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vergrößern 600x400Gitarrist Oliver Ackermann (Mitte) und die Rocker A Place To Bury Strangers aus New York drehen die Lautstärke bis zum Anschlag.
Irgendwann wird es natürlich etwas unangenehm, wenn man bei einem Gespräch nur noch jeden zweiten Satz versteht oder nicht mehr so gern telefoniert, weil das Handy leider keine 120-Watt-Boxen eingebaut hat. Bevor man aber 40 wird und den Weg des Pete Townshend vom Närrischen ins Derrische geht - und sich eine Hausexplosion in der Nachbarschaft vom Altenpfleger in Zeichensprache übersetzen lassen muss, macht das Erregen öffentlichen Ärgernisses mittels lauter Musik sehr viel Spaß. Im Alter ist ohnehin nichts leicht. Da sind die Ohren noch das geringste Problem.
Das klingt jetzt natürlich alles dramatischer als es ist. Erstens muss man als Großvater nicht alles, was gesagt wird, auch wirklich hören. Zweitens geht bei 90 Prozent aller Konversation das Gegenüber ohnehin davon aus, dass man ihm seine Zustimmung bekundet. Im Zweifel also immer " Ja." und "Sowieso!" sagen. Sollte das in einem von zehn Fällen nicht gut ankommen, kann man sich immer noch korrigieren. Das werden viele junge Rocker nicht gern hören, aber: Neben der Gefahr des Drogenmissbrauchs und sehr viel sinnlos verbrachter Lebenszeit in Kleinbussen, Zweisternhotels und vor leckeren Backstage-Buffets mit Liptauerbroten aus dem Diskonter sowie vielen unbekannten betrunkenen lokalen Freunden von der letzten Tour am Tisch, muss man einfach auch ganz ehrlich und emotionslos auf eines hinweisen: Freunde, wenn ihr diesen Beruf länger ausübt, werdet ihr ziemlich schwerhörig werden.
Ein konkretes Beispiel: Das in Brooklyn beheimatete Trio mit dem nicht ganz unflotten Friedhof-der-Namenlosen-Alleinstellungserkmal A Place To Bury Strangers kauft als Inhaber des in einer Weltstadt wie New York womöglich gegen härteste Konkurrenz durchgesetzten Titels der lautesten Liveband der ganzen City seine Gerätschaft längst nicht mehr von der Stange. Damit bei der Lautstärke einer startenden Passagiermaschine die Gitarren ordentlich kreischen, wenn sie sich durch Schädelknochen fräsen oder der Bass mehr nach Kolbenverreiber als nach einem banalen Musikinstrument klingt, werden in der hauseigenen Werkstätte Death By Audio Effektgeräte wie das vielgerühmte Fuzz War produziert. Außenstehende haben sich die Wirkung des Kästchens so vorzustellen, als ob man die Sologitarre aus "Satisfaction" der Rolling Stones akustisch derart zu Superenergie bündelt, dass man damit Marshall-Verstärker, Jagdpanzer oder den Überlebenswillen der Fans brechen kann.
Das dritte Album von A Place To Bury Strangers um den Soundtechniker, Gitarristen und Sänger Oliver Ackermann nennt sich "Worship". Es ist das bisher beste, also gemeinste und lauteste der Band. Mit gnadenloser Härte badet das Trio nicht nur in der rhythmischen Heftigkeit alten US-Hardcores. Man entdeckt in all dem infernalischen Gejaule plötzlich auch jene Art zeitlos aus den 1960er-Jahren herüberwehender Melodien, wie sie beim Haupteinfluss der Band seit jeher zu orten waren. Die britischen Altväter The Jesus and Mary Chain bleiben mit ihrem Ersten Album "Psychocandy" von 1985 zwar weiterhin ungeschlagen, wenn es darum geht, über deren abgespielte Tonkonserven in einer Indiehütte wie dem Wiener Chelsea bei entsprechender Lautstärke eine Schlägerei unter den Gästen anzetteln zu können. Aber das US-Trio ist schon ziemlich nah an der Steilvorlage dran. Tolle Arbeit. Man versteht zwar nur die Hälfte, aber: Weiter so! (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 8.6.2012)
A Place To Bury Strangers - "Worship" (Dead Oceans/Trost)
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