Leibesübung im Seelenkeller

7. Juni 2012, 19:18
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Ulrich Seidl blättert in "Böse Buben / Fiese Männer", frei nach David Foster Wallace, im sexuellen Bedürfniskatalog von Männern: ein Abend triebgeladener Geständnisse im Theater Akzent

Wien - Die sexuellen Eskapaden europäischer Frauen, die am heimischen Markt nicht mehr reüssieren, standen im Mittelpunkt von Ulrich Seidls in Cannes präsentiertem Film "Paradies: Liebe". In den Armen kenianischer Beachboys suchen die Urlauberinnen dauerhaftes Glück, körperliche Zuwendung gibt es freilich nur im Tausch gegen harte Euros. Der Weg in die Desillusionierung ist vorgezeichnet.

Seidls Wiener-Festwochen-Produktion "Böse Buben / Fiese Männer", eine Kooperation mit den Münchner Kammerspielen, verhält sich zu "Paradies: Liebe" ein wenig wie ein Komplementärstück. Anstatt auf afrikanischen Stränden befinden wir uns in einem leergeräumten heimischen Keller mit Spinden - Seidl arbeitet auch an einer Dokumentation zu diesem speziellen Ort des Österreichers -, in dem sich die daheimgebliebenen Männer zum Workout ihrer psychosexuellen Defekte versammeln. Ein einarmiger Fitnesstrainer (Lars Rudolph) gibt mit Trillerpfeifchen die Übungen vor, die von klassischen Sit-ups und Liegestützen über Stille-Post-Spielen bis zu derb-folkloristischen Liedeinlagen reichen.

Als Textvorlage dient "Kurze Interviews mit fiesen Männern", eine Sammlung von Kürzestgeschichten von David Foster Wallace, mit denen der US-Romancier eine Art Pathologie der Liebe des ausgehenden 20. Jahrhunderts verfasst hat. Menschen erzählen, in vielfältigen Textsorten, von intimen Geheimnissen, Wünschen, Sehnsüchten und einer sehr grundlegenden Einsamkeit.

Seidl greift mehr das Prinzip des Buches auf, als dass es ihm um eine klassische Umsetzung ginge - dazu ruht der Regisseur mit seiner eigenen Vorliebe für die körperlich-triebhaften Bedürfnisse des Menschen zu sehr im eigenen Universum. Statt um Sprache und ihre rhetorischen Hintertüren geht es bei Seidl um Verkörperung und Entäußerung. Der Reiz liegt bei ihm darin, dass die Linie zwischen Spiel und Existenz nicht immer auszumachen ist.

So wird der erste Teil beispielsweise von René Rupnik dominiert - einer typischen Seidl-Existenz -, der seine eigenen wuchernden Monologe zu dieser Produktion beiträgt. Mit "Der Busenfreund" war ihm schon einmal ein Film gewidmet. In "Böse Buben / Fiese Männer" funktioniert er wie eine Jukebox, die über promiskuöse Monarchen, das eklige Aussehen von Geschlechtsorganen oder die Abgründe der eigenen Sexualität übergangslos Auskunft geben kann.

Die szenische Rahmung mit Leibesübungen, dem Einstudieren von Bodybuildingposen und kürzeren Chorstücken bleibt an dieser Stelle noch etwas statisch. Allerdings kommt im Laufe des Abends ein jeder der Truppe auch zu seinem Solo am Ende der Rampe, und damit gewinnt der Abend an Geschlossenheit. Die Logik der Herauslösung ist so naheliegend wie wirkmächtig: In der Runde noch aufgehoben, öffnen sich die Figuren in der Isolation, lassen in den Abgrund ihres Begehrens blicken oder beichten ihre libidinösen Energien.

Während die von Georg Friedrich mit zwänglerisch über den Bauch gezogener Hose verkörperte Figur Bondage-Fantasien preisgibt und damit beklemmend den schmalen Pfad zur Perversion abschreitet, verkehrt Nabil Saleh als Ausländer in Wien auf witzige Weise vorherrschende Stereotype über orientalische Männer. Lars Rudolphs Trainer erzählt hingegen davon, wie ihm seine Behinderung beim Aufreißen von Frauen zugutekommt.

Manchem Premierenbesucher im Theater Akzent wurde es zu viel. Dabei müht sich die Inszenierung redlich, der Rede vom Sexuellen eine Dringlichkeit zu verleihen, die eine weitere Ebene erschlösse. Seidl drängt in jene Zone hinein, in der gesellschaftliche Übereinkünfte von Moral und Anstand, Tabus, selbst Verbote angesichts der Omnipräsenz des Triebhaften ins Wanken geraten. Meist reicht es an diesem Abend nur bis kurz davor, doch Anschauungsmaterial findet sich genug. Jubel und Buhrufe hielten sich die Waage. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 8.6.2012)

Vorstellungen: 8., 9., 10., 11. Juni

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    Trainer Lars Rudolph mit seinem Team aus bedürftigen Männern in Ulrich Seidls Theaterproduktion "Böse Buben / Fiese Männer".

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    foto: conny mirbach
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