Gemeinsamer Unterricht von Mädchen und Buben: Eh klar, oder?

Gastkommentar |

Der gemeinsame Unterricht von Buben und Mädchen galt als geschlechtergerechte Errungenschaft. Nun fordern die Grünen in Deutschland: Alles zurück!

Mehr und länger gemeinsam lernen ist auch in Deutschland das Schlagwort der Stunde. Integrativer Unterricht, längere Grundschule, bevor auf weiterführende Schulen aufgeteilt wird, gemeinsamer Unterricht für 1. und 2. Klasse, mehr Gesamtschulen.

Beim Geschlecht hört sich die Gemeinsamkeit auf

Der eine soll vom anderen lernen. Stärkere sollen Schwächeren helfen. Kinder mit Behinderungen sollen gemeinsam mit allen anderen Kindern in einer Klasse sitzen, damit soll das soziale Miteinander gestärkt werden. Doch wenn es um die Geschlechter geht, gilt wieder Kommando zurück, Mädchen und Jungen wieder trennen.

Es ist ein Widerspruch zu all den neuen Schulkonzepten, die gerade von Grünen und SPD gefordert werden und explizit darauf abzielen, Schüler in ihrer Schullaufbahn möglichst nicht zu separieren. Die darauf abzielen, unterschiedliche Leistungsniveaus in einer gemeinsamen Klasse zu beschulen. Wo das Migrantenmädchen neben dem Professorensohn sitzt, wo soziale Hintergründe nivelliert und das soziale Miteinander gestärkt werden soll. Multikulti bis in die hinterste Bankreihe - aber beim Geschlecht hört die Gemeinsamkeit als Königsweg auf. Wie passt das zusammen, wenn man die Gleichheit der Geschlechter propagiert, dann aber ausgerechnet eine Trennung nach Geschlecht in der Schule fordert?

Andere Fragestellung von Buben und Mädchen

Die grüne Bildungsministerin von Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann, hat vorgeschlagen, Jungen und Mädchen zumindest in einzelnen Fächern doch lieber wieder getrennt zu unterrichten, um so geschlechterspezifische Förderung möglich zu machen. Offenbar sind Mädchen und Jungen doch unterschiedlicher, als die Gender-Experten uns immer weismachen wollen. Laut Löhrmann brauchen Mädchen beispielsweise einen anderen Zugang zu Technik und naturwissenschaftlichen Fächern allgemein. In Chemie beispielsweise wollten Mädchen vor allem wissen: "Wofür brauche ich das?" Wollen Jungen das etwa nicht wissen? "Wenn sie wissen, dass das zum Beispiel für Kosmetik interessant ist, haben sie einen eigenen Zugang", so Löhrmann. Kosmetik. Mehr geschlechterstereotyp geht kaum. Und ob es hilfreich ist, wenn sich die angehende Chemielaborantin der Illusion hingibt, dass sie fortan verschiedene Lippenstiftfarben anrührt, anstatt sich wie alle anderen mit der Vielseitigkeit der Chemiebranche zu beschäftigen?

Die Emanzipation frisst ihre Kinder

Es ist eine alte feministische Forderung, basierend auf dem immer wieder neu reanimierten Klischee, dass Mädchen in den klassischen Jungenfächern - gibt es die überhaupt noch? - wie Naturwissenschaften und Mathematik von den Jungen eingeschüchtert sind und deswegen abgehängt werden. Dass sie sich in Anwesenheit von Jungs nicht trauen, nicht genug ermutigt werden und deswegen später weniger häufig Berufswege in diese Branchen einschlagen. Die altfeministische Zeitschrift "Emma" beschäftigte sich bereits im Jahr 1989 mit dem Titelthema "K.O.-Edukation" mit dem Tenor, Koedukation mache Mädchen dümmer. Die gleichen Argumente wie damals finden sich auch heute wieder. In einem feministischen Revival schlägt nun Frau Löhrmann vor, an Experimentierstationen oder bei der Arbeit mit dem Computer Mädchen- und Jungen-Tische zu bilden, die unterschiedliche Aufgaben bearbeiten. In Fächern, in denen Jungen traditionell vorne seien, brächten sich Mädchen zum Teil nicht ein, ließen eher die Jungen machen und lernten es dann nicht selbst. Seltsam, dass das Prinzip, das zwischen guten und schlechten Schülern funktionieren soll, angeblich zwischen Jungen und Mädchen nicht klappen kann.

Seltsam auch, dass der gemeinsame Unterricht bei seiner Einführung in den 60er-Jahren doch gerade als geschlechtergerechte Errungenschaft gefeiert wurde. Dass es als Gewinn betrachtet wurde, gerade von den Feministinnen, dass Mädchen endlich die gleichen Schulen besuchen dürfen wie Jungs. Dass sie nicht mehr getrennt voneinander lernen, dass Mädchen alles können, was Jungs können. Doch nun frisst die Emanzipation ihre Kinder.

