Glutenunverträglichkeit: Ungutes Bauchgefühl

  • Wenn Weizen wegen Gluten zum Feind wird: Reizdarm könnte die Ursache sein.
    foto: apa/peter endig

    Wenn Weizen wegen Gluten zum Feind wird: Reizdarm könnte die Ursache sein.

Neben den organischen Ursachen einer Gluten- oder Laktoseunverträglichkeit spielt auch die Psyche eine Rolle

Darmstörungen als Modekrankheit? Im Internet häufen sich die Einträge zum Thema, und in manchen Supermärkten findet man bereits ganze Regale voll mit gluten- und laktosefreien Lebensmitteln. Für einige angeblich häufige Darmprobleme gibt es noch keine umfassenden wissenschaftlichen Erklärungen. Harald Vogelsang, Mitbegründer des neuen österreichischen Vereins "Darm plus" (siehe Interview), warnt Betroffene sogar davor, immer mehr Speisen zu meiden. "Das ist nicht zu empfehlen." Es droht einseitige Ernährung, ohne die wahren Ursachen des Leidens zu bekämpfen.

"Es gibt sowohl einen genetischen Laktase-Defekt wie auch eine erworbene Laktose-Intoleranz", erklärt die Wiener Ernährungsmedizinerin und Spezialärztin für Psychosomatik Martha Böck. Als Ursache für die vermehrt auftretenden Darmstörungen sieht sie den modernen, leistungsorientierten Lebensstil. Der daraus resultierende Stress hat starke Auswirkungen auf das vegetative Nervensystem. Das wiederum führt, wenn der Mensch nicht genügend Ruhephasen hat, unter anderem zu einer vermehrten Anspannung der Darmmuskulatur, so die Expertin. Die Folgen: Die Darmschleimhaut wird schlechter durchblutet, und dadurch werden für die Verdauung entscheidende Enzyme wie Laktase oder das Fruktose-Transportprotein GLUT5 nicht länger in ausreichenden Mengen produziert. "Deshalb kommen diese Intoleranzen häufig gemeinsam vor", sagt Böck. Vogelsang kann sich dieser Meinung allerdings nicht anschließen.

Eine Frage des Lebensstils

Zur Behandlung von Reizdarm-Störungen empfiehlt Böck eine angepasste Ernährung. Nicht jeder vertrage Vollkornprodukte oder rohes Gemüse gut. Kurzkettige Kohlenhydrate, wie sie zum Beispiel in Süßigkeiten reichlich vorhanden sind, sollten nicht auf nüchternen Magen, sondern als Nachtisch genossen werden, so Böck. Dasselbe gelte für frisches Obst. Zu viele kleine Mahlzeiten wirken sich negativ aus, stattdessen seien Zwischenpausen von vier bis fünf Stunden empfehlenswert. "Damit sich der Darm ein wenig erholen kann." Am allerwichtigsten ist aber Entspannung, zum Beispiel durch autogenes Training, meint Martha Böck. "Die Frage ist auch: Haben die Leute genügend Schlaf?" Menschen, die chronisch übermüdet sind, leiden oft unter einem verkrampften Darm, weiß die Medizinerin.

Laktase-Enzympräparate zum Einnehmen sind als Überbrückungsmaßnahme für Patienten mit einer erworbenen Laktose-Intoleranz gut geeignet, so Böck. " Bis der Körper selbst wieder genug Laktase bildet." Zudem verabreicht die Ärztin all ihren Patienten mit Dünndarm-Problemen ein Nahrungsergänzungsmittel aus Glutamin und Vitamin B6. Es fördert die Regeneration der Darmepithelzellen. Bei gezielten, individuell angepassten Therapien gibt es für die diversen Darmstörungen, mit Ausnahmen der Zöliakie und der genetisch bedingten Laktose-Unverträglichkeit, durchaus gute Heilungsperspektiven. "Man muss nicht ewig damit leben", betont Martha Böck. Reizdarm-Spezialist Vogelsang hingegen würde sich der Empfehlung zu Nahrungsmittelergänzung nicht anschließen.

Nocebo-Effekt

Das Leid einiger Betroffenen könnte allerdings durch ein besonderes Phänomen verstärkt oder gar erst ausgelöst werden: der Nocebo-Effekt. Er entfaltet seine Kraft vermutlich auf dieselbe Weise wie der Placebo-Effekt, doch mit umgekehrtem Ergebnis. Der Patient fühlt sich schlechter. Eine Frage der Psyche. Wer fest an die Wirkung - positiv oder negativ - einer Substanz glaubt, wird diese meist auch tatsächlich spüren. Hochbrisant sind diesbezüglich die Studien einer italienischen Forschergruppe unter Leitung des Gastroenterologen Piero Vernia von der Universität Rom. Die Experten unterzogen insgesamt 635 Menschen einem H2-Atemtest. Davon wurden 57 Personen negativ getestet, obwohl sie ihren eigenen Angaben nach unter Laktose-Intoleranz litten. Diese Patienten sowie 54 weitere mit einem positiven Testergebnis durchliefen anschließend ein zweites Mal denselben Test, bekamen diesmal aber, ohne es zu wissen, Glukose statt Laktose verabreicht.

Das Resultat war erstaunlich. Zwölf der 27 zuvor negativ Getesteten zeigten jetzt ein positives Ergebnis, und 14 weitere Personen mit einer bereits vorliegenden positiven Diagnose ebenfalls - obwohl sie gar keine Laktose geschluckt hatten. "Dies bestätigt vorherige Vermutungen, dass die Symptome einer Laktose-Intoleranz zumindest zum Teil psychologisch bedingt sein könnten", sagt Piero Vernia. Die wahrscheinliche Ursache: der Nocebo-Effekt. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 11.6.2012)

Share if you care