"Was ist an Wein natürlich?"

Interview |
  • Stuart Pigott, Reisender in Sachen Wein.
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    Stuart Pigott, Reisender in Sachen Wein.

Stuart Pigott bereist für seine Bücher die Welt in Sachen Wein und befasst sich mit all seinen Ausdrucksformen - Zum Wochenende besuchte er die Vie Vinum

STANDARD: Was ist der spannendste Trend derzeit?

Stuart Pigott: Sehr spannend ist, wie die Winzerschaft weltweit derzeit auf die Klimaveränderungen reagiert. Zum Beispiel stelle ich mit einigem Staunen fest, dass man in Bordeaux eher hinterherhinkt. Sonst hätte man nicht plötzlich mit den Jahrgängen 2009 und 2010 auf breiter Front Alkoholwerte, die vorher in diesem Ausmaß vor allem in zwei aufeinanderfolgenden Jahrgängen nie gesehen wurden.

Es gibt eine simple Altformel: umso größer die Blattmasse, desto größer die Zuckerproduktion. Also ist es uraltes Wissen, das scheinbar nicht konsequent genug angewendet wird. Zum Beispiel scheinen die Basalblätter unten am Trieb eine größere Rolle bei der Aromaproduktion zu spielen als die Blätter oben. Da ist es mit der heutigen Technik eine Leichtigkeit, Blätter oben zu entfernen, einfach um die Zuckerproduktion zu bremsen.

STANDARD: Viel Zuckereinlagerung bedeutet hohen Alkohol, was immer öfter kritisiert wird. Eigentlich gibt es den Trend zu Weinen, die nicht mehr ganz so alkoholisch sind ...

Pigott: Offensichtlich hat Bordeaux diesen Trend zu weniger Alkohol nicht kapiert, weil sie so isoliert sind. Sie sind in ihrer traditionsbehafteten, leicht größenwahnsinnigen Welt gefangen.

STANDARD: Ist Bordeaux immer noch an der Spitze der weltweiten Qualitätspyramide?

Pigott: Also qualitativ keinesfalls. Als ich anfing, mich mit Wein auseinanderzusetzen, Anfang, Mitte der 1980er Jahre, gab es erstmals auch außerhalb Frankreichs Rotweine, die qualitätsmäßig problemlos neben den besten Bordelaiser Gewächsen stehen konnten. Inzwischen gibt es Massen solcher Gewächse aus x verschiedenen Ländern. Und Bordeaux ist längst in der Defensive, was die öffentliche Darstellung ihrer Qualitäten betrifft, und ist am Markt nur wegen neuer Ländermärkte wie der ehemaligen Sowjetunion oder der Volksrepublik China so erfolgreich. Wenn man diese beiden Marktfaktoren subtrahiert, sieht es für Bordeaux nicht so lustig aus.

STANDARD: In Österreich gilt 2011 als Spitzenjahrgang. Wie sieht das jetzt, nachdem Sie einiges probieren konnten, für Sie aus?

Pigott: Der Klimawandel ist jetzt hochaktuell, weil dieser Jahrgang von Wärme und Trockenheit geprägt war. Beide Dinge spiegeln sich im Gerbstoff wider, darin, wie bitter der Wein ist. Bei Rotwein ist das nicht so ein Problem, weil generell mehr Gerbstoff im Spiel ist, aber bei Weißwein sehr wohl. Und das trifft Österreich als Weißweinland besonders. Bei Grünem Veltliner ist es besonders heftig. Manche Winzer haben die Situation sehr gut in den Griff bekommen. Was gelungen ist, ist genial. Aber andere haben gepennt. Das ist eine harte Schule, durch die die Winzer jetzt gehen. Denn die Leute ziehen weiter, wenn es ihnen nicht schmeckt.

STANDARD: Welche Weinbauländer haben eigentlich gut auf die Klimaveränderungen reagiert?

Pigott: Ich sehe hier in Deutschland eine etwas verspätete Reaktion. 2009 war Feuer am Dach, weil Weine von üblicherweise 12,5 Prozent plötzlich jenseits von 13,5 lagen. Eine massive Korrektur wurde etwas zu spät, aber doch eingeleitet. Und das trug Früchte. 2011 sind Weine, die alkoholmäßig aus dem Ruder gelaufen sind, sehr selten. Endlich, sage ich dazu. Wenn dieser Klimawandel in Österreich noch nicht so ernst genommen wird, dann hat das möglicherweise mit den Wachauer Monumentweinen mit 14 und 14,5 Volumenprozent zu tun, die in den Medien mit ihren hohen Punktzahlen dastehen. Also das ist eine legitime Kategorie, wunderbar. Aber es bedeutet nicht, dass alle Weine in diese Richtung gehen sollen.

