Der große Supermarkt im Outback

Die Ureinwohner Westaustraliens sind längst zu Unternehmern geworden und zeigen Gästen, wie man Waran-Eintopf macht und in der Wildnis überlebt

Dort, wo die dicke, schwarze Schlange über den roten Staub kroch, erfuhr Neville zuerst davon. Das sirrende Geräusch kam ausnahmsweise nicht von einem Bumerang, nein, es handelte sich um eine SMS. Und die Nachrichten waren keineswegs gut. Ein Autounfall, weiter unten in Broome. Ein paar Knochenbrüche, aber sonst war Sue wohl ganz okay.

Die schwarze Schlange war das Band der Zivilisation, die lange, asphaltierte Straße hinauf nach Kununurra, dem Kaff im Nordosten der australischen Kimberleys. Und Neville war der Guide, der nach den stillen Tagen im Busch zuletzt doch noch die Krise bekam. Das war spätestens am nächsten Morgen klar. Denn für Neville hing plötzlich alles zusammen: der Autounfall seiner Frau, der Besuch der schattigen Höhle der Ahnen, die sich westlich des National Highway 1 in den Falten der Kimberleys verbirgt, der weite Blick auf das rostrote, staubige Land im Nordwesten des Kontinents. Vielleicht hatte der australische Ureinwohner mit seinen fremden Gästen ja eine unsichtbare Grenze übertreten - und damit die Geister seines Clans erzürnt.

Wer mit Neville Poelina ein, zwei Wochen im Outback verbringt, widerspricht in solchen Momenten keineswegs. Man hält besser den Mund und schluckt sein "Ja, aber ..." hinunter. So wie den am Vorabend servierten Känguru-Stew. Und so wie man es während einer Reise lernen kann, die weit mehr ist, als bloß ein Trip in ein einsames Land. Die Fahrt zu den Termitenhügeln und zu den roten Felsen des Nyikina-Clans ist nämlich auch eine Reise zu einer komplexen, für Außenstehende bestenfalls zu erahnenden Spiritualität. Zu einer Spiritualität jedoch, die ohne Dreamtime-Tamtam auskommt und sich stattdessen lieber am kleinen Outback-ABC übt.

Es reicht schon eine Reifenpanne oder ein leerer Benzinkanister - schon stellt sich das starke Gefühl von der gnadenlosen Weite ein, die einem hier, im wilden Nordwesten Australiens, auf Schritt und Tritt umfängt. Beides, leerer Tank und Reifenpanne, kommen bei einem Kimberley-Urgestein wie Neville Poelina freilich nicht vor. Aber trotzdem geht man mit ihm irgendwann ein Stück zu Fuß. Staunt über die weiche Milch und die aromatischen Düfte, die er dann aus spitzen Pflanzen holt. Staunt erst recht über das Dosenbier, das im Termitenhaufen, dem "Kühlschrank des Outback" trotz brütender Hitze angenehm temperiert bleibt. Wundert sich über die großen Gourmet-Garnelen, die Neville ganz nebenbei aus flachen Wasserbecken holt und gemeinsam mit frischen Eukalyptusblättern auf die Feuerstelle legt - so wie es sich fürs Aboriginal-Aroma gehört.

Fototapete mit Kakadus und Emus

Udialla Springs heißt die Ecke, in der die Nyikina das Oongkalkada Wilderness Camp errichtet haben. Ein bizarrer Ort. Ein paar Container für Dusche, WC und Eisschrank verlieren sich da zwischen schattigen Akazien, scheinen wie bruchgelandete Zivilisationsfetzen über den roten Sandboden verstreut. Sie wollen dem Outback ein wenig Komfort abringen. Dem Charme des Lagers tut dies jedoch keinen Abbruch. Wie von einer Fototapete ist der Camp rundherum von Wildnis umzingelt, von Emus mit langen Modelbeinen und von rosaroten Wolken abrupt aufflatternder Kakadus - allein die Vogelwelt hält einem hier in Bann. Ein paar Schritte weiter kann man im Fitzroy River auf Crocodile Dundee tun. Oder man kann im "Diskonter" der australischen Indigenen shoppen: Bush-Tomatoes, nahrhafte Baobab-Schösslinge, Salt-Bush - alles da. Selbst die unscheinbarsten Sträucher stecken voller Überraschungen. "Ja, das Outback ist ein einziger großer Supermarkt mit angeschlossener Pharmazie", erzählt Neville bei solchen Gelegenheiten. Und versenkt sein Netz im Fluss, als ob es ein Einkaufskörbchen wäre.

