Jüdisches Leben: Vom Mostviertel in die ganze Welt

7. Juni 2012, 19:10
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In einer Buchreihe wird erstmals die Geschichte der jüdischen Bevölkerung des Mostviertels aufgearbeitet

Ob klerikal, ob liberal,

die Feuerwehr hilft überall.

Und da Ernst, der denkt dazua

noch: Oi,

kein Unterschied zwischen Jud und Goi!

Wieselburg/Wien - "Da Ernst" hieß Ernst Kerpen, er lebte in der Nähe von Waidhofen an der Ybbs und war Feuerwehrmann - jüdischer Feuerwehrmann und damit Angehöriger einer bisher wenig beachteten Minderheit im Mostviertel. Erstmals wird die Geschichte der Juden im südwestlichen Niederösterreich nun aufgearbeitet: Johannes Kammerstätter, pensionierter Lehrer, veröffentlichte unter dem Titel Tragbares Vaterland drei Bücher, die sich mit dem jüdischen Leben im Mostviertel, den verzweigten Familiengeschichten und Texten wie jenem von Ernst Kerpen beschäftigt.

Aus Gedichten, Tagebüchern und Briefen schließt Kammerstätter, dass die Mostviertler Juden im Vereinsleben gut integriert waren - in Musikvereinen, bei den Jägern, bei der Feuerwehr. Die Gemeinde war auf die ganze Region verteilt. Erstmals angesiedelt haben sich Juden im Mostviertel Mitte des 19. Jahrhunderts, hat Kammerstätter herausgefunden. In Kemmelbach nahe Ybbs gab es sogar eine Synagoge und eine jüdische Volksschule, der Anteil der Juden an der Bevölkerung lag dort bei über zehn Prozent. Im Lauf der Jahrzehnte war die Gemeinde aber oft ohne Rabbi, einziger Fixpunkt war ein reisender Religionslehrer - und der jüdische Friedhof in Ybbs, den es bis heute gibt.

Autos, Werkzeug, Zeit

Ebendieser Friedhof war auch Ausgangspunkt für Kammerstätters Beschäftigung mit dem Thema. Mit den Schülern des Francisco-Josephinums in Wieselburg, wo er Religions- und Musiklehrer war, sanierte er den Friedhof - so gut es ging: "Wir hatten zwar kein Geld, aber die Schule gab uns Autos, Werkzeug und Unterrichtszeit."

Daraus entstand die Idee, zu jedem Namen auf den Grabsteinen Familienangehörige zu finden. Kammerstätter machte daraus sein Pensionsprojekt, forschte in den spärlichen Unterlagen der jüdischen Gemeinde, beim Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes und in den Melderegistern der Gemeinden. Und er fand Juden mit Mostviertler Wurzeln in aller Welt.

Niederösterreich war für viele nur eine Zwischenstation. Zwar habe, sagt Kammerstätter, die jüdische Bevölkerung "einen großen Beitrag zur Industrialisierung der Region geleistet", die Kinder schickte man aber meist ins Gymnasium oder zum Studium nach Wien, denn "auf Bildung ist unheimlich viel Wert gelegt worden". Kammerstätter stieß auf enorme Aufsteigerbiografien: "Es gibt Familien, in denen die Großeltern noch Bettler in den östlichen Ländern der Monarchie waren, und die Enkel wurden Rechtsanwälte oder Ärzte."

Massiver Antisemitismus

Er fand auch Belege für massiven organisierten Antisemitismus in der Region - lange vor der Schoah. So trafen sich 1890 in Waidhofen an der Ybbs die Studenten- und Professorenvertreter der deutschnationalen Burschenschafter und beschlossen, alle jüdischen Akademiker aus ihren Kreisen auszuschließen - eine Entscheidung, die für die gesamte Monarchie Gültigkeit hatte. In antisemitischen Publikationen aus der Zeit findet die Region mehrmals Erwähnung im Zusammenhang mit judenfeindlichen Ausschreitungen.

Der Holocaust zerstörte das jüdische Leben im Mostviertel weitgehend. Nun soll zumindest für die Auseinandersetzung mit dem Thema ein neuer Anlauf genommen werden. Kammerstätters Buchreihe soll Anstoß geben für eine Reihe von (internationalen) Schulprojekten. Am 11. Juni gibt es dazu eine Veranstaltung im Jüdischen Museum in Wien. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 8.6.2012)

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    Die jüdische Gemeinde war in der ganzen Region verstreut. In Kemmelbach bei Ybbs hatte beispielsweise die Familie Glaser ihr Geschäft.

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