Bis zu den Grenzen des Erträglichen

7. Juni 2012, 20:11
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Ein Filmspecial zu Gewalt, Tod und Sexualität beim 9. VIS-Festival im Gartenbaukino

Wien - "Ich musste die Innenaufnahmen im November drehen, weil dann die Tiere bei elektrischem Licht geschlachtet werden und weil das Dampfen des Blutes in der Kälte der Hallen die Komposition von Bildern ermöglichte." In seinem 1949 entstandenen Le sang des bêtes (Das Blut der Tiere) zeigt der französische Filmemacher Georges Franju knapp zwanzig Minuten lang das Töten in den Pariser Schlachthäusern. Das Grausame an diesem Film ist jedoch nicht die Effizienz, mit der den Kälbern und Schafen die Köpfe und Gliedmaßen abgehackt werden. Die Grausamkeit liegt in der Kunst der empathischen Inszenierung, mit der Franju uns zwingt, den Augenblick des echten Todes so mitanzusehen, dass sich das über den Tod hinausreichende Zucken der Leiber in uns Zuschauern fortsetzt.

Das Blut der Tiere ist eine Kampfansage an das Publikum, denn Franju suchte nach den Grenzen der Darstellbarkeit über jene der Erträglichkeit. Damit schließt er nicht nur unmittelbar an Klassiker wie Luis Buñuels surrealistischen Un chien andalou an, sondern auch an eine bis zu den Anfängen des Kinos zurückreichende subversive Tradition, die dem Zuschauer dessen eigenen Voyeurismus offenbart.

Für die Reihe "Pushing the Boundaries", die sich bei VIS anhand überwiegend aktueller Arbeiten mit der Frage nach Schaulust und Provokation im Kino beschäftigt, steht Das Blut der Tiere wiederum selbst für eine filmhistorische Vergewisserung. Denn wie Martin Scorseses ebenfalls zu sehender The Big Shave (1967), in dem ein junger Mann seine Rasur mit dem Durchschneiden der Kehle beendet, und Jean Genets Gefängnisklassiker Un chant d'amour (1950), eine "onanistische, von verzweifelter Frustration und sinnlicher Sehnsucht erfüllte Fantasie" (Amos Vogel), ist auch Franjus Schlachtfilm Beleg dafür, dass bei der Darstellung von Gewalt, Tod und Sexualität die Grenzen des Erträglichen immer schon gesucht und gefunden wurden.

So überraschen die aktuellen Arbeiten vor allem durch ästhetische Vielfalt und formalen Witz, mit denen diese Grenzen, etwa zur Pornografie und zu Körperhorror, sowie physische Reaktionen im Kinosaal ausgelotet werden. In Nuit Blanche (2010) des Kanadiers Arev Manoukian fühlen sich zwei Fremde nach einem verheißungsvollen Blickkontakt in einer regennassen Nacht buchstäblich so stark voneinander angezogen, dass diese Kraft ihre Körper zu zerstören droht. In stilisiertem Schwarzweiß bersten Glasscheiben und deformieren sich Autos in Zeitlupe, bis die Liebenden ihr Ziel zumindest in ihrer Fantasie erreicht haben.

In dem für die britische Sängerin M.I.A. gedrehten Videoclip Born Free (2010) von Romain Gavras wiederum regiert die brutale Realität, wenn ein diktatorisches US-Regime Jagd auf Rothaarige macht. Dass ausgerechnet die Zensur durch das Videoportal Youtube dem Film einen enormen Bekanntheitsschub verlieh, offenbart den schmalen Grat zwischen künstlerischer Provokation und marketingstrategischem Reiz.

Wie sehr die Grenzverletzung unmittelbar mit der Angst des Zuschauers gekoppelt ist, zeigt I (2007) von Luke Losey: Knapp zwei Minuten betrachtet die Kamera in extremer Großaufnahme ein Auge, das - von metallischem Sounddesign unterlegt - verwirrt hin und her wandert. Bis man plötzlich im Schwarz der Pupille sieht, wie sich eine Tür öffnet und im nächsten Moment helles Neonlicht auf das Auge fällt. Tiefer kann die Angst vor dem nicht mehr Zumutbaren nicht sitzen.     (Michael Pekler, DER STANDARD, 8.6.2012)

  •  "The Big Shave" von Martin Scorsese (1967)
    foto: vis / scorsese

    "The Big Shave" von Martin Scorsese (1967)

  • "Un chant d'amour" von Jean Genet (1950)
    foto: vis

    "Un chant d'amour" von Jean Genet (1950)

  • "Nuit Blanche" von Arev Manoukian (2010)
    foto: vis / manoukian

    "Nuit Blanche" von Arev Manoukian (2010)

  • "I"  von Luke Losey (2007)
    foto: vis / losey

    "I" von Luke Losey (2007)

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