Nicht umsonst gilt der größte Bundesstaat des roten Kontinents als Outdoor-Geheimtipp, dessen Magie sich mithilfe der Ureinwohner zunehmend erschließt, denn Neville Poelinas Touren sind längst keine Ausnahme mehr. Bushwalking, ei-ne Bootstour mit Bill Aiken vom Bunuba-Stamm durch die fantastische Geikie-Schlucht, Krabbenjagd an den entlegenen Küsten der Torres Straits oder einfach nur Didgeridoo Schnitzen - alles original Aboriginal. Sogar eine DVD, bei der die Kimberleys als eine Art Freilicht-Restaurant vorgestellt werden, haben die Ureinwohner Western Australias bereits herausgegeben. "Catch & Cook" heißt die wilde Silberscheibe. Untertitel: "Cooking Adventures". Und das ist durchaus programmatisch gemeint. Francis und Albert Cox jagen fette Warane und machen Eintopf aus ihnen. Rhanre Lee ballert per Boomerang Wildenten Richtung Kochtopf. Und Kevin Puertollano begibt sich auf die Suche nach riesigen, saftigen Krustentieren für seine berühmten Chili Mudcrab.

Knabbern an der Dürre des Landes

All das findet auf einem Kontinent statt, der vom Flugzeug aus betrachtet wie eine offene rote Wunde unter den Aluminium-Schwingen liegt. Australien ist älter als alle anderen Kontinente. Arm an Bodensubstrat und an kultivierbaren Pflanzen und vom Wind bis aufs geologische Skelett abgenagt. Kein Wunder, dass sich Australiens Ureinwohner bis heute eine auffallend sanfte Seite bewahrt haben. Wer im knochentrockenen Busch lebt, hat keine Zeit für große Kriege. Stattdessen hat man an der Dürre des Landes zu knabbern, muss sich mit zweitausend Giftpflanzen herumschlagen und wissen, wo die schönsten Plätze liegen, um das chronische Outback-Fieber auszukurieren.

Der 600.000 Hektar große Karijini National Park wäre so eine Option. Spektakuläre Schluchten hat das Wasser hier in den felsigen Untergrund der Hamersley Ranges gerillt. Kühle Pools und Wasserfälle laden zum Baden ein. Vor allem aber beherbergt der Nationalpark eines der ersten Luxuscamps in diesem Land, die unter Aboriginal Management stehen. Das Karijini Eco Retreat ist definitiv einen Besuch wert.

Das Erfreulichste an der aktuellen Entwicklung indigener Tourismusaktivitäten ist die Tatsache, dass es sich dabei keinesfalls um Eintagsfliegen handelt. Dafür sorgt schon der Dachverband "Waitoc", der die touristischen Angebote westaustralischer Ureinwohner in eigener Sache präsentiert - und so auch die Perspektive auf die indigene Kultur verlagert, weg vom voyeuristischen Bild des Ethno-Darstellers, hin zum selbstbestimmten Repräsentanten.

Buchläden und Galerien sind Teil dieses Netzwerks. Und der einzige Aboriginal-Radiosender Westaustraliens, "Goolarri Media Enterprise", beschallt das Outback mit den Songs der heißesten Aboriginal-Rocker, mit Nummern von Peter Brandy und der berühmten Saltwater Band. Längst schon kommen im Kimberley-Hauptort Broome nicht alle mit rotem Staub auf den Sohlen daher.

Doch im Moment ist man bei Goolarri Media Enterprise eher mit Lichttechnik-Tücken beschäftigt, und in der angrenzenden Lagerhalle werden goldene Papp-Kulissen entstaubt. So hektisch wischt man hier nur einmal im Jahr. Nämlich dann, wenn gerade der Schönheitswettbewerb "Kimberley Girl Contest", bei dem indigene Frauen in selbstgenähten Kleidern über den Laufsteg schreiten, vorbereitet wird ... so schön wie die alte Wildnis draußen vor der Stadt. (Robert Haidinger, Rondo, DER STANDARD, 8.6.2012)

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