Angesichts der Tatsache, dass nicht nur in Deutschland, sondern auch in zahlreichen anderen Ländern inzwischen Mädchen die Jungen in der Schule überholt haben, stellt sich die Frage nach der Notwendigkeit weiterer Mädchenförderung. Mädchen haben die besseren Schulabschlüsse, sie bleiben seltener sitzen, brechen weniger oft die Schule ab und studieren häufiger. Auch bei Fächern wie Mathematik lassen sich Leistungsunterschiede kaum mehr feststellen. Jedenfalls nicht zwischen Jungen und Mädchen, wohl aber zwischen einzelnen Bundesländern.

Immerhin, auch für Jungen soll es Vorteile geben, zum Beispiel, wenn sie im Deutschunterricht und in den Sprachen von den Mädchen getrennt werden. Löhrmann hebt dabei explizit die Leseförderung hervor: "Da muss man eher zum Sachbuch oder zu den 'Wilden Kerlen' greifen statt zu 'Hanni und Nanni', damit Jungen Spaß am Lesen bekommen." Vielleicht auch noch hellblaue und rosafarbene Buchumschläge? Auch bei der Lesekompetenz ist der Abstand zwischen Mädchen und Jungen von Bundesland zu Bundesland und auch international sehr unterschiedlich. Wahrscheinlich ist, dass die Qualität des Unterrichts eine Rolle spielt und nicht das geschlechtliche Umfeld.

Nein, Löhrmann fordert kein komplettes Zurück und eine komplette Trennung von Mädchen und Jungen, doch wie viele Fächer bleiben dann noch übrig, in denen man gemeinsam lernt? Wenn wir Mathematik, Physik, Biologie, Chemie und Informatik wegen der Mädchen trennen sollen und Deutsch, Englisch und Französisch wegen der Jungs, bleibt nur noch ein kleiner gemeinsamer Rest. Von den Kosten ganz zu schweigen. Denn einzelne Fächer getrennt zu unterrichten fordert dann doppelte Lehrerzahl in den Stunden, doppelte Klassenzimmerzahl, Fachräume usw. Schon heute sind Lehrer gerade für naturwissenschaftliche Bereiche Mangelware.

Es stellt sich sowohl dem gesunden Menschenverstand als auch der wissenschaftlichen Fachwelt die Frage, ob ein Trend zum Separieren der Geschlechter nötig ist. Und ob er in Wirklichkeit nicht mehr schadet als nützt. Nirgendwo in der Welt treffen unsere Kinder auf eine geschlechtergetrennte Welt. Egal ob zu Hause, auf dem Spielplatz oder später im Beruf: Immer werden Männlein und Weiblein sich zusammenraufen müssen, werden sie gemeinsam leben und arbeiten müssen. Werden sie mit Dingen konfrontiert, die ihnen nicht unbedingt liegen, mit Fachgebieten, die sie weniger mögen als andere, deswegen aber dennoch bearbeiten müssen. Warum also sollten sie in der Schule nicht gleich darauf vorbereitet werden?

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen - diesen Satz kennt wohl jeder. Das Leben ist aber nun mal nicht geschlechtergetrennt. Warum also in der Schule eine rosarote, alternativ hellblaue Wolke schaffen, die rein gar nichts mit der Realität zu tun hat? Tatsächlich wäre es sinnvoller, gerade in der Schule das Bewusstsein dafür zu stärken, dass Männer und Frauen unterschiedlich sind. Ja, dass sie die Dinge unterschiedlich angehen und dass es mehrere Wege zum Ziel gibt. Wird uns nicht in der Frauenquoten-Debatte immer vorgehalten, dass geschlechtergemischte Teams angeblich in der Wirtschaft besser und effektiver arbeiten als homogene Gruppen und wir deswegen mehr Frauen in den Männerzirkeln brauchen? Warum soll das nicht auch für die Schule gelten? Und ist es dann nicht unsere Pflicht, Kinder frühzeitig auf das gemeinsame Arbeiten trotz aller Unterschiede vorzubereiten? Da erscheint eine Trennung nach Geschlecht als nahezu kontraproduktiv, als Vorbereitung auf das spätere Leben.

Pseudowissenschaftliche Argumente

In der Fachwelt sorgte im Herbst 2011 der Artikel "The Pseudoscience of Single-Sex Schooling" - zu Deutsch "Die Pseudowissenschaft der Monoedukation" - in der wissenschaftlichen Publikation "Science" für Aufruhr. Dieser kam zu dem Ergebnis, dass es keinerlei Beweis dafür gebe, dass eine Geschlechtertrennung im Unterricht von irgendeinem Nutzen sei.

Die renommierte US-Psychologin Diane Halpern und ihre Kolleginnen kommen darin zu dem Schluss: "Es gibt keine einzige gut gemachte Studie, die zeigt, dass geschlechtergetrennter Unterricht tatsächlich zu besseren Noten führt." Die angeblichen Fakten, die als Grundlage für eine Geschlechtertrennung üblicherweise herangezogen würden, basierten schlicht auf Pseudowissenschaft. Zwar gebe es Studien, dass Absolventen reiner Mädchen- oder Jungenschulen teilweise bessere Abschlüsse erzielten, es sei jedoch nicht ersichtlich, ob dies tatsächlich durch die Geschlechtertrennung zu erklären sei. Eine Vorselektierung der Schüler aus bestimmten bildungsstarken Milieus verfälsche das Ergebnis.

