. Platon hatte einen Pick auf die Athener wegen der Sache mit Sokrates und dem Todesurteil und entwickelte daraus sein Gedankengebäude. Schopenhauer ging nie außer Haus, ohne vorher seinen Lätschnziaga aufzusetzen. Und so weiter.

Wissenschaftlich oder gar nach Methode geht Grasberger aber nicht vor. Grant kommt sprachgeschichtlich übrigens vom altdeutschen "grannen". Das bedeutet: knurren, zanken, weinen, grinsen, lachen. Wir sehen, mit dem heute so gern erwähnten Wutbürger hat das nichts zu tun. Der lacht ja nicht. Solche Leut' hat der Grantler bekanntlich scho g'fressn. Oder um es mit Gerhard Polt zu sagen: "Ja, wo kommen denn die ganzen Leit her, die hat's doch früher auch nicht gegeben? Zumindest nicht in Bayern."

Eine brennende Frage muss schließlich noch beantwortet werden: Das neumodische Ypsilon in Bayern kommt von König Ludwig II., einem Verehrer der alten Griechen. Der fand, dass sich Bayern schicker als Baiern liest, und borgte sich im klassischen Altertum den Buchstaben. Von preußischen Ethnologen ließ er im 19. Jahrhundert übrigens auch die Lederhosen- und Seppltracht erfinden. Die hatte es vorher nicht gegeben. Er ist also mittelbar für den Musikantenstadl verantwortlich. Deswegen könnte einem jetzt glatt das Geimpfte aufgehen. (Christian Schachinger, Album, DER STANDARD, 9./10.6.2012)

  • Grant in seinen besten Momenten: "Mei Bier is ned deppat!", Edmund Sackbauer zur 
weniger grantigen, dafür besseren Hälfte Toni.
 
    foto: orf

    Grant in seinen besten Momenten: "Mei Bier is ned deppat!", Edmund Sackbauer zur weniger grantigen, dafür besseren Hälfte Toni.

     

  • Thomas Grasberger: "Grant – Der Blues des Südens".  15,50 Euro / 192 Seiten.  Diederichs Verlag, München 2012
    foto: diederichs verlag

    Thomas Grasberger: "Grant – Der Blues des Südens".
     15,50 Euro / 192 Seiten.  Diederichs Verlag, München 2012

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