STANDARD: Wie sollte man auf die Klimaveränderungen reagieren?

Pigott: Man muss im Weinberg anfangen. Notfalls kann man den Weinberg anders bepflanzen. Die klassische Nord-Süd-Ausrichtung der Rebzeilen stammt aus Zeiten, als es ein Problem war, die Trauben nördlich der Alpen reif zu bekommen. Wenn man da stattdessen die Zeilen um 45 Grad in Richtung Südwest-Nordost verdreht, dann holt man die Temperatur im Weinberg am Nachmittag um gut zwei Grad Celsius herunter. Und das ist erheblich.

STANDARD: Was ist mit bestehenden Weinbergen?

Pigott: Man muss sich überlegen, wie viel Blattmasse man stehen lässt. Und man kann auch recht spät eine Korrektur machen. Im September gibt es bei vielen Traubensorten immer noch die Möglichkeit, die Bremse zu ziehen.

STANDARD: Bei den Roten gehen wir davon aus, dass Österreich ein kühles Weinbaugebiet ist ...

Pigott: Diese ganze Blaufränkisch-Sache ist sehr wichtig, auch wegen ihrer Signalwirkung. Vielleicht wäre es am besten, österreichischen Rotwein als mittelgewichtiges, elegantes, feines Gewächs zu sehen statt als Ersatz für einen wuchtigen Übersee-Bomber. Sorry für die drastische Formulierung, aber so sehe ich das.

STANDARD: Und es gibt in der Wachau einige junge oder quer eingestiegene Produzenten, die einen anderen Weg eingeschlagen haben ...

Pigott: Und das ist erfreulich. Denn auch ein kleines Weinbaugebiet braucht eine Vielfalt an Weinstilistiken. Das finde ich unglaublich wichtig. Vielfalt oder Biodiversität oder wie man es in den unterschiedlichen Zusammenhängen auch nennen möchte, ist Reichtum. Und ich als Journalist versuche, diese stilistische Vielfalt zu fördern. Wie wäre es, wenn alle Männer einer einzigen Frau nachlaufen würden oder umgekehrt? Es wäre ein Desaster. Vielfalt ist ein sehr wichtiger Wert. Ich glaube auch, dass Vielfalt eine gewisse Stabilität bringt. Was wäre, wenn österreichischer Weißwein nur in eine Richtung ginge und dann die Weintrinker dieser Welt genau das dieses Jahr nicht wollen? Das macht doch auch den Reiz des Weines aus, dass so viele verschiedene Möglichkeiten vorhanden sind.

STANDARD: Verstehen das auch die Weintrinker oder wollen die immer nur die 100-Punkte-Weine?

Pigott: Die Weintrinker sind zum Glück auch nicht homogen. Natürlich gibt es Leute, die nur überkonzentrierte Klopper möchten. Aber das ist eine Minderheit. Der normale Mensch möchte einen Wein, der Freude bereitet, der recht locker runterfließt und einem nicht die Birne vollhaut nach einem Glas.

STANDARD: Im Moment sind "natural wines" in aller Munde. Ist das nicht auch Vielfalt?

Pigott: Ich habe ein Problem mit dem Begriff, weil es eine Diskriminierung gegenüber allen anderen Weinen ist. Er suggeriert, dass sie unnatürlich seien. Aber nehmen wir zum Beispiel Schwefel: Die Erzeuger von "natural wines" verteufeln Schwefel. Aber wenn sie Schwefel verteufeln, dürfen sie zum Beispiel auch keinen Brokkoli oder Blumenkohl (Karfiol, Anm.) essen, die ja eine ganze Menge an Schwefel enthalten, und zwar mehr als Wein. Diese Verteufelung ist unsinnig und suggeriert auch, dass Schwefelkonservierung ein ganz neuartiger Zusatzstoff ist.

In Deutschland wurde der Gebrauch von Schwefel 1497 legalisiert, also fünf Jahre nachdem man Amerika entdeckt haben will. Das bedeutet, dass es bereits im 15. Jahrhundert eine Lobby gab, die in den Jahren davor auf die Legalisierung gedrängt hatte. Ich glaube, man kann also von einem traditionellen Konservierungsstoff reden. Die Vorstellung, dass Wein durch das Weglassen von Schwefel "natürlicher" ist, finde ich unsinnig. Rebstöcke stehen in Zeilen in einem Weinberg, der von Menschen geschaffen wurde, und werden mit Geräten, und seien es alte Geräte, bearbeitet. Was ist daran natürlich? Der Wein ist kein Naturprodukt, sondern ein Kulturprodukt. Und ein guter Wein wird von Winzern erzeugt, die einfühlsam und vorsichtig die natürlichen Prozesse lenken. Aber sie lenken, ganz definitiv.