Im Klartext: Geschlechtergetrennte Schulen sind oft klassische Eliteschulen, oft aus Tradition schon konfessionelle, noch öfter katholische Schulen. Eltern, die ihre Kinder dorthin schicken, kommen eben nicht aus den viel zitierten bildungsfernen Schichten, sie legen viel Wert auf Bildung und das Vorankommen ihrer Kinder. Eine amüsante Allianz bezüglich Monoedukation übrigens, dass hier konservative Christen und experimentierfreudige Alternative plötzlich inhaltlich auf einer Linie stehen - wenn auch aus unterschiedlicher Motivation.

Halpern stellt sich mit ihren neuen Erkenntnissen vor allem gegen ihren ebenfalls bekannten Kollegen Leonard Sax, der als Gründer der Organisation "National Association for Single Sex Public Education" die Monoedukation vorantreibt und mit aus seiner Sicht ebenfalls neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Entwicklungsbiologie und Hirnforschung argumentiert. So sollen Jungen angeblich bei einer Raumtemperatur von 20,5 Grad besser lernen, während Mädchen bei 23,8 Grad Topleistungen bringen. Mir stellt sich gerade die Frage, wer in dem Schulcontainer, in dem unsere älteste Tochter bereits seit zwei Jahren untergebracht ist, gerade im Vorteil ist? Die Jungs bei eisigen Temperaturen im Winter und die Mädchen im Sommer, wenn die Hitze unerträglich wird? Sax argumentiert auch, dass Jungen und Mädchen unterschiedlich angesprochen werden müssen. So bräuchten Jungs einen harten Tonfall und Mädchen eine sanfte Ansprache. Da ist es wieder, das Klischeedenken. Kollegin Halpern kommt nach Überprüfung zahlreicher Vergleichsstudien zu dem Schluss, dass es sich dabei um "obskure" und "pseudowissenschaftliche" Ergebnisse handele, die größtenteils widerlegt seien, und findet dafür auch in Deutschland unter Wissenschaftlern Bestätigung.

Auch der Behauptung, getrennter Unterricht begeistere Mädchen für Naturwissenschaften und bringe sie näher an klassische Männerberufe, erteilt Halpern eine Absage. Es gebe vielmehr Erkenntnisse, dass die Trennung von Mädchen und Jungen Stereotype und Sexismus sogar fördere. Jungen, die nur mit Jungen zusammen sind, erhöhen ihr aggressiveres Verhalten und Mädchen untereinander verstärken ihr weiblich-stereotypes Verhalten. So zeige etwa eine neue Studie, dass junge Frauen auf Mädchenschulen sogar häufiger typische Frauenfächer belegen und weniger an naturwissenschaftlichen Themen interessiert seien - dass also genau der gegenteilige Effekt dessen eintritt, was sich die Feministinnen erhoffen.

Am Schluss glauben alle dran

Sowohl Halpern als auch Kollegen wie Walter Herzog vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Bern plädieren stattdessen für ein Umdenken bei den Lehrern. Herzog hat mehrere Studien zum Thema Koedukation durchgeführt und kommt zu dem Schluss, dass Leistungsunterschiede zwischen den Geschlechtern nahezu verschwinden, wenn die Lehrer für Stereotype sensibilisiert sind und im gemeinsamen Unterricht auf die unterschiedlichen Interessen von Mädchen und Jungen eingehen. Stereotype à la "Darin sind die Jungs besser" und "Darin sind die Mädchen besser" existieren demnach eher in den Köpfen als in der Realität. Nicht nur bei den Schülern selbst, sondern auch bei den Lehrern. Mädchen, die gut in Physik sind, würden als Ausnahme betrachtet, das Gleiche gelte für Jungs in angeblichen "Frauenfächern". Dementsprechend wird es nicht als normal betrachtet, sondern als Ausnahme. Es ergibt sich eine Art self-fulfilling prophecy, wenn der Lehrer gar nicht erwartet, dass Mädchen gut in Mathe und Jungs gut in Deutsch sind. Am Schluss glauben alle daran.

Halpern kommt zu dem Schluss, dass das Geld, das man für die Trennung von Mädchen und Jungen im Unterricht aufbringt, besser in eine entsprechende Ausbildung der Lehrer zum Thema investiert würde. Und ich füge hinzu: auch in die interessantere Gestaltung des Unterrichts. Wenn ich höre, mit welch grausiger Begeisterung unsere Tochter davon berichtet, dass sie Kuhaugen im Biologieunterricht seziert hat, dann kann ich nicht glauben, dass sie eine Extraansprache für Mädchen braucht. Nötig sind Lehrer, die eine ganze Klasse für ein Thema begeistern können, mehr nicht. (Birgit Kelle, derStandard.at, 8.6.2012)

Autorin

Birgit Kelle, The Euroepan, ist freie Journalistin und Vorstandsmitglied des EU-Dachverbandes "New Women For Europe" mit Beraterstatus am Europäischen Parlament sowie Vorsitzende des Vereins "Frau 2000plus".

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