Ray Bradbury 1920-2012

Stefan Gmünder, 7. Juni 2012, 20:47

Der Autor von "Fahrenheit 451" und Erneuerer des Science-Fiction-Genres starb 91-jährig in Los Angeles

Los Angeles - Als François Truffaut 1962 in den USA seinen Film Jules et Jim präsentierte und bei dieser Gelegenheit auch gleich über sein nächstes Filmprojekt Fahrenheit 451 (u. a. mit Oskar Werner und Julie Christie) sprach, war zum Erstaunen des französischen Regisseurs keinem der anwesenden Journalisten der Name Ray Bradbury ein Begriff.

Heute gehört Bradburys 1953 erschienener Roman, dessen Titel auf die Temperatur anspielt, bei der "Bücherpapier Feuer fängt und verbrennt", zu den Klassikern - nicht nur des technischen Zukunftsromans und der Science-Fiction-Literatur. Bradbury selbst bezeichnete den Roman, in dem Buchbesitz als ein die Konformität bedrohendes Verbrechen gilt und die Feuerwehr nicht zum Löschen, sondern eben um Bücher zu verbrennen anrückt, gern als "Groschenroman". Nicht des Inhalts, sondern seiner Entstehungsbedingungen wegen.

Als Vater zweier Töchter zog sich der junge Autor in einen Uni-Schreibsaal zurück, wo man mit Münzautomaten versehene Schreibmaschinen mieten konnte. Dort, so Bradbury, hämmerte er "für zehn Cent pro halbe Stunde meine gehetzte Prosa in die Maschine." Das Buch kostete ihn schließlich 9 Dollar und 80 Cent.

Ein Viel- und Schnellschreiber war der am 22. August 1920 in Illinois geborene Sohn eines Amerikaners und einer Schwedin von Anfang an.

Bring mich nach Hause

Mehr als 500 Kurzgeschichten hat Bradbury geschrieben, dazu zehn Romane sowie Drehbücher (u. a. für John Hustons Moby Dick). Und produktiv war der schwer erkrankte Bradbury bis ganz am Schluss. Vergangenen Montag noch erschien im New Yorker mit Take me home ein wunderbarer kleiner Text über den Großvater, das "creative beast", das im Jungen erwachte, und den Impact, den Edgar Rice Burroughs Mars-Zyklus auf ihn hatte.

Ohne Burroughs, so Bradbury, würde es seine 1950 erschienenen, aus diversen Kurzgeschichten zusammenkompilierten Mars-Chroniken nicht geben. Bradbury liebte Bücher und Bibliotheken. Zehn Jahre lang verbrachte er drei Tage die Woche in der Bibliothek, um zu lernen. Durch sein Wissen und seine Neugier, was es da "draußen" noch geben und was kommen könnte, hat Bradbury das Genre der Science-Fiction-Literatur wesentlich verbreitet. Der Technik stand er übrigens nicht unkritisch gegenüber.

In der Erzählung Das Kinderzimmer im Erzählband Der illustrierte Mann (Diogenes Verlag) beispielsweise wendet sich eine schöne neue Welt, in der die Gedankenimpulse von Hausbewohnern - auch um Kinder ruhigzustellen - telepathisch auf die Hauswände projiziert werden, gegen die Bewohner selbst.

Würden wir nur auf den Intellekt hören, sagte Bradbury, würden wir uns nie verlieben, nie Schritte ins Unbekannte wagen: "Man muss immer von neuem von den Klippen springen und im Fallen seine Flügel bauen." Ray Bradbury starb am Mittwoch 91-jährig in Los Angeles. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 8.6.2012)

Zur Nachlese:
Science-Fiction-Autor Ray Bradbury gestorben
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