STANDARD: Wird sich diese Art von Weinen halten oder ist es nur eine Modeerscheinung?

Pigott: Also ein bisschen wird bleiben. Bernhard Ott macht, finde ich, einen sehr guten Amphorenwein, oder Stéphane Tissot im schweizerischen Jura. Das sind einfach gute Weine, die finden immer einen Markt. Und auch gute Amphorenweine werden einen Markt finden. Aber dieses ganze Gruselzeug, das voller Fehltöne ist, wird irgendwann wegfallen. Die Guten werden sich durchsetzen, die Schwachen werden wegfallen. Der Prozess wird auch ablaufen, weil diese Produkte nicht gerade billig sind. Banale Billigprodukte, die bleiben schon. Aber teure Produkte, die nicht dauerhaft Begeisterung auslösen, die haben keine Chance. Der Konsument ist nicht dumm.

STANDARD: Würde das aber nicht auch heißen, dass alle Industrieweine wegfallen müssten?

Pigott: Was ist Industriewein? Das ist meist sauberer, korrekter, aber langweiliger Wein. Sachen, die lieblos auf der jeweiligen Welle reiten. Wenn er nicht sauber gemacht ist, wird er oft nicht einmal in Weinflaschen gefüllt. Wir leben in einer globalen Überproduktion, und ein Teil dieses richtigen Gruselzeugs wird zu Billigwodka destilliert und über Billigcocktails verabreicht. Das klingt gruselig, aber wir leben in einer gruseligen Welt. Wie soll sich Wein hier raushalten? Er ist weder Naturprodukt noch heile Welt.

STANDARD: Natürlich schmecken diese "natural wines" auch anders. Die einen sagen, das ist fehlerhaft, die anderen sagen, das ist Komplexität und Purismus ...

Pigott: Was ein Fehler ist, ist natürlich zu diskutieren. Aber ich spreche von klassischen Fehltönen, wie sie in den Fachbüchern stehen, wie der Mäuselton, der an einen Mäusekäfig erinnert ...

STANDARD: Müssen wir uns von den üblichen Geschmäckern verabschieden oder einfach akzeptieren, dass es eine Erweiterung des Geschmacksbildes gibt?

Pigott: Es ist eine stilistische Erweiterung. Und die Guten werden sich durchsetzen und die Schwachen werden wegfallen.

STANDARD: Ist die Vie Vinum eigentlich ein guter Platz, um Neues zu entdecken?

Pigott: Ja. Man kriegt innerhalb weniger Tage schon einen guten Eindruck, was los ist. Natürlich ist es kein Ersatz für Besuche bei den Winzern vor Ort, was ich in den Tagen danach mache. Aber in wenigen Tagen bekommt man sehr viele Eindrücke. Und das ist unersetzlich. (Luzia Schrampf, Rondo, DER STANDARD, Langfassung, 8.6.2012)

Stuart Pigott, 1960 in London geboren seit den 1980ern in Deutschland lebend, ist Anhänger des Gonzo-Journalismus (vgl. "Gonzo" auf seiner Homepage) und begann 2008, weil er das Gefühl hatte, nicht genug zu wissen und nicht tief genug in der Materie drinnen zu sein, an der Fachhochschule in Geisenheim (Rheingau) Önologie zu studieren. Er hängte auch "eine praktische Übung" an: Christian und Simone Stahl von Winzerhof Stahl in Auernhofen in Franken liehen Pigott für ein Jahr zehn Zeilen Müller-Thurgau-Reben in der Lage Hasennest. Am 15. September 2010 präsentierte Pigott seinen ersten Wein in Berlin. Pigott schreibt für unterschiedliche Magazine, u.a. für die Frankfurter Allgemeine am Sonntag und veröffentlichte zahlreiche Bücher, darunter ein umfassendes Standardwerk über Wein in deutschsprachigen Landen "Wein spricht Deutsch" (2007) und eine Trilogie, in der er sich mit Weinen weltweit, deren Entwicklungen und der Zukunft des Weines auseinandersetzt: "Schöne neue Weinwelt" (2003), "Wilder Wein" (2006) und "Wein weit weg" (2009). Die dritte Staffel seiner sehenswerten TV-Doku "Weinwunder Deutschland" wird gerade gedreht (gesendet auf BR3), die erste und zweite sind auf DVD (Amazon) erhältlich. Das Buch dazu, "Weinwunder Deutschland", erschien im Verlag Tre Torri.

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