Mit beseelten Meteoriten raus aus der Schockstarre

7. Juni 2012, 19:32
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Hinter angekündigter Konzeptlosigkeit findet sich erstaunlich viel Didaktik. Die am Samstag startende Documenta 13 ist weniger provokant geraten, als die Ankündigungen ihrer Leiterin vermuten ließen: Kunst als Impulsgeber

Die erste kritische Frage im Raum quittierte Carolyn Christov-Bakargiev mit einem spöttischen: "Schön, dass Sie Ihre Frage von Ihrem iPhone abgelesen haben." Soeben noch hatte die künstlerische Leiterin der Documenta 13 selbst ihren Vortrag vom Blatt gelesen, immer wieder mit " Skip, skip, skip" das Überspringen von Passagen markiert und war dafür mit Zwischenapplaus der großteils gelangweilten Journalisten bedacht worden. Nach der bisherigen Documenta-Politik der Verschwiegenheit und der Vielleichts, der autoritären Ausrutscher gegen Kunst im öffentlichen Raum und der Provokationen, die Mensch aus dem Zentrum der Weltsicht schubsen und Objekte beseelen, hatten nun viele in der Pressekonferenz auf Erlösung gehofft.

Stattdessen klammerte sich die Documenta-Chefin CCB, die im Vorfeld mit den gehässigsten Beinamen bedacht wurde, jedoch an ihr Skript. Aber hat wirklich jemand daran geglaubt, dass Christov-Bakargiev ausgerechnet jetzt den ausgerufenen Weg der Konzeptlosigkeit verlässt? Dass eine zum Moloch ausgewachsene Großausstellung mit 24,5 Millionen Euro Etat und CCB, die sich mehrfach zum Verweigern von Erwartungen bekannte, nun diesen entsprechen würden? Konkret sein bedeutet auch festgelegt sein. Und allzu Fixiertes verlangt uns wenig Beweglichkeit im Denken und wenig Diskurs ab. Die Documenta 13 interessiert jedoch der Prozess.

 Von ihren Ausrutschern im Vorfeld, etwa den Restriktionen gegenüber künstlerischen Fremdkörpern im Hoheitsgebiet der Documenta 13, einmal abgesehen hat Bakargiev im Grunde auch genug gesagt: Ihr Ausgangspunkt ist die politische, ökonomische und ökologische Krise und der Zustand der Ohnmacht angesichts fehlender Lösungen.

Ihre Ansätze sind Zweifel und Perspektivwechsel: Wenn die menschenzentrierte Sicht auf die Welt, wenn die Wissenschaft nicht weiterweiß, wieso werfen wir unsere Übereinkünfte und Erkenntnisse nicht über den Haufen und probieren andere Wege? Hinterfragt wird alles, und alles wird möglich. Wenn die Welt sich verkehrt, muss auch der Mensch angestammte Plätze verlassen. Frei nach Jonathan Meese - "Die Kunst ist menschenunabhängig" - sinniert die Documenta also über die Ansichten und Gefühlswelten eines 37 Tonnen schweren Meteoriten.

Unsicheres Terrain

Und mit diesem Rüstzeug bewegt man sich auf das unsichere Terrain, das Christov-Bakargiev in Kassel gefunden und aufbereitet hat: Denn mehr als jemals zuvor werden neben musealen Räumen periphere Orte und der öffentliche Raum bespielt. Aber trotz dieser Ausbreitung in den Stadtraum drängt sich diese Documenta visuell nicht gerade auf - auch da bleibt Christov-Bakargiev ihrem Motto, jegliches Spektakel zu vermeiden, treu.

Einer der zentralen Spielorte ist der Hauptbahnhof, ein Raum des Aufbrechens und Ankommens. Dessen Symbolkraft wird genutzt, um eines der zentralen, aber abstrakten Motive von "Zusammenbruch und Wiederaufbau" physisch greifbar zu machen: Das Kassel des Zweiten Weltkriegs und des Wiederaufbaus wird zur exemplarischen Oberfläche. Man folgt dem Audio-Video-Guide von Janet Cardiff und George Bures Miller der über den Bahnhof führt, den Blick lenkt. Die Arbeit lässt den Besucher mit ihren Augen sehen, öffnet den Reflexionsraum, indem sie etwa an den Startpunkt der Deportationen, das Gleis 13, leitet.

Eine Art emotionale Didaktik, die Christov-Bakargiev auch bei vielen eingeladenen Künstlern anwendete: Vielen ließ sie Breitenau nahe Kassel zeigen, eine Klosteranlage, in der sich während des NS-Regimes unter demselben Dach, nur getrennt durch die Wand hinter der Orgel, ein KZ befand - vorher eine Besserungsanstalt, später ein Umerziehungsheim. Mehrere Künstler griffen den zwiespältigen Ort auf, darunter Clemens von Wedemeyer, der sich in einem Videotriptychon, platziert in einem tristen Lagerraum, aus drei unterschiedlichen Zeit- und Realitätsachsen diesem Teil der Geschichte nähert. Auch Willie Doherty nutzt die Atmosphäre des Ortes und zeigt in einem der hintersten "Schuppen" einen Film, der Natur und ein verfallenes Haus abtastet. Darin wird das Objekt nahezu zum lebendigen Subjekt, Physis und Psyche verschmelzen.

Ebenso wird der Bahnhof zum Sinnbild der Peripherie, die zwischen den Gleisen beginnt und zarten Ruderalpflänzchen der freien Rede (Critical Art Ensemble) ebenso fruchtbaren Boden bietet wie subkulturellen Alternativen und gesellschaftlichen, ökologischen und antikapitalistischen Initiativen, mit denen die Gruppe And And And kollaboriert.

 

Ein unwirtlicher Ort, der den Besucher zum Suchen und Spazieren verdammt, dabei aber, didaktisch klug, Raum und Zeit zu Reflexion gibt. Pausen und Blenden, die in den musealen White Cubes trotz angestrebter Luftigkeit fehlen.   (Anne Katrin Feßler aus Kassel, DER STANDARD, 8.6.2012)

  • Javier Téllez nutzte die Abgeschiedenheit des Ortes und setzte eine künstliche Höhle in die Lagerhallen des Hauptbahnhofs: ein Kino, in dem er über Normales und Pathologisches sinniert.
    foto: henrik stromberg

    Javier Téllez nutzte die Abgeschiedenheit des Ortes und setzte eine künstliche Höhle in die Lagerhallen des Hauptbahnhofs: ein Kino, in dem er über Normales und Pathologisches sinniert.

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